ThemaAdolf SauerlandRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.07.2010
 

Rücktrittsdebatte

Rüttgers' CDU fürchtet den Sauerland-Effekt

von Florian Gathmann und Severin Weiland

Oberbürgermeister Sauerland: Der CDU-Mann gerät auch in der eigenen Partei unter Druck Zur Großansicht
AFP

Oberbürgermeister Sauerland: Der CDU-Mann gerät auch in der eigenen Partei unter Druck

Politiker von Linke, SPD und FDP hat Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland schon gegen sich, selbst einige Berliner Unionskollegen fordern seinen Rücktritt. Nur die CDU-Spitze in Nordrhein-Westfalen schweigt beharrlich. Kein Wunder, denn die Partei ist seit der Wahlschlappe führungslos.

Berlin - Nur ein prominenter Christdemokrat aus Nordrhein-Westfalen traute sich bisher aus der Deckung: Wolfgang Bosbach. Fassungslos beobachtete der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, wie sich sein Landesverband in den vergangenen fünf Tagen zum Fall des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland verhielt: beharrlich schweigend.

Kein Wort von Jürgen Rüttgers, dem Noch-Landesvorsitzenden, aber auch nicht von anderen Spitzenvertretern. Es schien, als sei die CDU einverstanden mit dem Kurs des Kommunalpolitikers, nach der Love-Parade-Katastrophe mit bislang 21 Toten und Hunderten von Verletzten weiter im Amt verbleiben zu wollen.

Am Donnerstagabend hielt es Bosbach offensichtlich nicht mehr aus - und forderte in einer ZDF-Talkshow Sauerlands Rücktritt. Der Oberbürgermeister trage die politische Verantwortung und "hafte" damit auch politisch für mögliche Fehler seiner Mitarbeiter, sagte er. Dabei sei völlig zweitrangig, "ob ich eine Verfügung unterschrieben habe oder nicht", so der CDU-Politiker mit Blick auf Sauerlands Verteidigungsstrategie.

Dass der Duisburger Oberbürgermeister dies bislang nicht einsehen will, findet Bosbach in höchstem Maße unverständlich. Ein solches Amt sei eben "nicht nur mit Würde, sondern gelegentlich auch mit einer Bürde verbunden", sagte der Bundestagsabgeordnete. Und erinnerte daran, dass Politiker immer abhängig vom Vertrauen der Bürger seien.

Sorge um den Vertrauensverlust

Vertrauen. Genau das scheint Sauerland von vielen Duisburgern verloren zu haben. Am Donnerstag zogen 400 Bürgerinnen und Bürger vor das Rathaus und verlangten seinen Rücktritt. Während Bosbach und zwei CSU-Politiker diesen Schritt ebenfalls fordern, wirkt der Rest des Landesverbands, als sei er in Schockstarre verfallen. Seit der Wahlniederlage vom Mai gibt es ein Machtvakuum. Noch-Parteichef Jürgen Rüttgers habe ohnehin mit allem abgeschlossen, heißt es - er ist inzwischen in seinem Ferienhaus in Frankreich. Auch der bisherige Integrationsminister Armin Laschet, Bundesumweltminister Norbert Röttgen und der Landesgeneralsekretär Andreas Krautscheid - allesamt Aspiranten auf die Rüttgers-Nachfolge - schweigen.

Von CDU-Generalsekretär Krautscheid erfuhr SPIEGEL ONLINE am Freitag immerhin, er werde sich zur Personalie Sauerland erst nach der Trauerfeier für die Love-Parade-Opfer äußern. Die findet am Samstag statt - in Anwesenheit der Kanzlerin und des Bundespräsidenten, aber ohne Sauerland, der aus Rücksicht vor den Gefühlen der Angehörigen, wie er sagte, der Veranstaltung in Duisburg fernbleiben wird.

Keine Landesvorstandssitzung, keine Telefonkonferenz zu Duisburg - nichts ist seit der Katastrophe von Duisburg passiert. Es sei eben Urlaubszeit, ist als Erklärung zu hören. Und in Gesprächen wird immer wieder auch auf die "schwierige Lage" des Landesverbandes verwiesen.

Offenbar will es im Moment keiner der drei potentiellen Bewerber um den Landesvorsitz riskieren, sich in der Partei Feinde zu machen. Schließlich steht mit großer Wahrscheinlichkeit eine Mitgliederbefragung um den Landesvorsitz bevor. Kritik an einem verdienten CDU-Mann wie Sauerland könnte als Nestbeschmutzung ausgelegt werden.

Sauerland sei eigentlich ein "guter Typ", sagen CDU-Spitzenpolitiker, die namentlich nicht genannt werden wollen. Und er sei einer, der sich mit der Wahl zum Duisburger Oberbürgermeister sehr viel Respekt in der Partei erworben habe. Die Stadt am Rhein war zuvor jahrzehntelang in SPD-Hand. Ein prominenter CDU-Mann aus NRW glaubt daher, die politische Konkurrenz sei wohl ganz froh über das kollektive Eindreschen auf Sauerland. "Auch die SPD-Leute in der Duisburger Stadtverwaltung und alle Beteiligten anderer Parteien sollten zu ihrer Verantwortung stehen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Der stellvertretende Unionsfraktionschef im Bundestag, Günter Krings, ist einer der wenigen aus der NRW-CDU, der sich offen zu Sauerland äußert. Verwundert ist er darüber, dass sich die Diskussion auf seinen Kollegen konzentriert. "Man hat das Gefühl, dass ein Sündenbock gesucht wird." Das Problem werde damit nicht gelöst. "Es ist vor allem nicht richtig, dass dann andere Stellen und hier insbesondere der private Veranstalter nicht ebenso in den Fokus rücken", sagt der CDU-Politiker aus Mönchengladbach.

