Von Veit Medick und Philipp Wittrock
Berlin - Jetzt soll alles ganz schnell gehen. Nächste Woche wollen SPD und Grüne in Nordrhein-Westfalen Verhandlungen aufnehmen, bis zum 10. Juli soll ein Koalitionsvertrag stehen, drei Tage später könnte Hannelore Kraft sich zur Ministerpräsidentin wählen lassen. Dann wäre sie unter Dach und Fach, die rot-grüne Minderheitsregierung - jene Lösung, die Kraft erst nicht wollte und dann am Donnerstag plötzlich doch anstrebte.
Doch wie lange wird das Bündnis ohne Mehrheit halten? Wie stabil ist es? Oder taugt es gar als Vorbild für andere Bundesländer - sozusagen als Düsseldorfer Modell?
Tatsächlich scheint der Plan ein großes Wagnis. Zwar fehlt dem Bündnis nur eine Stimme zur absoluten Mehrheit, die für die meisten Gesetze ohnehin nicht gebraucht wird. Aber ganz aus eigener Kraft ist eben nichts zu machen, stets droht die Gefahr, von der "Opposition" aus Linkspartei, CDU und FDP vorgeführt zu werden. Die Linke signalisiert Unterstützung - doch gerade das kann Kraft nicht gefallen. Eine informelle Kooperation mit den als "Chaoten" geltenden Parlamentsneulingen würde ihren Gegnern bei jeder Abstimmung eine hübsche Steilvorlage liefern.
Blocklogik überlagert Sachlogik
Einen "riskanten Schritt" nennt Hubert Kleinert den rot-grünen Minderheitsplan. Der Politikprofessor aus Gießen und frühere Grünen-Politiker vermutet hinter dem Manöver eher das Kalkül, "aus der Regierung heraus in Neuwahlen gehen zu können", sollte das Bündnis etwa an der Abstimmung zum Haushalt zerbrechen: "Solange die Blocklogik die Sachlogik überlagert, ist die Minderheitsregierung zum Scheitern verurteilt."
Auch der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann spricht von einer "Übergangssituation", Neuwahlen seien früher oder später wahrscheinlich. "In Deutschland herrscht große Skepsis gegenüber Minderheitsregierungen", sagt Alemann. Die Wähler wollten hierzulande gerne klare Verhältnisse, nähmen dafür sogar lieber eine Große Koalition in Kauf. "Daher ist eine Minderheitsregierung keine glückliche Lösung", sagt Alemann.
Vorbild Magdeburg
In anderen Staaten ist die Suche nach wechselnden Mehrheiten an der Tagesordnung, zum Beispiel in Skandinavien. Ein Blick in die deutsche Historie zeigt, dass solche Modelle hierzulande meist nur von kurzer Dauer waren - mit einer Ausnahme.
Spiel mit wechselnden Mehrheiten
Die SPD in NRW aber will von einer reinen Zwischenetappe angeblich nichts wissen. Demonstrativ zuversichtlich blickt man in die Zukunft. "Wir sind ins Gelingen verliebt", umschreibt Landesvize Marc Herter die Gefühlslage der Genossen. Soll heißen: So schnell lassen wir die Minderheitsregierung nicht gegen die Wand fahren. "Wechselnde Mehrheiten" sollen die Koalition sichern, das Parlament soll zum Forum gemacht werden, wo debattiert wird und Kompromisse über die Blöcke hinweg ausgelotet werden. Schon sprechen die Grünen von einem "Aufbruch für die Demokratie in NRW". Es klingt ein bisschen nach Polit-Märchen.
Besonders im Blick haben SPD und Grüne die Liberalen. Insgeheim hoffen sie, dass sich die FDP bei bestimmten Vorhaben der Regierungslinie anschließt und sich im Laufe der Wahlperiode vielleicht doch noch für eine Ampel-Koalition entscheidet.
Der Weg dorthin ist allerdings sehr weit, die FDP schaltete am Freitag gleich mal auf Totalopposition. Man würde nicht "als Feigenblatt für einen Linksblock im Landtag" dienen, erklärte FDP-Fraktionschef Gerhard Papke. "Realistischerweise muss Kraft sich die Stimmen von der Partei holen, mit der sie formal nicht koalieren will: nämlich von der Linken", sagt denn auch Politikwissenschaftler Alemann. Von einer "de-facto-Tolerierung" spricht sein Kollege Kleinert. Zwar hat Kraft im Wahlkampf lediglich eine formale Tolerierung durch die Linken ausgeschlossen. Doch dürfte auch eine ungewollte Kooperation Rot-Grün viel Unruhe bescheren. "Das könnte zu einem Glaubwürdigkeitsproblem für sie werden", so Alemann.
Wackelige Option im Fünf-Parteien-System
Hinzu kommt: Kraft selbst scheint von einer Minderheitsregierung nicht viel zu halten. Das hatte sie zuletzt oft genug angedeutet. Tagelang zierte sie sich vor der wackligen Machtoption, um den Schritt schließlich doch zu wagen. Überzeugung und Entschlossenheit sehen anders aus.
Ein Signal geht jedenfalls von NRW schon jetzt aus. "Die Parteien und auch die Wähler werden sich im Fünf-Parteien-System daran gewöhnen müssen, dass eine Mehrheit immer öfter nur durch ein Dreier-Bündnis zu erreichen sein wird", sagt Alemann. Doch ein bisschen Hoffnung macht er SPD und Grünen auch: "Sollte es einmal eine funktionierende Minderheitsregierung geben, könnte auch das eine Alternative für die Zukunft sein."
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Rot/Grün machen fast *10 Milliarden neue Schulden* in NRW - trotz komender Schuldenbremse. Politiker lieben Schulden. Damit können sie Wahlversprechen bezahlen, ohne sofort anderswo zu sparen. Und da die meisten Staatsschulden [...] mehr...
Wenn ich sowas lese, wird mir schlecht. mehr...
ist, dass die Partei mit 46% eben keine Mehrheit hat, weil die anderen zusammen 54% haben. Ist doch nicht so schwer, oder? Sie wären mit Ihrem Demokratieverständnis ein passender Royal. mehr...
So wird die Partei und der Wäheranteil, der die Mehrheit der STimmen hat gepflegt ignoriert. Wenn das ihre Vorstellung von Demokratie ist, wären wir wohl mit einem König besser bedient. mehr...
Aber das sind doch Todesurteile auch.Hier kommt es doch eher auf die Qualität an, z.B. wie und unter welchen Umständen ist eine Abstimmungzustande gekommen.Auch, und gerade in sogn. Demokratien sind faule Kompromisse bei [...] mehr...
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