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23.08.2010
 

Angelnde Politiker

Ganz dicke Fische

Von Christoph Schwennicke

Politiker beim Angeln: Und danke für den Fisch
Fotos
AP

George W. Bush liebt das Angeln, Angela Merkel trat sogar einem Verein bei - und Wladimir Putin warf halbnackt die Leine aus. Eine Abhandlung über den bisher verborgen gebliebenen Zusammenhang von Politik und Fischen.

Sicherlich, George W. Bush hat es der Welt als US-Präsident nicht leicht gemacht, ihn zu mögen. Aber dieser Bush kann im Grunde kein schlechter Mensch sein. Als alle Augen nur auf seinen Nachfolger blickten, an dem Tag der Amtsübergabe an Barack Obama vor anderthalb Jahren, da hat sich Bush erst reglos auf der Tribüne vor dem Capitol, den Kopf tief in den Mantelkragen gezogen, all die Unverschämtheiten seines Nachfolgers geduldig angehört ("Wir werden jetzt alles anders machen..."), und während sich dieser Obama die Füße blutig tanzte durch die Nacht, bestieg Bush das nächste Flugzeug Richtung Texas, um sich auf seine Ranch zurückzuziehen. Was er an seinem ersten Tag als Privatier machen werde, erzählte er einer Menge von 20.000 Menschen, die ihn am Centennial Plaza in Midland, Texas, begrüßten.

Er freue sich auf einen "relaxing morning in Crawford", sagte George Walker Bush. Er werde früh aufstehen, dann seiner Frau einen Kaffee kochen, die Hunde füttern, einen Blick in die Zeitungen werfen, rausgehen, und dann ans Wasser zum Fischen. "Das wird dann so gegen acht sein", beschied Bush seine Fans. Und dafür hat er unsere volle Sympathie.

Es muss einen bisher verborgen gebliebenen Zusammenhang geben zwischen der Politik und dem Fischen. So viele tun es, heimlich oder nicht so heimlich. Bush, Dick Cheney, der neue Finanzberater von Obama, Paul Volcker, tut es auch. Hierzulande das gleiche Phänomen, über alle Parteigrenzen hinweg: Peter Raumsauer von der CSU angelt leidenschaftlich, Carsten Schneider von der SPD auch. Angela Merkel war im Vorstand eines Angelvereins. Es gibt diese Bilder von Wladimir Putin, auf denen er mit bloßem Oberkörper im sibirischen Fluss Jenissej steht und halbnackt auswirft. Ein Mann, ein Fluss, eine Angel - und Bizeps wie Berge. Legendär sind auch die Angeltreffen von Ernest Hemingway und Fidel Castro.

Oder Helmut Kohl.

Über Helmut Kohl gibt es viele Anekdoten, eine sehr schöne handelt von seinem ersten Treffen mit dem indonesischen Diktator Suharto. Der Legende nach besuchte Kohl einmal den Regierungschef des Inselreiches und wartete auf seinen Gastgeber in einem Zimmer, in dem ein Aquarium stand, das er interessiert betrachtete. Alsbald gesellte sich ein Mann hinzu, mit dem sich Kohl dann über Fische und Aquarien unterhielt. Er wusste schließlich wovon er sprach. Kohls Aquarium in seinem Dienstzimmer in Bonn war so legendär wie seine Münzsammlung auf dem Schreibtisch.

Der freundliche Herr, der ihm mit einem Gespräch über Fische die Zeit vertrieb, erwies sich als außerordentlich kundig und höflich, und schließlich, als Kohl nach einiger Zeit fragte, ob er denn nun den Hausherrn sehen könne, als Präsident Suharto höchstselbst.

"Viel Glück, und pass auf, dass dich kein Fisch frisst"

So etwas verbindet. Einige Jahre später reiste Kohl in das Inselreich, und Kohl wurde vor seiner Abreise bedrängt, Suharto gegenüber harte Worte zu finden, weil dieser seit Jahren Ost-Timor besetzt hielt.

Stattdessen aber machten sich Kohl und Suharto auf zur Insel Bira in der Javasee und verbrachten dort einen gemeinsamen Angeltag. Es ist nicht verbrieft, aber angeblich war bei diesem Angelausflug dem Zufall etwas nachgeholfen worden. Um keine staatspolitischen Verwerfungen hervorzurufen, sollen angeblich Taucher den beiden Anglern in ihrem Kahn Fische an den Haken gehängt haben, und nicht nur irgendwelche Fische, sondern Fische der exakt gleichen Größe.

