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03.08.2010
 

Künasts Berlin-Option

Grüne träumen von der Landesmutter

Von Florian Gathmann

Berliner Polit-Duell: Künast gegen Wowereit
Fotos
dpa

Es ist eine historische Chance - wenn sich Renate Künast darauf einlässt. Die Grünen träumen davon, bei der Wahl 2011 mit ihr als Spitzenkandidatin Bürgermeister Wowereit zu schlagen. Die Umfragen geben es her. Noch zögert Künast, aber sie hat kaum eine andere Wahl.

Berlin - Renate Künast, 54, macht Urlaub in der Holsteinischen Schweiz, wie seit vielen Sommern. Frische Luft, ein paar Bücher, viel Ruhe. Künast will in diesen Tagen Abstand zum Berliner Politikbetrieb.

Den wird sie brauchen - denn in den kommenden Monaten hat sie eine schwere Entscheidung zu treffen. Die Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion könnte im Herbst 2011 als Spitzenkandidatin bei der Berlin-Wahl antreten. Und ihre Chancen, SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit das Rote Rathaus abzujagen, stünden nach Lage der Dinge nicht schlecht.

Die Grünen kommen einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge in der Hauptstadt wie die SPD auf 27 Prozent, weit vor der CDU mit 17 Prozent. Bei der Bürgermeisterfrage liegt Künast mit 40 Prozent sogar drei Prozentpunkte vor Wowereit. Erstaunliche Werte für eine virtuelle Kandidatin, sensationelle Werte für die Grünen, die nun erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik von einem Regierungschef-Posten träumen können, von einer Landesmutter grüner Couleur. "Wir sind auf Augenhöhe mit der SPD", sagt Fraktionschef Volker Ratzmann. Das müssten auch die Sozialdemokraten einsehen.

Seit ihr Name im Herbst ins Gespräch gebracht wurde, hat der Hype um Künast zugenommen. "Das hat sich verselbständigt", sagt der Medienberater und ehemalige "Bild am Sonntag"-Chefredakteur Michael Spreng. Sie kann eigentlich jetzt schon nicht mehr zurück, findet er: "Eine Absage wäre eine Niederlage."

Auch Bürgerliche setzen auf sie

Die frühere Verbraucherschutzministerin ist einerseits die beliebteste Grüne auf Bundesebene. Andererseits gehört Künast - geboren und aufgewachsen in Recklinghausen - zum politischen Inventar Berlins. Hier lebt sie seit mehr als drei Jahrzehnten, hier hat sie jahrelang die Abgeordnetenhausfraktion geführt, und hier ist dank ihr jetzt plötzlich von Grün-Rot oder Grün-Schwarz die Rede. Nicht mehr von einer Regierungsbeteiligung als Juniorpartner.

Die Berliner Grünen sind seit 20 Jahren in der Opposition, unterbrochen von einer halbjährigen Regierungsphase 2001. Die meisten Fraktionsmitglieder im Abgeordnetenhaus wollen unbedingt wieder regieren. Angeführt werden sie von den ehrgeizigen Vorsitzenden Ramona Pop und Ratzmann, und allen ist klar: 2011 könnten sie tatsächlich die stärkste politische Kraft in Berlin werden - aber nur mit einer Spitzenkandidatin Künast. Sie werben bei ihr.

Selbst Bürgermeister Wowereit gibt vor, sich auf Künast als Gegnerin zu freuen. Parteifreunde erklären das damit, dass er dann wenigstens wieder eine politische Herausforderung hätte. Wowereit, seit gut neun Jahren im Amt und seit 2006 Chef einer rot-roten Koalition, wirkt auffallend oft matt und lustlos.

Dass die seit dem Ende der Diepgen-Ära weitgehend bedeutungslose Berliner CDU in der Lage wäre, Wowereit abzulösen, glaubt in der Hauptstadtpolitik kaum noch jemand. Deshalb soll es nun auch aus Sicht vieler Bürgerlicher Künast richten - die einst eine sogenannte Regierungslinke war, inzwischen aber die Führungsfigur des Realo-Flügels ist und keine Berührungsängste zur Union hat.

