ThemaBerlinRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.07.2010
 

Symbol-Streit in der Sonnenallee

"Schwarz-Rot-Gold muss draußen bleiben"

Von Kevin Hagen

Schland-Verbot in einer Kneipe in Berlin-Neukölln: "Wir haben keinen Bock auf so etwas!"Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Schland-Verbot in einer Kneipe in Berlin-Neukölln: "Wir haben keinen Bock auf so etwas!"

Schland hat nicht nur Fans: In Berlin-Neukölln halten linke Kneipenwirte jedes schwarz-rot-gelbe Armbändchen für einen Ausbruch von Nationalismus. In einer Bar an der Sonnenallee gehen sie sogar rigoros gegen die Deutschland-Farben vor - und provozieren einen bizarren Streit um Symbole.

Berlin - Thomas Johnson zeigt auf den Zettel, der in der Glastür der kleinen Kneipe klebt. "SCHWARZ ROT GOLD MUSS DRAUSSEN BLEIBEN …UND ANDERE DEUTSCHLAND-SYMBOLE AUCH" steht darauf in großen blauen Buchstaben. Johnson guckt ihn sich noch einmal an, als wolle er sich vergewissern, ob das, was er erlebt hat, auch wirklich wahr ist. Dann geht er vorbei und setzt sich ein paar Meter weiter in ein Straßencafé. Er möchte jetzt erzählen.

Die Sache brennt ihm unter den Nägeln.

Berlin-Neukölln, das Gebiet um die Sonnenallee - das ist sein Kiez. Vor fünf Jahren ist er in den Multikulti-Stadtteil gezogen, hat ein Jurastudium begonnen. Johnson schaut sich um. Dass man ihm seine afroamerikanischen Wurzeln ansieht, stört hier niemanden. "Hier fühlt man sich nicht als Exot", meint er.

Die Bedienung bringt eine Cola. Als der 25-Jährige danach greift, rutscht das kleine Armband an seinem rechten Handgelenk ein Stück herunter. Es zeigt die Nationalfarben: Schwarz-Rot-Gold. "Nur für die WM", sagt Johnson. "Ich möchte einfach meine Freude darüber ausdrücken, dass unsere Mannschaft so weit gekommen ist. Das hat etwas Spielerisches."

Dass auch viele Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Farben Jogi Löws Elf bei der Fußball-WM bejubelten, sorgte in den vergangenen Wochen für viel Aufsehen.

Manche deuten das als Zeichen gelungener Integration. Andere haben dafür weniger Verständnis. Seit Tagen tobt in der Sonnenallee ein Kampf um die Riesenflagge eines Deutsch-Libanesen. Es waren vermutlich Autonome, die das Banner mehrfach von der Wand gerissen hatten. Doch der Flaggenbesitzer blieb stur und sorgte stets für Ersatz.

Fortsetzung des Flaggenkrieges

Nun geht der Zank weiter - in anderer Form: Was Thomas Johnson erzählt, klingt wie die Fortsetzung des Flaggenkriegs, wie ein neuer Teil einer Geschichte voller Missverständnisse.

Im Internet habe er von der Lesung in der Neuköllner Kneipe erfahren. "Rassismus auf gut Deutsch" war das Thema, es ging um Diskriminierung in der Sprache. Er habe sich auf den Abend gefreut, erzählt Johnson, Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners, und nippt an seiner Cola. "Ich komme aus einem kleinen Ort in Hessen. Wegen meiner Hautfarbe hatte ich es dort nicht immer einfach." An die Beschimpfungen in der Schule und auf manchen Dorffesten kann er sich noch gut erinnern. "Nigger" hätten einige gerufen. Und "Scheiß Schwarzer". "Das hat mich ziemlich getroffen", sagt Johnson, "aber auch selbstbewusster gemacht."

Bei der Lesung in dem Neuköllner Café, so hoffte er, könne er vielleicht einige Erfahrungen austauschen. Mit drei Freunden machte sich Johnson auf den Weg. Er hatte ein kurzes T-Shirt an und sein Deutschland-Bändchen. Doch kaum angekommen, kam eine Kellnerin auf ihn zu. Er solle sein Armband ausziehen, habe sie gefordert und auf das Schild am Eingang gezeigt. Deutschland-Symbole seien hier verboten. "Ich war einfach total verwirrt", erzählt Johnson. Die Erklärung der Bedienung sei jedoch deutlich gewesen: "Wir haben keinen Bock auf so etwas!"

