ThemaDeutschlandRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.08.2010
 

SPIEGEL-Umfrage

Das Helmut-Schmidt-Phänomen

Altkanzler Schmidt: Den Papst als moralische Instanz weit hinter sich gelassenZur Großansicht
AP

Altkanzler Schmidt: Den Papst als moralische Instanz weit hinter sich gelassen

Reichlich düster waren die letzten Jahre der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Trotzdem ist er heute die größte moralische Instanz der Deutschen - wie eine Umfrage des SPIEGEL zeigt. Politiker führen das Ranking an, Intellektuelle sind dagegen nicht mehr gefragt. Schade eigentlich, findet Franz Walter.

In der neuen Ausgabe des SPIEGEL wird ein Ranking über die "moralischen Autoritäten" innerhalb der deutschen Prominenz präsentiert. Die Liste ist Ergebnis einer Erhebung, die das Institut TNS Forschung Mitte Juni für das Hamburger Magazin durchgeführt hat. Die Frage der repräsentativen Erkundung lautete: "Wer ist eine moralische Instanz für Deutschland?"

Hier lesen Sie das Ergebnis.

Fast muss man ein bisschen schmunzeln, dass die Tag für Tag heftig gescholtene aktive "Politikerkaste", allen unentwegt festgestellten Verdrossenheiten im Volk zum Trotze, an der Spitze der Hierarchie "moralischer Instanzen" steht.

Demgegenüber kommt die stets als Alternative ausgelobte Zivilgesellschaft von Repräsentanten der Kirchen, Medien oder Wirtschaft keineswegs auf das moralische Renommee der Politik. Und ganz abgeschlagen liegen die klassischen Künder und Wächter des gesellschaftlichen Gewissens: die Intellektuellen. Damit musste man nicht unbedingt rechnen.

Jedenfalls scheint das am Bemerkenswertesten: Die traditionellen Autoritäten in der Begründung und Pflege von Ethik und Moral haben ihre einst unzweifelhaft innegehaltene Führungsposition gänzlich verloren. Dass Papst Benedikt XVI. als "moralische Instanz" in etwa die Werte von Günther Jauch erlangt, zeigt dann doch an, dass eine über Jahrhunderte tief verwurzelte Sakralität mediengesellschaftlich unter- und weggespült wird. Die tausenden Missbrauchsfälle und die mangelnde Aufklärung des Skandals haben das Vertrauen in die katholische Kirche nachhaltig erschüttert.


Noch frappanter ist gewiss, wie unbedeutend die Gruppe der Intellektuellen geworden ist. Man kennt sie nicht mehr. Man vermisst sie aber auch nicht. In früheren Jahrzehnten brauchte man sie - wie es oft hieß - als mutige Stimmen des Widerspruchs, als Ankläger von Ungerechtigkeiten, überhaupt: als Vordenker einer neuen Zukunft.

Heute tummeln sich Zehntausende von notorischen Widerspruchsgeistern in Internetforen; die Schar der Blogger klagt stündlich irgendeine Ungerechtigkeit irgendwo in der Republik an. An die Kraft und Möglichkeit realistischen wie visionären Vordenkens glaubt in heterogenen Gesellschaften kaum noch jemand; zumindest überweist man eine solche Rolle nicht mehr an Verfasser literarischer Prosa oder schwer verständlicher Sozialwissenschaft.

Es ist vielmehr so: Regnet es 14 Tage hintereinander, dann fragt ein ARD-"Brennpunkt" bei einem Klimaexperten an, ob das etwas zu bedeuten hat. Im Gefolge von Pisa-Umfragen holt man sich einen Bildungsforscher ins Studio. Bei Kursstürzen des Euro steht ein Währungsexperte parat, um die Ängste der Fernsehzuschauer zu dämpfen. Nach Kraftwerksunfällen erklärt ein Physiker vor der Kamera, wie es passieren konnte. Kurz: Der Experte hat die Denker ersetzt. Der Typus des "Gesamtintellektuellen" ist nicht mehr gefragt.

Die moralische Instanz Helmut Schmidt

Dafür hat die Nation Helmut Schmidt. Ihn bezeichneten die meisten der Befragten, nämlich 83 Prozent, als moralische Autorität. Das stand nun in der Tat zu erwarten, dass er die moralische Instanz in Deutschland verkörpert, auch generelle Bedeutung im überragenden Maße zugesprochen bekommt. Seit Jahren hat er die Aura eines letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen, überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte.

Mittlerweile hat sich das Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Kaum jemand scheint sich merkwürdigerweise daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Schmidt, wirklich war. Alle Probleme - von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - nahmen hier, in der Schmidt-Ära, ihren betrüblichen Anfang.

Schon 1976 schrieb ein wirklich guter und treuer Freund Helmut Schmidts, der "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer: "Die zweite Regierung Schmidt/Genscher ist schon in den Startlöchern elend ins Stolpern geraten. Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen. Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land." Und so ging das weiter, insbesondere in den frühen achtziger Jahren. Zumeist herrschte ein Hauen und Stechen zwischen den Koalitionspartnern, zwischen Schmidt und Genscher; mühselig ausgehandelte Kompromisse zwischen SPD und FDP hielten meist nur wenige Wochen, mitunter gar lediglich einige Tage.

So gesehen: Wer weiß, wie man in dreißig Jahren den Herrn Schröder oder Herrn Fischer bewerten wird. Auszuschließen jedenfalls ist nicht, dass selbst diese derzeit wenig geschätzten Raufbolde von Rot-Grün im Jahr 2040 dann als vorzügliche moralische Instanzen durchgehen mögen. Die Zeit heilt auch in dieser Hinsicht so manche Wunden.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 164 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.08.2010 von Diomedes: Über den grünen Klee gelobt...

Was der gute Herr Schmidt bei seinen verkehrsregelosen Finanzverkehr nur vergisst: Es war und ist die Politik, die hier die Regeln festsetzt oder nicht, ganz so wie im lieben Straßenverkehr: Die Straßenverkehrsordnung, der [...] mehr...

27.08.2010 von sowosammerneger: *

Es geht um die Bedeutung der Aussagen oder? ---Zitat--- Wenn Millionen Menschen der Rede eines Sektenführers folgen, macht das seine Aussagen automatisch gehaltvoller und konsistenter als jeden wissenschaftlichen Essay? [...] mehr...

27.08.2010 von forumgehts?: Frage

Finden Sie nicht, dass ein Realpolitiker, der für seine Sache kämpft, besser ist als ein Ethiker, der beleidigt zurücktritt? Ich glaube, wenn man die Arbeit erfolgreicher Teams anschaut, so findet man als Teamleiter immer einen [...] mehr...

26.08.2010 von saul7: ++

Weder noch. Googeln Sie mal, da werden Sie geholfen...;-))) mehr...

26.08.2010 von Nonvaio01: Schmidt ist der beste

Hallo, Schmidt hat angepackt, er hat entscheidungen getroffen, er hatte weitblick, er hat verstanden das andere Kulturen nicht auf den Westen uebertragbar sind. Er ist meiner meinung nach der letzte Politiker der [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zum Autor

Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung. Walter schreibt regelmäßig für SPIEGEL ONLINE.





TOP



TOP