• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.06.2010
 

Steuerdebatte in der Koalition

Merkel rügt Lindners Hotel-Volte

Kanzlerin Merkel: "Dann muss ich in der Früh so etwas hören" Zur Großansicht
REUTERS

Kanzlerin Merkel: "Dann muss ich in der Früh so etwas hören"

Die Kanzlerin ist nicht amüsiert: FDP-General Lindner hat die isolierte Senkung der Hotelsteuer als Fehler gebrandmarkt - und damit Angela Merkels Zorn geweckt. Vor den versammelten Koalitionsspitzen erteilte sie dem Liberalen eine Lehre.

Hamburg - Eigentlich wollte das schwarz-gelbe Bündnis seine Dauerfehde endlich beenden. Doch im Koalitionsausschuss war an diesem Dienstag davon wenig zu spüren. FDP-Generalsekretär Christian Lindner hatte mit einem Radiointerview am Morgen im Deutschlandfunk den Zorn der Kanzlerin erregt. In dem Gespräch hatte er die isolierte Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen als "Fehler" bezeichnet. Angela Merkel kritisierte den Liberalen daraufhin scharf.

Die Kanzlerin warf dem FDP-Generalsekretär nach Angaben aus Teilnehmerkreisen in der morgendlichen Sitzung des Koalitionsausschusses vor, mit seinen Aussagen neue Unruhe in das Regierungsbündnis zu tragen. "Ich dachte, wir wollten hier etwas ruhiger werden, und dann muss ich in der Früh so etwas hören", wurde die Kanzlerin zitiert. Sie jedenfalls halte sich an den Koalitionsvertrag. Als Lindner sich verteidigte, habe die Kanzlerin erwidert: "Zur Beruhigung trägt das jedenfalls nicht bei."

Merkel war verärgert, weil Lindner in dem Interview erklärt hatte, bei der Entscheidung für die Absenkung der Hotelsteuer am Anfang des Jahres habe der "ordnungspolitische Kompass" nicht richtig funktioniert. Statt diesen Umsatzsteuersatz einzeln zu korrigieren, hätte die Koalition dies in einer großen Reform tun sollen, erklärte der FDP-Generalsekretär.

Merkel wies Lindner in der Spitzenrunde am Dienstag darauf hin, dass die CDU seinerzeit genau diese Linie vertreten habe - im Gegensatz zu FDP und CSU. Tatsächlich hatten sich die Christdemokraten bei der Hotelsteuer dem Druck der kleinen Partner gebeugt. Trotzdem verteidigte Merkel die Entscheidung später als Beschluss der gesamten Koalition. Nun aber, so heißt es aus Teilnehmerkreisen des Koalitionsausschuss, entstehe der Eindruck, als ob ausgerechnet die FDP von der unpopulären Entscheidung abrücke.

Abgesehen von dem Hinweis, dass sein Generalsekretär doch nur das Prozedere, nicht aber die Absenkung als solche kritisiert, soll FDP-Chef Guido Westerwelle auf eine Verteidigung Lindner verzichtet haben. Die Bundesregierung wies die Darstellung offiziell zurück, Merkel habe Lindner "gerüffelt". Die Kanzlerin schätze dessen Arbeit sehr, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Koalition will Mehrwertsteuer-Chaos lichten

Im Koalitionsausschuss verständigte sich Schwarz-Gelb nun darauf, die Reform des Mehrwertsteuersystems nach der parlamentarischen Sommerpause in Angriff nehmen. Wilhelm erklärte, die Koalition habe sich darauf verständigt, dass sie nicht in Einzelthemen aufgespalten, sondern "in einem Gesamtkonzept" angegangen werden solle. Notwendig sei eine "geordnete Diskussion". Unionsfraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier sagte, es gehe nicht um Einnahmeverbesserungen oder -verschlechterungen, sondern darum, das System einfacher, logischer und gerechter zu machen. Das schließe nicht aus, dass es am Ende "Effekte auf der Einnahmeseite" gebe.

Lindner erklärte, man wolle das System insgesamt auf den Prüfstand stellen. Da sei "kein Bereich ausgenommen", sagte der Liberale, der an diesem Tag auch noch die Meldung verkraften musste, dass seine Partei erstmals seit acht Jahren in einer Umfrage auf vier Prozent abgestürzt ist. Sein Parteifreund, der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil, erklärte, die Landesregierung habe das Ziel umgesetzt, "Wettbewerbsverzerrungen, unter denen gerade die bayerischen Hotelbetriebe zu leiden hatten, zu beseitigen. An dieser Politik werden wir auch weiterhin festhalten."

