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27.08.2010
 

Protest gegen Bahnprojekt

Stuttgarter Aufstand gefährdet Mappus

Von Severin Weiland

Ministerpräsident Mappus: Hart im Austeilen
Fotos
REUTERS

Die Proteste gegen "Stuttgart 21" bringen die schwarz-gelbe Landesregierung in Nöte. Der Widerstand könnte sie die Mehrheit kosten - CDU-Ministerpräsident Mappus bleibt nur die vage Hoffnung, dass der Aufstand bis zu den Wahlen im Frühjahr vergessen ist.

Berlin - Die Demonstranten vor dem Stuttgarter Bahnhof singen in diesen Tagen ein Lied: "Mappus, nemm dein Hut und geh, koiner will de meh." Es ist ein schwäbischer Spottvers auf den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der - kaum sieben Monate im Amt - zur Zielscheibe des Protestes wird.

Das ist nicht gerade das, was der Ministerpräsident gebrauchen kann.

Im März 2011 wird im Land gewählt, und schon in diesem September beginnt langsam der Wahlkampf. Nun steht ein Thema bundesweit in den Medien, das zunächst nur von lokalem Interesse schien. Doch "Stuttgart 21", das Großprojekt im Herzen der Stadt, mit dem der Bahnhof tiefer gelegt werden soll, um an eine Hochgeschwindigkeitstrecke nach Ulm angeschlossen zu werden, droht zum Synonym für Bürgerprotest schlechthin zu werden. Für das Misstrauen gegen Großprojekte, für die Distanz zwischen Politik und Gesellschaft. Gut möglich, dass Bürger "Stuttgart 21" nutzen, um Stefan Mappus stellvertretend abzustrafen.

Die Christdemokraten im Ländle haben sich, tatkräftig unterstützt von Abgeordneten in Berlin, für das umstrittene Neubauprojekt eingesetzt. Jetzt, da die Flügel des alten Bahnhofs abgerissen werden und Tausende auf die Straße gehen, sind selbst erfahrene Unionspolitiker verdutzt. So viele Demonstranten hatten sie nicht erwartet. "Es gibt immer Proteste gegen Großprojekte, aber dass es zu einer solchen Emotionalisierung kommen würde, überrascht mich schon", sagt Norbert Barthle. Der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist ein bekennender Förderer des Projekts. Er will, dass die Stadt an das moderne transeuropäische Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn angeschlossen wird.

Proteste auch von CDU-Anhängern

Nun muss er erleben, dass der Zorn über das Vorhaben selbst aus der eigenen Anhängerschaft kommt - zumindest in der Landeshauptstadt. "Ich nehme wahr, dass die Protestbewegung in Stuttgart bis weit hinein in die bürgerlichen Schichten reicht", sagt Barthle. Hoffnung macht ihm das Umland. "Da ist viel mehr Zustimmung vorhanden", berichtet er. Dort seien viele nicht von den Belastungen betroffen, die jedes Großprojekt nun einmal mit sich bringe, räumt er freimütig ein.


Ob der Protest von Stuttgart sich regional begrenzen lässt, wie es viele in der Union hoffen, ist eine andere Frage. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten, ebenfalls aus Baden-Württemberg, setzt darauf: "Wenn die Steine des Abrisses nicht mehr sichtbar sind, wird sich der Protest auch wieder legen." Im Frühjahr, bei den anstehenden Landtagswahlen, würden andere Dinge wieder im Vordergrund stehen als der Teilabriss des Stuttgart Hauptbahnhofs. So sieht es auch Barthle: "Ich hoffe sehr, dass durch die Kraft des Faktischen der Protest abbröckelt und die Situation in einem halben Jahr ganz anders aussieht." Dann müssten auch die Protestierenden einsehen, dass nichts mehr an den Beschlüssen zu ändern sei.

Bis zum 27. März, dem Tag der Landtagswahl, ist noch viel Zeit. Darauf hoffen die Christdemokraten - aber derzeit steht es um Mappus' schwarz-gelbe Koalition nicht gut. Nach der jüngsten Umfrage liegt Rot-Grün mit 45 Prozent Zustimmung einen Prozentpunkt vor Schwarz-Gelb. 37 Prozent gäbe es für die CDU, sieben für die FDP, 25 für die SPD und 20 Prozent für die Grünen. Es sind Werte, die noch vor den Protesten von Stuttgart gemessen wurden.

Grüne profitieren

Hochnervös sei die Landesregierung wegen Stuttgart 21, hat der Grünen-Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, festgestellt. Seine Partei profitiert massiv von den Protesten. Sollten die Grünen tatsächlich 20 Prozent erhalten, wäre das ein Rekordergebnis in Baden-Württemberg. "Damit müssen wir rechnen", sagt CDU-Politiker von Stetten. Die Grünen seien nun einmal die einzige Partei, die beim Projekt "Stuttgart 21" als Protestpartei wahrgenommen werde - so interpretiert er den Stimmenzuwachs der Konkurrenz. Die Linke spiele keine Rolle.

Lange Zeit galt Baden-Württemberg als mögliches Versuchslabor für eine schwarz-grüne Koalition. Noch Mappus' Vorgänger Günther Oettinger hatte nach der letzten Wahl mit dieser Option kurzzeitig geliebäugelt. Doch eine solche Koalition scheint mit Mappus noch unwahrscheinlicher zu sein - nicht nur wegen der Atomfrage, bei der er für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke plädiert.

Der Konflikt um "Stuttgart 21" dürfte eine solche Koalition in noch weitere Ferne rücken.

Mappus hat das Glück, dass nicht nur sein Koalitionspartner FDP zum Neubau steht. Auch die SPD-Spitze im Land unterstützt - trotz einzelner Proteste an der Basis - weiter "Stuttgart 21". Sofern die Genossen nicht umfallen, könnte das noch sehr hilfreich sein. Sollte es im März nicht mehr für eine Koalition mit der FDP reichen, bliebe Mappus ein Ausweg, um als Ministerpräsident in Baden-Württemberg an der Macht bleiben: eine Große Koalition.

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Chronik

Im April stellt Bahn-Chef Heinz Dürr das Projekt Stuttgart 21 mit der Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofes vor.

Stuttgart 21 in Zahlen

Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:

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