Suche nach der Exit-Strategie

Am Freitag kursierten Gerüchte, Sauerland werde doch zurücktreten. Das meldete die "Berliner Morgenpost" am Freitag und verwies dabei auf ranghohe Sicherheitskreise. Doch bereits am Nachmittag sagte ein Sprecher der Stadt Duisburg, der Oberbürgermeister bleibe im Amt.

In der Partei hoffen manche dennoch, der Kommunalpolitiker möge ein Einsehen haben und abtreten. Und wenn nicht? Die CDU sucht nach einer Exit-Strategie. Im Landesvorstand kursiert die Idee, die Lokalpolitiker vor Ort könnten ja gemeinsam mit den anderen Fraktionen im Duisburger Stadtrat eine Abwahl gegen den eigenen Kollegen organisieren. Das wäre aber frühestens im Oktober möglich, wenn das Stadtparlament wieder zusammentritt. Die Linkspartei hat einen entsprechenden Abwahlantrag, der auch von der FDP in Duisburg unterstützt wird, bereits am Freitag eingereicht. Die SPD hat sich Bedenkzeit bis nach der Trauerfeier erbeten.

Es ist eine absurde Lage, in der sich Nordrhein-Westfalens CDU befindet. Weil die Parteispitze schweigt, kommt die schärfste Kritik aus der - nicht beteiligten - Schwesternpartei, der CSU. Dort macht man sich mittlerweile Sorgen, dass der Fall Sauerland auf die ganze Union abfärbt. Der Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, äußerte sich am Freitag zu einem Bericht des Bundes der Steuerzahler, wonach Sauerland durch einen sofortigen Rücktritt alle seine Versorgungsbezüge als Oberbürgermeister verlieren würde - im Gegensatz zu einer Abwahl. "Wenn nun Stimmen laut werden, dass Sauerland wegen eines möglichen Verlusts seiner Pensionsansprüche im Amt bleiben will, muss er diesen Vorwurf unverzüglich - am besten durch einen Rücktritt - widerlegen", sagte Müller unmissverständlich.

Wäre das Duisburger Desaster vor der Wahlniederlage im Mai passiert, der Christdemokrat Sauerland hätte längst seinen Hut genommen - auf Druck des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Rüttgers, sagen Parteistrategen. Der Regierungschef hätte in solchen Fällen wohl alles getan, um nicht mit Schlamperei-Vorwürfen "kontaminiert" zu werden.

In NRW erinnert man sich noch lebhaft an den Fall des Kölner Stadtarchivs, das durch den U-Bahn-Neubau einstürzte. Zwei Menschen kamen im Frühjahr 2009 dabei ums Leben - der damalige CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma schien zunächst an seinem Amt festhalten zu wollen. Dass er dann nicht erneut kandidierte und damit einen Teil der Verantwortung übernahm, habe wohl auch mit dem damaligen Einwirken der Staatskanzlei zu tun gehabt.

Rüttgers, heißt es aus der CDU, habe damals massiv Druck machen lassen.

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 50 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.08.2010 von altais: ..

Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Polizei professionell auf die Love-Parade vorbereitet "alle sind hoch motiviert.... ...," Ja, doch, jetzt sehe ich es, ganz deutlich, Sie haben Recht. Er lobt eindeutig das von [...] mehr...

31.07.2010 von ALG III: wegloben, aber wohin?

Sauerland einfach wegloben wäre natürlich das Eleganteste für die Union. Aber wohin? - Präsident des Deutschen Städtetags? Oder doch lieber neuer Bahnchef? mehr...

31.07.2010 von brotbüchse: .

Haben Sie auch Tomaten auf den Augen ? „Alle sind hoch motiviert und haben sich professionell vorbereitet“, sagte Innen- und Kommunalminister Ralf Jäger heute (23. Juli 2010) in Düsseldorf. und weiter: „Damit sind wir [...] mehr...

31.07.2010 von altais: --

Wo steht in dieer archivierten Seite etwas von "Loben des Sicherheitskonzepts" wie Sie das in einem Post behauptet haben? mehr...

31.07.2010 von graf.koks: Allerdings...

Allerdings gibt es Leute, die so weit rechts stehen, daß die Bildzeitung als linkes Blatt gesehen wird. Manchmal frage ich mich auch, was die im Spon verloren haben... mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Adolf Sauerland

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Karte

Love-Parade-Gelände in Duisburg - vergrößern...

Google Map von der Gegend


Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Die Anfänge

Die Flaute

Die Rückkehr

Die Katastrophe





TOP



TOP