Die deutsche Delegation machte den mitgebrachten Korrespondenten gegenüber aus Kohls Angeltörn ein Staatsgeheimnis. Das nicht eben für Pressefreiheit bekannte Indonesien ging damit ganz anders um. "Suharto, Kohl, cast work aside", stand über einem Aufmacher in der "Jakarta Post". Sie ließen die Arbeit ruhen. Direkt daneben sah man ein Foto der beiden in Freizeitkleidung, wie sie gerade einen Fisch aus dem Meer holen. Die entspannte Atmosphäre, berichtete die "Jakarta Post" weiter, sei noch besser geworden, als die beiden die ersten Fische aus dem Wasser gezogen hätten.

"Viel Glück, und pass auf, dass dich kein Fisch frisst", hat Suharto Kohl am Ende des Besuchs verabschiedet.

Alle vier Jahre entdecken deutsche Politiker die Angler

Bei der vermeintlichen Angelleidenschaft von Willy Brandt sind sich seine Söhne Matthias und Lars bis heute nicht einig. Lars Brandt ist sich sicher, als Kind mit dem Vater zum Angeln gegangen zu sein. Kann gar nicht sein, meint Matthias Brandt. Weil der Vater damit nichts im Sinn gehabt habe. Aber irgendwann habe sich das Gerücht vom angelnden Vater verselbständigt. Ihm seien etliche Angeln geschenkt worden, die den Keller verstopften.

Es gibt in Deutschland über drei Millionen Angler. Das sind nicht nur drei Millionen Männer an Seen und Flüssen, die stundenlang stoisch Löcher in die Wasseroberfläche starren. Das sind auch drei Millionen Wähler. Alle vier Jahre, im Wahlkampf, entdeckt der Politiker daher den Angler.

Der Deutsche Anglerverband hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kandidatin Angela Merkel 2005 auf ihre spezifische Wählbarkeit hin abgeklopft. Der Fragenkatalog bietet ungeahnte Einblicke in angelpolitische Ansichten von Kanzler und Kandidatin. Angeln sei "ein besonderes Hobby und ein besonderer Sport", gerade weil man ihm in der Natur nachgehe, befindet Schröder und schließt: "Ich habe leider nicht die Zeit dazu, was ich bedauere."

Dem verhinderten Fischer Schröder stand eine Kandidatin gegenüber, die dem Angler ihre "persönliche Anerkennung" für ein Hobby aussprach, das "Geduld, Ausdauer und Können" erfordere, Gewässer erhalte und Jugendliche einbinde.

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insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.08.2010 von maipiu: Angel a!

In süddeutschen Dialekten heißt das: Angele auch! Die Kanzlerin hat also den Angel-Imperativ schon im Namen. Fragt sich nur, wen oder was sie fängt. mehr...

24.08.2010 von albert schulz: Anglerlatein

Meiner ist aber so groß. Meiner ist der Größte. Morgen wird alles besser, billiger, schöner. Hat eine frappierende Ähnlichkeit mit Politikeraussagen. Wir kommen immer wieder auf das seriöse Medium zurück und seine [...] mehr...

24.08.2010 von albert schulz: angeln

Und wo sind die beliebten Wortschöpfungen Angela angelt, die angelnde Angela, angelte Angela ? Angela, die Angel der CDU ? Angelt Angela Angler ? Angela ist und bleibt unser Engel. Da müßte doch das Herz jedes Journalisten höher [...] mehr...

24.08.2010 von albert schulz: der Spiegel ist also seriös

Sie sind mir ein Märchenerzähler. Der Spiegel hatte immer schon einen außerordentlichen Ekel vor harten Fakten. Dafür wurde Ungenießnares in manierlicher Form geboten, also völlig sinnfreie Dinge erhielten epochale Bedeutung, [...] mehr...

24.08.2010 von Henry Klack: Muß man vom Angeln Ahnung haben...???

Was wertet den blöden Fisch denn ab, wenn er auf einen Köder reinfällt? Doch nur sein mangelnder Verstand und seine Fressgier. Ich danke für die Steilvorlage. Angeln = Parallelwelt zur bundesrepublikanischen Umgebung. Auf [...] mehr...

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Zum Autor

Maurice Weiss / Ostkreuz
Christoph Schwennicke, Jahrgang 1966, ist Autor und stellvertretender Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Journalistik und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Danach arbeitete er für verschiedene Tageszeitungen, unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung". 2007 wechselte er zum SPIEGEL.

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