Lindner, den manche schon als Nachfolger von Parteichef Westerwelle sehen, sagte, es werde weiter einen reduzierten Satz für Grundnahrungsmittel und Grundbedürfnisse geben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) müsse einen Vorschlag machen, "wie das System klarer und ordnungspolitisch sauber aufgestellt wird". Die CSU reagierte zurückhaltend. Generalsekretär Alexander Dobrindt erklärte, die Koalition wolle im Herbst wie verabredet darüber beraten, wie ein Fahrplan für eine Strukturreform bei der Mehrwertsteuer aussehen könnte. "Bis dahin sind alle inhaltlichen Debatten verfrüht und sinnlos."

In Koalitionskreisen hieß es, neben der FDP poche vor allem CDU-Fraktionschef Volker Kauder auf eine Reform. Die Kanzlerin und Finanzminister Wolfgang Schäuble seien dagegen zurückhaltender.

Der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Ernst Burgbacher (FDP), der in der Vergangenheit die Senkung der Mehrwertsteuer mehrfach verteidigt hatte, sagte am Dienstag zu SPIEGEL ONLINE: "Die FDP-Position ist klar, der Koalitionsvertrag gilt unverändert. Die Bundesregierung wird eine Kommission zur Neuordnung der Mehrwertsteuersätze einsetzen. Eine vorzeitige Änderung kommt auf keinen Fall in Betracht." Dies, betonte der Liberale, gelte "insbesondere für den reduzierten Mehrwertsteuersatz im Beherbergungsgewerbe".

ler/phw/sev/apn/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 66 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.06.2010 von onzapintada: Nach der Kanzlerette die Sintflut

Richtig, die Kanzlerette müsste die Richtlinien bestimmen. Auch wenn der Mehrwertsteuermurks von FDP und CSU gekommen ist, hat sie ihn wider besseres Wissen genehmigt. Jetzt will sie am Murks festhalten, um noch laenger [...] mehr...

30.06.2010 von John.Moredread: ...

Wird sie nicht. Niemand sagt, das die FPD die Steuer wieder zurücknehmen möchte - das wird sogar explizit und ausdrücklich erwähnt. Es geht darum, das gesamte MWSt-System unter die Lupe zu nehmen. Daher auch mein Beitrag, in dem [...] mehr...

30.06.2010 von John.Moredread: ...

Nö. Derjenige, der einen unsinnigen Vorschlag einbringt ist immer noch (wenn auch nur ein bisschen) schlimmer als derjenige, der ihn mitträgt. Abgesehen davon - Unionswähler? Die meisten Leute, die ich kenne, wählen eine [...] mehr...

30.06.2010 von saul7: ++

Anstatt Lindner zu rüffeln, wäre Merkel gut beraten, wenn sie und der Rest der Regierung dafür sorgen würden, dass in der geplanten "Steuerreform" diese Regelung "unternehmerfreundlich" wieder kassiert wird. mehr...

30.06.2010 von frkt: Alles Dumpfbacken

Warum nur auf die FDP eindreschen, wenn Sie mal einsichtig wird? Die CSU ( besonders Seehofer, immer noch dafür )hat diese unsägliche Mövenpick-Steuer doch mit durchgesetzt. Und die Kanzlerin spielt bei diesem Blödsinn den [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Merkels schwarz-gelbe Regierung

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Streitpunkte von Schwarz-Gelb

Sparpaket

dpa
Bis 2014 wollen Union und FDP im Bundeshaushalt 81,6 Milliarden Euro einsparen, vor allem bei Arbeitslosen, Familien und im öffentlichen Dienst. Auch die Wirtschaft soll zur Kasse gebeten werden. Aus der Union gibt es aber Forderungen, Spitzenverdiener stärker zu belasten, weil das Paket zu unsozial sei.

Gesundheit

Opel-Hilfen

Bildung

Atomlaufzeiten

Wehrpflicht

Hartz IV

Vorratsdatenspeicherung

Sicherungsverwahrung

Jobcenter

Solarförderung






TOP



TOP