Zwei Gründe zum Zaudern

Künasts Lager hat zur Kenntnis genommen, wie auffällig freundlich die Spitzengrüne in den vergangenen Monaten gerade von der "Bild"-Zeitung behandelt wurde. Hier ein Neujahrsempfangsfoto auf Seite 2 mit Friede Springer und Konzernchef Mathias Döpfner, dort ein freundliches Porträt, erst am Montag wurde Künast zur "Gewinnerin des Tages" ausgerufen.

Bleibt die Frage: Wieso hat sich Künast trotzdem noch nicht erklärt?

Erstens ist das Problem, wie sie mit ihrem jetzigen Amt umgehen soll. Selbst Realo-Grüne sind der Meinung, Künasts Berliner Spitzenkandidatur könne nur funktionieren, wenn sie als Fraktionschefin im Bundestag aufhöre. "Alles andere wäre heikel", sagt ein prominenter Realo. Andere Grüne behaupten genau das Gegenteil: Künast brauche als Spitzenkandidatin "jede Bühne". Medienberater Spreng rät zum Kompromiss- "Sie sollte als Fraktionschefin weitermachen - müsste sich aber für die Zeit nach der Abgeordnetenhauswahl eindeutig zu Berlin bekennen. Eine Kandidatin mit Rückfahrticket kommt bei den Leuten nicht an." Im schlimmsten Fall hieße das: Künast verliert die Wahl und sitzt auf der Oppositionsbank im Abgeordnetenhaus, wo ihre Politkarriere einst begann.

Zweitens ist da die Frage, welche Verlockungen die Bundespolitik für Künast bereit hält. Falls, ja falls die schwarz-gelbe Koalition in noch größere Schwierigkeiten gerät, könnte es Neuwahlen geben - und die Grünen hätten gute Chancen auf eine Regierungsbeteiligung. Künast wäre wieder Ministerin. Ebenfalls eine reizvolle Perspektive. Aber eine realistische?

Künast will sich frühestens im Herbst öffentlich erklären, heißt es - Umfragen hin oder her. Ohnehin ist eine alte Regel, dass von einer frühen Festlegung nur einer profitiert: der politische Gegner. In diesem Fall die SPD.

In Berlin gilt das schon deshalb, weil die Grünen noch einige programmatische Fragen zu klären haben. Zwar verspricht Fraktionschef Ratzmann selbstbewusst "ein Programm für die ganze Stadt" - aber inhaltlich sind die Berliner Grünen noch keine Volkspartei. Erst im November soll auf einem großen Parteitag ein entsprechendes Programm verabschiedet werden.

Vielleicht passt dieser Termin auch in Künasts persönliche Agenda.

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insgesamt 141 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.09.2010 von chirin: Soll Renate Künast in Berlin für die Grünen antreten?

Die Grünen sind keine Volkspartei und wollen auch keine werden. Ob Frau Künast unter den bisherigen Bewerbern antritt oder es sein sein läßt , ist - bei der heutigen Selbstbedienungsmentalität der Politiker und dem Unverstand [...] mehr...

05.09.2010 von dr.frostbold: lieber 20 jahre knast, als ein jahr mit frau künast!

wenn die berliner "erquasselt" werden wollen, dann los. "allzweck renate" hat das charisma und den charme eines fahrkartenautomaten, dagegen ist ja sogar frau merkel eine famme fatale! mehr...

05.09.2010 von famulus: Künast?

Künast sollte als Verbalmörder, als der sie sich bereits mehrfach geoutet hat, alle Ämter niederlegen. Sie könnte vielleicht noch als Schnellleser - 464 Seiten auf einer etwa 2 Stunden dauernden Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg - [...] mehr...

05.09.2010 von Bre-Men: Bloß nicht

Dann wird der Prenzelberg endgültig zum Edelbiotop. mehr...

05.09.2010 von sitiwati: man könnte

natürlich auch Politiker als H4 empfänger betrachten, natürlich auf einem anderen Level, beide H4 und Politiker werden ja aus Steuermitteln finánziert! mehr...

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Die Geschichte der Grünen

7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft

Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.

13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei

6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl

16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen

25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"

2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen

14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90

27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland

22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm

18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts

15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus

17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün

5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor

28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg

12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident

25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu







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