ThemaGesundheitsreformRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.07.2010
 

Gesundheitssystem

Unionspolitiker zerpflücken schwarz-gelbe Reform

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler: Politisch schwer vermittelbarZur Großansicht
ddp

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler: Politisch schwer vermittelbar

Der schwarz-gelbe Gesundheitskompromiss von Bundesminister Rösler sollte die Konflikte in der Koalition beseitigen - doch kaum vereinbart, kracht es wieder. CSU-Landesminister Söder fordert im SPIEGEL Korrekturen, Parteichef Seehofer stichelt, Sachsens Ministerpräsident Tillich kündigt Widerstand an.

Hamburg - Gerade erst haben Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) und die schwarz-gelbe Koalition mühsam einen Reformkompromiss gefunden - schon schießen Politiker aus den eigenen Reihen wieder gegen das Projekt quer. Ziel der Kritik: die geplanten Zusatzbeiträge.

Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) lehnt es strikt ab, steigende Gesundheitskosten ausschließlich über die Aufschläge zu finanzieren: Keiner könne "unbegrenzt Kosten auf die Versicherten übertragen", sagte Söder dem SPIEGEL. "Das ist politisch schwer vermittelbar."

Die Pläne der Regierung für die Zusatzbeiträge seien "noch recht vage formuliert", sagte der Minister weiter. "Wie das in der Praxis funktionieren soll, ist noch unklar." Außerdem könne er sich nicht vorstellen, "dass für Zusatzbeiträge Steuern erhöht werden. Jedenfalls nicht mit der CSU". Als Kompromiss sei die Reform zwar "tragbar", "langfristig bleibt es aber sicher bei unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Auffassungen von Gesundheitspolitik". Söders Fazit: "Die jetzige Reform kann nur ein Zwischenschritt sein."

Dabei hatte sich die Koalition erst am vergangenen Dienstag nach monatelangem Streit auf die künftige Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen geeinigt. Ausgabensteigerungen sollen ab 2011 über die Versicherten durch Zusatzbeiträge finanziert werden, die die Kassen selbst bestimmen können. Der Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung soll 2011 von derzeit 14,9 Prozent wieder auf 15,5 Prozent angehoben werden.

Söder zweifelt an der Finanzierbarkeit des Systems

Söder ist jedoch "skeptisch", dass sich die Finanzlage der Kassen über das Jahr 2011 hinaus durch die Reform bessert. "Wahrscheinlich müssen wir dann wieder über die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung nachdenken", sagte er. "Langfristig müssen wir den Gesundheitsfonds ablösen."

Stattdessen schlägt Söder "ein Wettbewerbsmodell" vor. "Die Kassen sollten ihre Beitragssätze wieder komplett selbst bestimmen und auch selbst einziehen können. Dann erübrigen sich auch die komplizierten Zusatzbeiträge." Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen Söder zufolge denselben Anteil zahlen.

Auch führende Unionspolitiker haben erhebliche Zweifel an dem Kompromiss - und kündigen Widerstand gegen die Reform an. "Es gibt erheblichen Gesprächsbedarf", sagte der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich der "Leipziger Volkszeitung". Das, was in Berlin vorgelegt worden sei, könne definitiv nicht das Ergebnis sein. Tillich verwies auf die "schädlichen Folgen" für die Wirtschaft und insbesondere für die Arbeitsplätze durch die erhöhten Krankenversicherungsbeiträge.

Die Reform sei gerade für Ostdeutschland, wo bereits mit der Einführung des Gesundheitsfonds durch die Große Koalition die Kassenbeiträge gestiegen seien, "eine zusätzliche Belastung", kritisierte der CDU-Politiker. Die vereinbarten Kriterien für den auch regionalen Risikostrukturausgleich müssten auch in Zukunft Bestand haben. "Solche Entscheidungen, die zu Lasten einzelner Regionen gehen, kann ich nicht mittragen", kündigte Tillich an.

