Wo einst "Stoppt Strauß"-Plaketten auf den Autos der wenigen nicht-christlichsozialen, also roten, grünen oder anderen alternativen Bayern klebten, prangt heute ein "Stoppt den Qualm"-Aufruf. Die traditionelle CSU-Herrschaft sieht irritiert und stumm zu, wie die einstigen Nonkonformisten auf ihrem Zug zur konformistischen Gesundheits-Gesellschaft immer mehr Zulauf erhalten.
Die meisten Grünen erinnern sich an den skandalumwitterten früheren bayerischen Regierungschef Franz-Josef Strauß so wenig wie an ihre Apo- Ursprünge in bunter Vielfalt. Jetzt kämpfen sie darum, den Menschen ein einheitliches, von Staats wegen rundum geschütztes Wohlfühl-Leben zu verschaffen.
Die Menschen finden das prima, sie wollen gern in einer Bionade-Wellness-Oase leben, wollen gern geschützt werden, gerade vor sich selbst. So steigt die Popularität der radikalen grünen Biedermänner und -frauen auf Rekordwerte.
Die Sozis machen zögerlich zunächst, aber zunehmend begeistert mit. Sie haben endlich eine Welle gefunden, auf der sie mitreiten können. Was sollen sie auch sonst tun? Wohin streben, wenn der ideologische Marschkompass seit Jahren kaputt ist?
Und die CSU-Granden müssen sich nicht quälen: Es ist nicht ihr Versagen, es ist ein Megatrend, der gerade die bayerische Provinz überwältigt hat. Sie haben ihn nur nicht rechtzeitig genug erkannt, um selber aufzuspringen. Gelegenheit dazu wird es sicherlich noch geben. Dem strikten bayerischen Rauchverbot werden rasch weitere in anderen Bundesländern folgen - die neue, regierungserpichte rot-grüne Frauengruppe in Düsseldorf hat sich ja schon gemeldet - und schon bald wird ganz Deutschland weitestgehend qualmfrei sein.
Die nächsten Schlachten stehen bevor
Auf dem Balkon vielleicht, wenn keine Kinder unten vorbeigehen, darf der Tabaksüchtige dann noch rauchen. Allenfalls. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen den volksschädlichen und auch individuell nicht eben gesundheitsförderlichen Tabak stehen die nächsten Schlachten auf dem langen Marsch in die Gesundheits- und Klimaschutz-korrekte Gesellschaft an:
Wer wagt gegen die Rationalität solcher Argumente noch zu argumentieren? Überall in Europa sind die Gesundheits-, Lebens-, Kinder-, Tierschützer fleißig unterwegs. Blaukreuzler und Vegetarier haben ihre Biotope verlassen und missionieren erfolgreich mit. Getrennt, oft ohne voneinander zu wissen, aber doch beflügelt vom gleichen großen Gedanken, die Welt sicherer, gesünder, vernünftiger zu machen, arbeiten sie daran, den Menschen eine politisch zeitgemäße Lebensform zu verpassen.
Mittendrin, in Brüssel, hat sich Europas Zentralverwaltung dazugesellt. Europäisches Parlament und Europäische Kommission sind seit langem auf der Suche nach Aktivitäten, die von den Bürgern positiv bewertet werden. Die Gutmenschen-Bewegung kommt ihnen mehr als gelegen. Ihr stetes Streben, das Leben der Europäer zu regulieren, zu schablonisieren und zu normieren - natürlich nur zu deren Schutz und Nutzen - findet in diesem breiten Strom zum unzweifelhaft Richtigen kaum noch Widerspruch.
Brüssel zahlt mit
So wurden die Anti-Raucher-Kampagnen auch mit Geld und Impulsen aus Brüssel beflügelt. Gelegentlich auch mit demagogischen Argumenten.
