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01.09.2010
 

Reform der Bundeswehr

Die Wehrpflicht-Lüge

Von Sebastian Fischer, Dominik Peters, Anna Reimann, Friederike Schröter und Hendrik Ternieden

Verteidigungsminister Guttenberg will die Wehrpflicht aussetzen, seine Kritiker preisen sie als demokratisches Gut. Die Realität ist und war immer eine andere: Trinkgelage, Schikanen, Langeweile. Auf SPIEGEL ONLINE berichten Wehrpflichtige aus sechs Jahrzehnten über ihren überflüssigen Dienst.


Berlin - "Identitätsfrage", sagt CSU-Chef Horst Seehofer. "Wesenskern der Union", meint Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister. Für Unionsfraktionschef Volker Kauder ist die Wehrpflicht die Verbindung zwischen Gesellschaft und Armee. Wenn die gekappt ist? Tja. "Wohin das führen kann, wenn dieses Band nicht vorhanden ist, haben wir in unserer Geschichte mehrmals sehen können."

Mag heißen: Schafft Deutschland die Wehrpflicht ab, riskiert es einen Nazi-Rückfall. Mindestens aber einen in Kaisers Zeiten.

Tatsächlich? Wohl und Wehe der deutschen Demokratie sollen an den rund 60.000 Rekruten in deutschen Bundeswehrkasernen hängen? Absurd muten die Argumente an, welche die Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ins Feld führen.

Der Mann arbeitet nicht an irgendeiner Reform der Bundeswehr, sondern an einer "der größten in ihrer Geschichte" (O-Ton Guttenberg). Mit dem Plan, die allgemeine Wehrpflicht zwar nicht aus dem Grundgesetz zu löschen, sie aber auszusetzen, bricht er mit einer vermeintlichen deutschen Traditionslinie. "Wer sie aussetzt, schafft sie ab - das muss jeder wissen", sagt Seehofer.

Alles spricht gegen Guttenberg: Die Parteifreunde, das CSU-Programm ("Die Allgemeine Wehrpflicht bleibt von zentraler Bedeutung für unsere nationale Sicherheitsvorsorge"), das CDU-Programm ("Wir bekennen uns zur Wehrpflicht") und der Koalitionsvertrag ("Die Koalitionsparteien halten im Grundsatz an der allgemeinen Wehrpflicht fest").

Nur die Realität spricht für ihn.

SPIEGEL ONLINE hat Wehrpflichtige verschiedener Jahrgänge befragt, von den fünfziger Jahren bis heute, in Bundeswehr und NVA:


Wehrpflicht - Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten:

So wie bisher kann es nicht weitergehen: Ein Heer unmotivierter Wehrpflichtiger in den Kasernen, die Ausbilder und Gerät binden. 250.000 Köpfe zählt die deutsche Armee, aber mit nur rund 7000 Soldaten in Auslandseinsätzen stößt sie schon an ihre Grenzen.

Skurril: Während etwa Großbritannien oder die USA ihre Wehrpflicht bereits vor Jahrzehnten abschafften, Frankreich sie vor neun Jahren aussetzte und Polen jüngst eine Berufsarmee eingeführt hat, hat Deutschland eisern an dieser Wehrform festgehalten - egal ob unter sozialdemokratisch oder christdemokratisch geführten Regierungen. Wenn es nach Guttenberg geht, soll damit nun Schluss sein. Eine um ein Drittel auf rund 165.000 Soldaten zusammengeschmolzene Armee aus Freiwilligen, Berufs- und Zeitsoldaten - so schwebt ihm die neue Bundeswehr vor. Im Herbst wird über seine Pläne entschieden.

"Das legitime Kind der Demokratie"

Die alte Bundeswehr sollte eine Wehrpflichtigenarmee sein, weil sie ein Massenheer zur Landesverteidigung im Kampf der Systeme Ost gegen West sein musste: Im Falle eines heißen Krieges rechnete man mit großangelegten Panzerschlachten zwischen Elbe und Rhein. Das zweite Argument der Bundeswehrgründer für die Wehrpflicht: Nie wieder sollte sich eine Armee zum Staat im Staate entwickeln, wie es die in weiten Teilen demokratiefeindlichen Berufssoldaten in der Reichswehr der Weimarer Republik taten.

Schon lange vor der bundesdeutschen Wiederaufrüstung bezeichnete Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) die Wehrpflicht als "das legitime Kind der Demokratie". In der Bundeswehr sollte dann der "Staatsbürger in Uniform" seinen Dienst tun und ihn "als Teil eines allgemeinen Bildungsprozesses begreifen, der ihn nicht von der Gesellschaft absondert, sondern in spezieller Weise mit ihr verbindet". So beschrieb es der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer.

Aber auch deutsche Berufssoldaten unterliegen den demokratischen Prinzipien der Bundeswehr. Oder sind Wehrpflichtige einfach intelligenter? Das wäre "eine Beleidigung für unsere vielen Berufs- und Zeitsoldaten, als ob diese nur einen IQ von 80 hätten und marodierend durch die Welt laufen würden", sagte Guttenberg der "Süddeutschen Zeitung".

Demokratie durch Wehrpflicht? Wann haben je deutsche Zwangsverpflichtete die Republik gegen ihre Feinde verteidigt? Vielleicht mag man die revoltierenden Soldaten im Herbst 1918 dazu rechnen, die den Weg vom Kaiserreich zur ersten deutschen Republik bahnten.

Aber sonst? 1813 wurde in Preußen die Wehrpflicht eingeführt, um die Befreiungskriege gegen Napoleon bestehen zu können. Das Ergebnis war nicht der Staatsbürger, sondern der Untertan in Uniform. Der diente dann in den deutschen Armeen, die 1870/71 gegen Frankreich ins Feld zogen, im Ersten Weltkrieg und auch im Zweiten Weltkrieg, nachdem Hitler die Wehrpflicht 1935 wieder eingeführt hatte. Drei Angriffskriege in 150 Jahren - auch das ist die Bilanz einer Wehrpflichtigenarmee.

Als die Bundesrepublik im April 1957 ihre ersten 10.000 Wehrdienstleistenden einzog, lästerte man in der DDR über die "als Soldaten verkleideten Werktätigen". Später zog die Nationale Volksarmee (NVA) dann selbst nach: Im Januar 1962 schwenkten die Machthaber im Osten auf die Wehrpflichtarmee um.

Klar ist: Die eine, positive Traditionslinie dieser Wehrform gibt es in Deutschland nicht. Wie aber erlebten deutsche Wehrpflichtige in den vergangenen fünf Jahrzehnten ihren Dienst an der Waffe? Fühlten sie sich als Staatsbürger in Uniform? Was brachte ihnen der Einsatz fürs Vaterland?

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04.10.2010 von zerberus und co.: "Die Militaristen sind die wirklichen Retter der Menschheit. "

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Der Zivildienst ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft und wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Wie alle Wehrpflichtigen müssen künftige Zivis zunächst an einer Musterung teilnehmen und können erst danach ihre Verweigerung schriftlich beim Kreiswehrersatzamt einreichen. Junge Männer dürfen also nicht einfach zwischen Wehr- und Zivildienst wählen - ihre Gewissensgründe (etwa Erziehung zur Gewaltfreiheit und religiöse Ansichten) müssen offiziell anerkannt werden. Darüber entscheidet das Bundesamt für Zivildienst.

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