Seehofer: Kompromiss trägt nur ein paar Jahre

Die Mittelstandsvereinigung der Union bringt den Unmut in großen Teilen der Partei auf den Punkt: "Was da jetzt als Gesundheitsreform verkauft wird, hat den Namen nicht verdient", sagte der Chef der Vereinigung, Josef Schlarmann, dem SPIEGEL - und kritisiert den Führungsstil der Kanzlerin.

Auch CSU-Chef Horst Seehofer stichelt gegen den Kompromiss. Er habe keine langfristige Wirkung, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Damit könne vielleicht für "einige Jahre" ein System stabilisiert werden, nicht aber auf Dauer.

Angesichts des technischen Fortschritts sei eine längere Reichweite nicht mehr möglich. Er könne nur schmunzeln, wenn Politiker sagten: "Jetzt haben wir die langfristige Finanzierung gefunden und die wird auf Dauer halten." Seehofer sagte aber, durch den nach langem Streit erzielten Kompromiss seien die Regierungsparteien nun immerhin enger zusammengerückt.

yes/AFP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 65 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.07.2010 von rkinfo: Über 3.000€ je Jahr

Die 2% Regelung ist im Prinzip simpel genug. Zusammen mit Belegen zum Einkommen lassen sich Zuschüsse für Bedürftige auszahlen. Wobei insgesamt armen Menschen eh nie in der Lage wären ihren kalkulatorischen Kostenanteil von [...] mehr...

12.07.2010 von Bitbändiger: Mehr Härte gegenüber der Lobby nötig!

Die vielgescholtene Ulla Schmidt musste mangels rot-grüner Bundesratsmehrheit bzw. in Koalition mit der Union ständig ziemlich unsägliche Kompromisse eingehen, in denen von ihren eigenen Vorstellungen nicht mehr viel übrig [...] mehr...

11.07.2010 von gratisalarm: Beitragserhöhung als Reform getarnt

Mehr Geld für Alle! So tönte noch einst die FDP im Wahlkampf. Das Kopfgeld fand dabei bei einigen besonderen anklang. Es hätte das gesamte Gesundheitssystem einen Tick gerechter gemacht. Nach der super Reform, ergibt sich für [...] mehr...

11.07.2010 von saul7: ++

Die Koalition bleibt sich treu: Schnattern und streiten über den richtigen Weg.... In Wahrheit ist dieser Kompromiss nichts weiter als ein bisschen Drehen an den Stellschräubchen, um mehr Geld ins marode System zu spülen. Von [...] mehr...

11.07.2010 von rkinfo: Mehr Steuergelder nötig ...

Nun Rösler kam unerwartet zu diesem Amt. Söder, Seehofer, Lauterbach und Schmidt hingen wissen seit Jahren dass der Beitragssatz steigen muß und die Zusatzbeiträge sich erhöhen werden. Das war schon in der letzten Reform so [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Gesundheitsreform

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Wer gewinnt, wer verliert

Corbis; DDP
Tiefe Einschnitte im Sozialetat, Milliardenbeiträge aus der Wirtschaft: Am Sparpaket der Bundesregierung sollen die Finanzen der Republik in den kommenden Jahren gesunden. SPIEGEL ONLINE analysiert, wer unter den Plänen am meisten leidet - und wer vom Rotstift verschont bleibt...

Streitpunkte von Schwarz-Gelb

Sparpaket

dpa
Bis 2014 wollen Union und FDP im Bundeshaushalt 81,6 Milliarden Euro einsparen, vor allem bei Arbeitslosen, Familien und im Öffentlichen Dienst. Auch die Wirtschaft soll zur Kasse gebeten werden. Aus der Union gibt es aber Forderungen, Spitzenverdiener stärker zu belasten, weil das Paket zu unsozial sei.

Gesundheit

Bildung

Atomlaufzeiten

Wehrpflicht

Hartz IV

Vorratsdatenspeicherung

Sicherungsverwahrung





TOP



TOP