Von Andreas Grieß
Man stelle sich das Szenario nur einmal vor: Gerhard Schröder, gemeinsam mit seiner Familie im Auto, unterwegs in den Urlaub. Dann stimmt der Altkanzler "Brüder, zur Sonne" an, die Familie singt mit. Als nächstes folgt "Old MacDonald had a farm". Singende Politiker sind für die meisten Bürger eher eine groteske Vorstellung, haben sie doch schon mit dem gesprochenem Wort ihrer Volksvertreter mitunter Probleme.
Und doch ist es tatsächlich so: Der Altkanzler stimmt gerne Arbeiterlieder an. Immerhin gibt er im Interview mit der "Welt am Sonntag" zu: "Ich kann allerdings gar nicht singen."
Schröder ist bei weitem nicht der einzige Spitzenpolitiker, der mit seinem Musikgeschmack überrascht. Verkehrsminister Peter Ramsauer hat zum Beispiel schon Konzerte als Pianist gegeben. Davon berichtet er stolz auf seiner Homepage. Garniert wird das Ganze mit einem Bild, das den CSU-Politiker beim Musizieren zeigt. Dies ist laut Homepage die "andere Seite des Politikers Peter Ramsauer", die des "Musik-Liebhabers".
Wähleroptimierter Musikgeschmack
Ob wirklich alle Politiker die Songs hören, die sie angeben, darf bezweifelt werden. Denn einige der mächtigen Männer nennen Lieblingslieder, mit denen sie sich regelrecht den Wählern anbiedern. Vor kurzem etwa gab Christoph Ahlhaus, der designierte neue Erste Bürgermeister von Hamburg, an, er singe gerne "Hamburg, meine Perle". In der Hansestadt ist das nicht erst seit dem Wiederaufstieg des FC St. Pauli eine bedeutende Festlegung, ist das Lied doch der Stadionsong des Erzrivalen Hamburger SV.
Betont heimatverbunden zeigt sich auch Horst Seehofer auf seiner Website. Der bayerische Ministerpräsident antwortet auf die Frage, bei welchem Lied er gerne mitsinge: "Bei der Bayern-Hymne: Gott mit Dir, Du Land der Bayern!"
Außenminister Guido Westerwelle versucht, beim Musikgeschmack am besten nirgendwo anzuecken: "Charts und Klassik, Oper und Pop", lautet der Eintrag unter Lieblingsmusik auf seinem Facebook-Profil. Man hätte auch einfach "alles" schreiben können. Vielleicht hatte der FDP-Chef jedoch Angst, damit dann doch zu beliebig zu wirken und den alten Ruf der Liberalen als "Fähnchen im Wind" wiederzubeleben. Immerhin, musikalisch scheint er für jeden wählbar zu sein.
Jazz und klassische Musik bevorzugt
Bei vielen Politikern ist klassische Musik hoch im Kurs. So ist Altkanzler Helmut Kohl für seine Liebe zu Orgelmusik von Franz Lambert bekannt. Auch Renate Künast mag es gerne klassisch. Zudem höre sie gerne Jazz, gibt die Grünen-Fraktionschefin an. Jazz und klassische Musik nennt auch Linken-Politiker Bodo Ramelow als seine Favoriten.
Das dürfte eines der wenigen Dinge sein, die ihn mit Kanzlerin Angela Merkel verbinden. Die zählt zusätzlich noch die Beatles und Karat zu ihren Lieblingsmusikern. Weithin bekannt ist natürlich auch die Vorliebe der Kanzlerin für Opern.
Etwas rockiger darf es beim Verteidigungsminister zugehen: Vergangenes Jahr besuchte der bekennende AC/DC-Fan Karl-Theodor zu Guttenberg ein Konzert seiner Lieblingsband in München. Und auch bei Kabinettskollegin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kommen gerne mal die Töne von E-Gitarren aus den Lautsprechern: Zu ihren Lieblingsbands zählen unter anderem die Rolling Stones.
"Siggi Pop" freute sich über Modern Talking-Auflösung
Auch zeitgenössische Musiker befinden sich auf den MP3-Playern der Mächtigen. Thorsten Schäfer-Gümbel, Hessens SPD-Vorsitzender, hört zum Beispiel die US-Sängerin Pink sowie Xavier Naidoo. Die Pet Shop Boys zählt der gerade abgewählte Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, zu seinen Favoriten.
Ganz sicher kein Freund von Modern Talking ist SPD-Chef Sigmar Gabriel. Der hatte 2003, damals Pop-Beauftragter seiner Partei, die Auflösung des Duos von Dieter Bohlen und Thomas Anders als "seit langem überfällig" bezeichnet. Ganz anders sein Verhältnis zu Peter Maffay: Den zählt Gabriel offiziell zu seinen Freunden. Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf gab der Musiker sogar ein Konzert in Gabriels Wahlkreis, inklusive Redeauftritt des damaligen Umweltministers sowie des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.
Auf anderen Social Networks posten:
Mir ist es völlig egal, was die für einen Musikgeschmack haben, so lange sie nicht versuchen sich auf dieser Welle beim potenziellen Wähler anzubiedern. Á la Guido Geschmacklos Westerwelle. Ich finde, sie sollen sich um ihren [...] mehr...
Leute, die ihren Musikgeschmack als "Rock, Pop, Klassik" angeben, waren mir schon immer suspekt. Da passt so einer wie Westerwelle gut in das Bild. Opportunistische Beliebigkeit nicht nur im Musikgeschmack sondern auch [...] mehr...
mit veraltetem Geschmack, wie ich meine. Die "Entwicklung" der Popmusik, ich unterstelle mal, dass es das gab, ist weiter gegangen. Die Stones sind doch schon fast Musikantenstadl-fähig, oder? mehr...
Altkanzler Schröder singt gerne Arbeiterlieder und hüllt sich in edles Tuch, raucht sündhaft teure Zigaretten und lebt als Gazprommitarbeiter auch sonst nicht auf kleinem Fuß. Wer Ramsauer auf dem Klavier spielen hört (war mal [...] mehr...
Danke, das wollte auch ich sofort loswerden, als ich den Artikel las. Da fühlt man sich als Organist schon fast beleidigt. Bitte korrigieren! mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Gerhard Schröder | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH