Von Severin Weiland und Veit Medick
Berlin - Alfred Döblin fällte ein hartes Urteil. "Berlin ist eine unpoetische, sehr wenig bunte, aber sehr wahre Stadt", schrieb der Schriftsteller 1928. Der Mann, der mit dem Roman "Berlin Alexanderplatz" dem Osten der Stadt ein literarisches Denkmal setzte, fand wenig Anziehendes an der Metropole. Der Fremde, schrieb er, "sieht das alles an, und wenn er klug ist, verkneift er sich den Gedanken: das gibt's doch alles besser, in Paris, in London".
Haben sich die Zeiten geändert? Berlin ist immer noch kleiner, weniger glamourös und ärmer als Paris oder London. Doch die Stadt ist trotzdem in, hip, modern: Berlin pulsiert, zieht an und regt auf, kaum ein Hauch der alten miefigen Frontstadt oder der "Hauptstadt der DDR" weht mehr durch die Straßen.
Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause den Einheitsvertrag. Seither wurde Berlin wieder zur Hauptstadt des vereinten Deutschland erklärt.
Das war der Auftakt für eine Renaissance: Berlin ist heute wieder ein politisches und kulturelles Zentrum, das diesen Namen verdient, von hier wird das Land gelenkt, hier wird Geschichte gelebt. Wenn es in Deutschland eine Weltmetropole gibt, dann ist dies Berlin.
Kaum ein Monat vergeht, in dem sich Berlin nicht an zentralen Stellen verändert, weiterentwickelt. Die einschneidendste Veränderung gab es dort, wo in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Verkehrszentrum Deutschlands war: am Potsdamer Platz. Er ist der Prototyp für das neue Berlin. An der einstigen Grenze zwischen West und Ost gelegen, baute der Daimler-Konzern ein ganzes Viertel, gleich nebenan verewigte sich der japanische Elektronikkonzern Sony mit einer atemberaubenden, an ein Zeltdach erinnernden Konstruktion von Helmut Jahn. Heute gehören die Bauten zu den neuen Ikonen der Stadt, sind Postkartenmotive, fast schon Berlin-Klischees wie das Brandenburger Tor oder der Reichstag.
Mag über die architektonischen Ergebnisse bis heute gestritten werden - unzweifelhaft fest steht: Keine andere Stadt in Deutschland, ja in Europa hat sich in seiner Mitte so rasant gewandelt. Einen weiteren Impuls lieferte 1991 der Beschluss des Bundestags, die politischen Entscheidungszentralen weitgehend von Bonn nach Berlin zu verlagern. Entlang der Spree entstanden die Neubauten im Regierungs- und Parlamentsviertel.
Rücksicht auf Traditionen gibt es kaum
Bauen, Veränderung, stetiger Wandel - das war und ist das Markenzeichen der Stadt, seitdem im 19. Jahrhundert die Industrialisierung Berlin in den Rang einer Metropole erhob. Rücksicht auf Tradition, auf Altbewährtes gab - und gibt - es kaum. Es wurde schnell abgerissen, Sentimentalitäten kannte der Berliner selten. Nur noch erahnen lässt sich die Welt Preußens an wenigen Stellen Unter den Linden. Der stetige Wandel war und ist fast schon Programm, auch wenn heute nicht mehr so schnell und rücksichtslos beseitigt wird.
Touristisch zählt die Stadt längst zu Europas Top-Zielen: Woche für Woche bringen die Billig-Fluglinien und Züge Massen von Besuchern aus Deutschland und ganz Europa an die Spree. Acht Millionen Touristen pilgerten 2009 nach Berlin, die Hotels zählten rund 18 Millionen Übernachtungen, für dieses Jahr werden neue Rekorde erwartet. Doch nicht nur Touristen kommen. Gerade junge Menschen strömen nach Berlin, um hier zu leben und zu lernen. Nirgendwo in Deutschland ist das Angebot größer: Vier Universitäten, vier Kunsthochschulen, sechs Fach- und 19 Privathochschulen zählt die Stadt. Die Studentenzahl wächst Jahr für Jahr, inzwischen liegt sie bei rund 130.000.
Eine Spielwiese, ein Mythos, ein Puzzle
Berlin ist eine große Spielwiese, ist die wohl offenste Stadt der Republik. Ein Angebot an alle, an die Kosmopoliten, die Kreativen, die Grenzgänger und Geruhsamen, ein Angebot auch an die Jugend, und wenn die nur einen Abstecher auf den Partymeilen unternehmen will.
