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26.08.2010
 

"Stuttgart 21"-Protest

"Schweine, Sauerei, schämt euch!"

Von Dominik Peters, Stuttgart

"Stuttgart 21": Protest gegen den Abrissbagger
Fotos
dpa

Ein Sonderkommando holt Hausbesetzer vom Bahnhofsdach - der Protest gegen "Stuttgart 21" wird schärfer. Die Gegner des Großprojekts wollen nicht klein beigeben. Jetzt erst recht nicht.

Eine Frau kommt auf die Polizisten zu. Sie weint. "Was hier passiert, ist ein Verbrechen", sagt sie mit tränenerstickter Stimme und schaut mit zornig funkelnden Augen die Beamten an: "Und Sie sind Schuld daran."

"Ihr seid Schweine. Das ist eine Sauerei, schämt euch", rufen zwei untersetzte alte Männer mit Schlapphütten. Die Stimmung ist aufgeladen auf dem "Platz des himmlischen Friedens", wie Demonstranten den Stuttgarter Bahnhofsvorplatz inzwischen nennen.

Seit Wochen protestieren die Bürger schon gegen "Stuttgart 21", das Prestigeprojekt der Deutschen Bahn und der baden-württembergischen Landesregierung. Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum unterirdischen Durchgangsbahnhof und der Flughafen an das Schienennetz angebunden werden, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Ulm ist geplant. Bisher verlief der Protest friedlich, aber viele Stuttgarter verlieren langsam die Geduld. Besonders seit an diesem Donnerstagnachmittag Spezialkräfte der Polizei sieben Besetzer des Bahnhofsdachs überrascht und heruntergeholt haben.

Wut, Zorn und Entsetzen bricht hervor bei den "Stuttgart 21"-Gegnern. Mit Trillerpfeifen im Mund sitzen jetzt schwangere Frauen auf dem Asphalt, daneben Jugendliche und Männer in Anzügen, mit Blackberry in der einen und Aktenkoffer in der anderen Hand. Sie alle haben sich spontan zur Sitzblockade auf dem Bahnhofsvorplatz eingefunden, nachdem sie von der Räumung erfahren haben.

Unter ihnen ist Ingrid Preuning, 63. Die braungebrannte Rentnerin sitzt auf einem kleinen grünen Campinghocker und trägt einen grünen Button als Ohrring: "Nein zu 'Stuttgart 21'" steht darauf. Eigentlich sei sie nicht für Demonstranten, sagt sie. Aber was sich in ihrer Heimatstadt abspiele, sei einfach nur "krank", brüllt sie gegen den Lärm der Trommeln und Gesänge der Massen am Bahnhofsvorplatz.

Hinter der Menschenmenge macht sich ein Bagger ans Werk, der Abriss des Nordflügels geht jetzt weiter. Er und der Südflügel müssen dem Neubau weichen. Vor der Baustelle ist ein Sperrgitter, das wie eine riesige Posterleinwand aussieht. Jeden Zentimeter haben die Demonstranten mit bunten Plakaten vollgehängt: "Lügenpack" steht auf einem, auf einem anderen: "Es wird eng, ihr Flaschen, der Souverän ist am Zug." Daneben ist ein Sarg abgebildet - mit goldener Inschrift: "Stuttgart 21".

Etwas abseits der Kundgebung steht Philipp Hebenstreit, grüne Hose, schwarzes T-Shirt, Gesundheitssandalen an den Füßen. Er raucht eine selbstgedrehte Zigarette, seine Sonnenbrille hängt locker in dem braunen Pferdeschwanz. Der 32-jährige Musikmanager arbeitet zurzeit als Helfer bei einer Mahnwache mit.


Tag und Nacht sitzen dort die Demonstranten am Bahnhofseingang unter einem Pavillonzelt, das vollgestellt ist mit Krimskrams. Neben dem Infotisch steht ein halbleerer Pott Kaffee, daneben Kekse, Joghurt, Milch, Brötchen, frischer Zwetschgenkuchen. "Wir bekommen alles umsonst von Bürgern gebracht", sagt Hebenstreit, während ein Mann mit Halbglatze eine Palette O-Saft in das Zelt trägt. "Die Demonstrationen sind erst am Anfang. Das ist noch lange nicht gegessen."

