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27.08.2010
 

Debatte über Stromkonzern-Ablass

Merkel sucht den Atomstreit-Ausstieg

Von Philipp Wittrock

Foto: ddp
Kühlturm eines Atomkraftwerks: Wer zahlt wie viel für die Abschaltung?

Zahlen, bitte! Aber wie? Angela Merkel fordert Geld von den Stromkonzernen über die Brennelementesteuer hinaus. Kritiker sind alarmiert, nun glaubt die Kanzlerin eine Lösung gefunden zu haben - eine typisch Merkelsche.

Berlin - Angela Merkel überlegt sich ihre Wortwahl in diesen Tagen genau.

"Nicht ohne Bedacht" fordert sie von der Energiewirtschaft einen "Beitrag" im Gegenzug für längere AKW-Laufzeiten ein, lässt die Kanzlerin an diesem Freitag erklären. Schon tags zuvor, beim Besuch des Atomkraftwerks Emsland in Lingen, hat sie gesagt, dass sie nicht von einer "Abgabe" sprechen will. Und nun gibt ihr Vizeregierungssprecher Christoph Steegmans den Journalisten der Berliner Bundespressekonferenz noch ein wenig bedeutungslexikalische Nachhilfe. "Eine Abgabe, da versteht man Leistungen drunter, zu denen Personen verpflichtet werden." Ein Beitrag dagegen "kann sehr vieles sein".

Nur was?

Die Kanzlerin ist auf der Suche nach einem typischen Merkel-Kompromiss.

Es geht darum, ob die Atomindustrie über die geplante Brennelementesteuer hinaus zahlen soll. Merkel meint: Ja. Denn ihr Finanzminister will mit dem Steuergeld Haushaltslöcher stopfen - weshalb nichts mehr für den Ausbau des Ökostroms übrig bliebe, der im Koalitionsvertrag als Gegenleistung für die längeren Laufzeiten gefordert wird. Also muss da noch was kommen.

Merkel hat wieder mal lange gewartet, bevor sie sich festgelegt hat. Sie hat sich angehört, wie die Energiekonzerne gegen die finanziellen Belastungen wettern und wie ihr Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) auf einer zusätzlichen Abgabe beharrte. Wie die FDP lavierte und die CSU davor warnte. Mit dem Ruf nach einem "Beitrag" nun versucht die Regierungschefin, alle zufriedenzustellen.

Gesichtswahrender Kompromiss

"Abgabe" klingt irgendwie nach Abkassieren. Es vergrätzt nicht nur die Konzerne, sondern auch die Wirtschaftsfreunde unter den Koalitionären, die es sich mit den Managern nicht verscherzen wollen.

Umweltminister Röttgen hätte damit kein Problem. Er ist für die Bosse von RWE, E.on und Co. ohnehin ein rotes Tuch. Für ihn ist vor allem wichtig, dass die längeren Laufzeiten nicht bloß Milliarden in den maroden Staatshaushalt spülen, sondern auch etwas für die erneuerbaren Energien abfällt. Ob Beitrag oder Abgabe ist Röttgen egal.

Die Kanzlerin ihrerseits wehrt mit ihrem Beitragsplan den Druck der Atomlobby ab, der sie zuletzt massiv verärgert hat - ohne den Eindruck zu vermitteln, sie sei eingeknickt. Denn jetzt sind nach dem Kalkül der Kanzlerin die Konzerne am Zug. Sie müssen nun ein Angebot machen und sich überlegen, was sie investieren wollen.

Die Unternehmen auf der anderen Seite müssten zwar zahlen, doch sie hätten nicht das Gefühl, dass die Regierung ihnen einseitige Vorgaben macht. Sie könnten zumindest mitreden. RWE-Chef Jürgen Großmann deutete am Rande von Merkels AKW-Visite im Emsland am Donnerstag schon an, dass die großen vier Kraftwerksbetreiber RWE, E.on, Vattenfall und EnBW in den kommenden Wochen "präzisieren" wollen, welchen Beitrag sie zu leisten bereit seien.

Form des Beitrags weiter offen

Wie genau dieser aussehen wird, ist auch nach Merkels Abgaben-Absage offen. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass die Bundesregierung eine freiwillige Selbstverpflichtung der Konzerne zur Förderung erneuerbarer Energien erwäge - doch Sprecher Steegmans bestätigte das am Freitag nicht.

Auch Merkel konkretisierte ihre Beitragsidee nicht weiter. Am letzten Tag ihrer sogenannten Energiereise verwies die CDU-Chefin im Wasserkraftwerk Rheinfelden bei Lörrach lediglich auf das gemeinsame Gutachten, das drei von der Regierung beauftragte Institute am Freitagnachmittag dem Wirtschafts- und Umweltministerium präsentieren wollten (siehe Kasten). Es werde sich nun "ein wenige Tage dauernder Konsultationsprozess anschließen".