Jedes Jahr sterben 7000 Menschen in Europa an den Folgen des Passivrauchens am Arbeitsplatz, hatte 2008 der damalige Arbeitskommissar Vladimir Spidla behauptet und deshalb ein Rauchverbot an allen Arbeitsplätzen gefordert. Die Studie, auf die er sich bezog, zählte bei den 7000 Opfern freilich 4200 Raucher mit. Das sei doch egal, so Spidla, auch für Raucher sei Passivrauchen eine zusätzliche gesundheitliche Belastung. Und er wolle ja Nichtraucher und Raucher gleichermaßen schützen.
Hunderte von Millionen Euro steckt die EU-Kommission seit Jahren in Gesundheitsprogramme. Kleinkariert mäkelte der Europäische Rechnungshof, viele davon seien sinnlos. "Ich brauche nicht erst ein Programm, das mir sagt, dass es gesünder ist, die Treppe zu nehmen, als in den Aufzug zu steigen," spottet einer der Prüfer.
Na und? Es geht doch gar nicht um den Nutzen des einzelnen Programms, es geht darum, einen Trend zu produzieren oder zu stützen. Koste es, was es wolle.
Mit "Nährwertprofilen" will Brüssel die EU-Untertanen vor dem Verzehr von zu viel Fett, Zucker und Salz schützen. Lobenswert. Oder nicht? Die Kommission wolle, empört sich die Ärztin und EU-Parlamentarierin Renate Sommer, "die Verbraucher über die Lebensmittelgesetzgebung zu einer 'gesunden' Lebensweise zwingen und vornehmlich die zunehmende Dickleibigkeit der EU-Bürger reduzieren".
Traum oder Alptraum?
Frau Sommer wird sich wundern, wie viele ihrer Wähler das bestimmt wunderbar finden. "Endlich, wenn die Fetten nicht von selbst abnehmen...", sagt der moderne ökologische Volksmund. Und der Nachbar fügt hinzu: "Dicke, Raucher, Trinker leben zulasten der Krankenkassen, belasten die Allgemeinheit, also mich." "Schluss damit"-Rufe liegen voll im Trend.
Sinkt der Fleischverzehr, wird das Klima besser. Diese These hat das EU-Parlament schon im vergangenen Jahr in Berichtsform gegossen und arbeitet nun daran, den Fleischverbrauch in den Industrieländern zu reduzieren. Mit Appellen einstweilen. Später werden dann Einschränkungen für die Schnitzel- oder Hähnchen-Werbung folgen. So wie sie von den Brüsseler Parlamentariern schon lange für die verruchte Automobil-Reklame gefordert werden.
Der deutsche Ex-Kommissar Günter Verheugen hatte sich dagegen noch vehement gewehrt und vor einer drohenden "Öko-Diktatur in Europa" gewarnt.
Diktatur? Wenn eine Mehrheit das alles will, wie jetzt beim bayerischen Referendum am Detail belegt, könnte man allenfalls von der Diktatur der korrekten Nachhaltigkeit oder der Diktatur der radikalen Biedermänner sprechen. Aber dieser Alptraum für wenige ist doch gerade der Traum von vielen. Derzeit.
Auf anderen Social Networks posten:
... ich würd eher sagen: ...Etwas unterschwellig Denkanstoßendes... Natürlich bilde auch ich mir ein, hier mit meinen Beträgen in den Köpfen anderer Forumsteilnehmer etwas bewegen zu können. - Wenn es Sie betreffen sollte, [...] mehr...
Sie haben diese Forderung oder der Entwicklung dahin anderen unterstellt (jetzt mal wirklich wortgeklaubt), soweit zum Thema Manipulation... ...warum schreiben Sie dann eigentlich sowas????? mehr...
Ich kenne niemanden, der mit so einer Regelung nicht zufrieden wäre.... mehr...
Is mir irgendwie zu hoch... Aber ich bin ja auch kein Raucher. Äääh, nein. mehr...
Da Sie gewillt sind Wortklauberei zu betreiben zitiere ich mich mal selbst: Wo bitte fordere ich hier einen Rauchzwang? mehr...
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