Hannes Roggenbauch, ein hagerer Rothaariger, steht mit einem Megafon vor den Polizisten, die die Demonstranten umkreist haben. "Mappus, stopp diesen Milliardenwahnsinn, sonst kostet es dich dein Amt und dein Land", ruft er. Er sitzt für die örtliche SÖS-Partei (Stuttgart-Ökologisch-Sozial) im Gemeinderat und hat sich wie so viele Stuttgarter an diesem Nachmittag zur Demo aufgemacht. Sie wollen die "glorreichen Fünf" zum Baustopp bewegen, wie ein Demonstrant die Verantwortlichen spöttisch nennt: den neuen Bahn-Chef Rüdiger Grube, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Ministerpräsident Stefan Mappus, Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (beide CDU) und Wolfgang Drexler (SPD), der seit einem Jahr ehrenamtlicher Sprecher des Großprojekts ist.

Sie alle stehen hinter "Stuttgart 21", aber nicht gleich stark. Schuster ist ein erklärter Befürworter, genau wie Drexler. Ramsauer indes ist nur halbherzig bei der Sache - er befürchtet weitere Belastungen für seinen Haushalt. Außerdem hat er das Projekt von seinem SPD-Vorgänger Wolfgang Tiefensee geerbt, genau wie Grube und Mappus. Der Ministerpräsident hält sich angesichts der Landtagswahl im Frühjahr 2011 auffällig bedeckt. Grube hingegen wiederholt in diesen Tagen einen Satz immer und immer wieder: "Die Bahn braucht dieses Projekt." Er will Stärke zeigen, nach all den Pannen und Zugausfällen seiner bisherigen Amtszeit.

Stärke wollen auch die Stuttgarter Gegner zeigen. Zu einer Großkundgebung an diesem Freitag werden Zehntausende erwartet, aus allen Schichten, allen politischen Lagern und Altersklassen. Sie sind sich ihrer Sache sicher.

Direkt am Bahnhofseingang spielt eine Band ein paar Songs. Bei dem Queen-Klassiker "We are the Champions" singen alle mit.

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Die neuesten Beiträge:
14.09.2010 von Rainer Daeschler: Und man lässt sie nicht tun, was sie wollen

Passt doch. Sie sprachen von 1933 - 1945, ich konsequenterweise von der Generation, die auf Polen zurückgeschossen hat. Da bieten sich allerdings noch andere Untaten innerhalb von 12 Jahren an, die wir lieber unerwähnt lassen. [...] mehr...

14.09.2010 von harry02041958: Häää?

Seit wann wurde 1933 auf Polen geschossen? Ich habe in der schule gelernt, daß das 1939 begann. Ich meinte die Manipulation der Bürger, sich eine bestimmte Meinung zu eigen zu machen, obwohl sie die Hintergründe nicht [...] mehr...

14.09.2010 von Rainer Daeschler: Politische Schwerhörigkeit

Wieso, wurde doch. Die Geräuschentwicklung beim Schwabenstreich dient dem Zweck, politische Schwerhörigkeit zu überbrücken. ---Zitat--- Wann merken die Protest-Bürger endlich, daß sie nur mißbraucht werden. Wie effektiv sowas [...] mehr...

14.09.2010 von harry02041958: Erst die Rechte verschlafen und dann meckern

Es gab doch mal sowas wie eine öffendliche Auslegung der Pläne. Wieso wurden denn nicht da die Einwände geltend gemacht. Gemeckert wird nur, wenn es zu spät ist und wenn die politischen Gegner ihre Chance sehen, die sonst [...] mehr...

30.08.2010 von Humboldt: Schwein oder nicht sein

Das sollte natürlich *Scheinexperte* heißen. Äh, das war wirklich ein Tippfehler. Dieser verdammte Freud. Sorry ;-) mehr...

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