Die Hauptstadt ist auch ein Mythos. Wie kaum eine andere Stadt lebt sie von ihrer turbulenten Historie, bildet sie die Geschichte der Nation ab. Berlin ist ein Puzzle der vergangenen Jahrzehnte: die Stadt der Preußen, der Weimarer Republik, der Nazis, der Zerstörung und Teilung in Halbstädte der westlichen Demokraten und östlichen Kommunisten, des Mauerbaus und des Mauerfalls.
Und doch wird die Stadt nicht nur geliebt. Noch immer stoßen sich viele an ihrem spröden Charme. Der Alfred Döblin von heute heißt Peter Fox. "Guten Morgen, Berlin", singt der HipHopper in seinem Song "Schwarz zu Blau", "du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein. Deine Nächte fressen mich auf."
Wie bitte, das soll eine Stadt sein?
Ein Schinkel-Bau hier - und gleich um die Ecke ein Betonmonstrum der Neuzeit. Berlin ist nicht anheimelnd, die Stadt ist eine ständige Provokation für Augen und Sinne. Kaum eine Stadt in Deutschland, die so schmutzig, so graffitiverschmiert, so wenig vom bürgerlichen Gemeinsinn geprägt ist.
Der Abriss der Mauer ließ Berlin träumen. Fünf Millionen Einwohner wurden prognostiziert, doch es kam anders. Die Stadt litt an Auszehrung, die Industrie brach weg - mit dem Ende der Subventionitis im Westteil und dem Untergang der realsozialistischen Plan- und Staatswirtschaft in der einstigen "Hauptstadt der DDR". Seit 1990 mühte der Senat sich um Neuansiedlungen, doch die großen Konzerne machen einen Bogen um die Stadt. Wann immer doch mal eines andockt und einige hundert Arbeitsplätze bringt, überschlagen sich die Lokalblätter mit Jubelarien, als wäre nun die Bresche ins goldene Zeitalter geschlagen.
Die Deutschen haben ein gespaltenes Verhältnis zur Hauptstadt
Die Prognosen für die Entwicklung der Stadt haben sich aber in letzter Zeit aufgehellt. In der Biotechnologiebranche, bei der Elektromobilität ist Berlin schon vorne - Geld verdient wird bislang allerdings eher in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, München. Das sind die Siegerstädte, die profitiert haben von Berlins Verlust der Hauptstadtfunktion mit dem Ende des Dritten Reichs 1945. West-Berlin wurde über Jahrzehnte der Teilung subventioniert - erwirtschaftet wurde Wohlstand bis heute woanders.
Selbst Bonn ist besser dran. Der einstige Regierungssitz hat von der Verlagerung von Regierung und Parlament am meisten profitiert. Und noch immer sitzen sechs Ministerien mit ihrem ersten Dienstsitz am Rhein. So will es das Bonn-Berlin-Gesetz von 1994.
Bonn und Berlin - das ist auch ein Hinweis auf das gespaltene Verhältnis der Deutschen zu ihrer Hauptstadt. Die landsmannschaftlichen Bindungen sind stark, die historische Angst vor einem Zentralismus Preußens, für den einst Berlin stand, immer noch virulent.
Ja, die Deutschen mögen ihre Hauptstadt. Aber es ist kein einfaches Verhältnis.
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Wofür braucht D eine Metropole wie London oder Paris? Deutschland ist nicht zentralistisch, sondern förderativ, und das ist gut so und soll so bleiben. Deutschland hat mehrere große Städte, zwar nicht Weltstädte, aber urbane [...] mehr...
Als ehemaliger Berliner auf Zeit kann ich nur sagen, es hat sich seit meiner Zeit dort doch wenig verändert. Immer noch Hymnen auf unsere sogenannte Haupstadt, die eher eine Möchtegernhaupstadt ist und es aufgrund ihrer geistigen [...] mehr...
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Was Wurzbacher Ihnen versucht hat zu erklären, ist, dass Ihre "naturgemäße" Stadtgrenzendefinition nicht immer sinnvoll ist. Paris ist dafür ein perfektes Beispiel. Wer die Stadtgrenze verlässt, merkt dies nicht, da [...] mehr...
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