Das Energiekonzept der Regierung

Die Idee

In Deutschland gibt es bisher keinen offiziellen Plan für die Energieversorgung der Zukunft. Braucht das Land längere Atomlaufzeiten? Soll mehr Gas importiert werden? Wie lassen sich die internationalen Klimaschutzziele erreichen? Und wann müssen die Verkehrsteilnehmer auf Elektroautos umsteigen?

Auf alle diese Fragen hat die Regierung keine Antworten. Wirtschafts- und Umweltministerium sind sich uneins, Atomkonzerne und Ökolobbyisten beharken sich gegenseitig.

Aus diesem Grund hat die schwarz-gelbe Koalition ein umfangreiches Energiegutachten in Auftrag gegeben. Es ist das zentrale Papier, auf dessen Basis die Regierung ihr eigenes Energiekonzept beschließen will. Dabei geht es auch um die Frage, wie lange Deutschlands Atomkraftwerke laufen sollen.

Das Gutachten

Die Studienautoren

Die Szenarien

Die Kritik

In den Gutachten haben Experten verschiedene Energieszenarien durchgerechnet, in denen sie von unterschiedlich langen Laufzeiten der Atomkraftwerke ausgehen. Der Bericht soll voraussichtlich in der kommenden Woche veröffentlicht werden. Am 28. September will das Kabinett dann sein nationales Energiekonzept vorstellen. Merkel mahnt zu Geduld - die Zeit bis dahin sei überschaubar.

Überschaubar, aber lange genug für weitere harte politische Diskussion.

Neun Bundesländer mit SPD-, Grünen- oder Linken-Regierungsbeteiligung verschärften am Freitag ihren Druck. Gleich fünf Umwelt- oder Wirtschaftsminister versammelten sich auf Initiative des rot-grün regierten Nordrhein-Westfalens in der Bundespressekonferenz, um Front gegen die geplanten Laufzeitverlängerungen zu machen. Sie kritisieren, dass die Regierung den Ausstieg vom Atomausstieg am Bundesrat vorbei beschließen will, und drohen für diesen Fall mit einer Verfassungsklage. Schwarz-Gelb hat in der Länderkammer seit der Wahl in Nordrhein-Westfalen keine Mehrheit mehr.

Widerstand droht der Bundeskanzlerin auch aus der Koalition. So reagierte die Schwesterpartei CSU am Freitag äußerst zurückhaltend auf den Vorstoß, die Energiewirtschaft mit einem weiteren Öko-Beitrag zu belasten. Spitz merkte CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE an, dass bisher nicht einmal die endgültige Form der Brennelementesteuer feststehe.

"Wir haben eine Brennelementesteuer beschlossen, von der wir jetzt erst einmal klären müssen, ob sie als Vertrag oder als Steuer kommen soll", sagte Friedrich. "Erst wenn wir das entschieden haben, können wir weitersehen."

Sieht aus, als habe Merkel noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

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insgesamt 28 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.08.2010 von tempus fugit: Richtungsweisend...

Nicht ernst nehmen! n+x vertritt sogar die Meinung eines 'Strahlen-T.D. Samurai Don Luckey', der ernsthaft vorschlägt,grossflächig radioaktive Strahler aufzustellen, um die Volksgesundheit zu 'stärken'... Oder sogar als Pillen [...] mehr...

28.08.2010 von n+x: Lca

Alle Anlagen müssen z.B. hergestellt werden, wofür Rohstoffe und Energie benötigt werden. Beide sind mit Umweltbelastungen und Gesundheitsschädigungen verbunden. [...] mehr...

28.08.2010 von Lunabyte: ...

So ist es! Da fällt mir nur mal wieder ein, dass man sich kaum dagegen wehren kann, ein Mittäter zu werden. Und trotzdem sollte man sich einen Kopf machen und sich informieren. mehr...

28.08.2010 von smartie1202: ähhhhhh,...???

erklären sie mir das mal bitte genauer...und trennen sie dabei gesundheit und umwelt bitte, danke. mehr...

28.08.2010 von Chirurg100: Merkel ist Diktatur pur !...

zudem einer häßlichen alten Oma, die einen neuen Honecker-Staat in Westdeutschland einführt, und KEINER merkt es !! Diese Frau schmeißt wie alle anderen das Geld zum Fenster raus, vergrößert IHRE und die Staatsmacht und [...] mehr...

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