Ein Mann mit dunkler Hautfarbe bekommt Ärger - wegen seines Bekenntnisses zu Deutschland. Verkehrte Welt.

Links und patriotisch? Das ist hier nicht erwünscht

Linke gibt es in Neukölln wie Sand am Meer. Hier fühle er sich eigentlich wohl, sagt Johnson. Der 25-jährige Jurastudent trägt ein blaues T-Shirt und darüber eine lockere Weste. Das sieht irgendwie alternativ aus und das soll es auch. Über Johnsons linkem Auge blitzt ein Piercing. "Ich sehe mich selbst als Linker", sagt er. Er gehört dazu. Dachte er bislang.

Denn links und patriotisch, das ist in bestimmten Kreisen offenbar nicht gewünscht.

So etwas wie an jenem Abend in der Kneipe hat er noch nicht erlebt, meint Johnson. Er überlegt einen kurzen Moment. "Das hat mich schon sehr an das Gefühl von früher erinnert", sagt er, "das Gefühl diskriminiert zu werden." Ihm sei dann nichts anderes mehr eingefallen als "viel Spaß bei der Lesung gegen Diskriminierung zu wünschen". Dann sei er gegangen. "Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre." Johnson wollte die Situation nicht eskalieren lassen.

Was sagen die Kneipenbesitzer zu der Sache?

Ortstermin: Die Gaststätte liegt in einer Seitenstraße der Sonnenallee. Sie ist ein sogenanntes Kneipenkollektiv, wird also gleichberechtigt von mehreren Personen geführt. Es ist früher Abend, noch ist nicht viel los hier. Er könne der Presse keine Auskunft geben, meint ein Mitarbeiter, der hinter dem Tresen steht. Er könne als Einzelner nicht für die ganze Gruppe sprechen.

Doch auch per Mail wollen die Kneipenbetreiber nichts sagen, nichts zum Schild in der Tür, nichts zu Thomas Johnson. Ihre Antwort ist knapp, aber von der Ausdrucksweise, wie sie für diese Szene seit Jahrzehnten typisch ist. Es sei nicht ihre Aufgabe, "politische Bildungsarbeit zu leisten", heißt es. Außerdem verstünde man nicht, "warum sich Menschen überhaupt mit einem ausschließenden Kollektiv wie der deutschen Nation identifizieren wollen".

Thomas Johnson kann das nicht verstehen. "Ich finde im Kontext der WM sollte man das alles nicht so politisch betrachten", sagt er. In solchen Momenten ist er einfach nur Fan.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 361 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
13.07.2010 von hangonsloopy: Ablenkung vom Thema

Wenn er (der Gläubige) diese Überzeugung vertritt, und die gibt es leider teilweise, ja, dann habe ich damit ebenfalls meine Schwierigkeiten. Das ist aber nun ein ganz anderes Thema. Sie sagten, Fansein grenzt grundsätzlich [...] mehr...

13.07.2010 von malte71: Karotte gefunden

Übrigens: In den Leserbriefseiten der WELT und ähnlicher konservativer Presse, regt man sich ebenfalls darüber auf. Die Nationalfarben zu Partyzwecken missbraucht, "Schland" statt geliebtes Vaterland - der [...] mehr...

13.07.2010 von Olaf: Normal-Unnormal

Wir haben eben auch hier in Deutschland skurrile Spinner, wie andere Länder auch. Das Problem ist immer nur, dass die bei uns dann bestimmen wollen was normal ist. Notfalls mit Gewalt. mehr...

13.07.2010 von Deuterium: Unterschied

Achso, na dann gibts wohl wieder nur ihre meinung und die heißt : Alle patrioten sind nationalisten. Alle fähnchenschwenker müssen demnach eine falsche meinung haben, das sagen sie doch aus? Weil man diese nicht in der kneipe [...] mehr...

13.07.2010 von hangonsloopy: Nationalsymbole

Nationalsymbole, egal welcher Nation, sind ein unvereinbarer Gegensatz zu Gleichheit und Freiheit. Sie definieren, noch im besten Fall, eine gewisse Grenze und Gruppe an Gleicheit und Freiheit. Alle anderen und alles andere [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Berlin

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP