Von Björn Hengst
Hamburg - Der Spot dauert nur eine Minute, aber das genügte, damit Nestlé die Kraft des Gegners spürte. In dem Video greift ein gähnender Angestellter zu einem "KitKat" und öffnet die rote Verpackung - darin steckt allerdings kein Schokoriegel, sondern der Finger eines Orang-Utans. Der Mann beißt hinein, Blut läuft ihm am Kinn entlang, er wischt sich gedankenverloren über den Mund und kaut weiter. "Gib dem Orang-Utan eine Pause", wird als Schriftzug eingeblendet.
Es ist ein Spot von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation wollte damit auf die Zerstörung des Regenwaldes aufmerksam machen. Die Öko-Kämpfer beschuldigten den Schweizer Lebensmittelkonzern, für seine KitKat-Waffeln Palmöl zu verwenden, für das Regenwald in Indonesien abgeholzt werde. Vor der Deutschlandzentrale des Lebensmittelkonzerns errichteten die Umweltschützer im April eine Twitterwall, eine Leinwand mit live geschriebenen Tweets: Nestlé-Kritiker konnten dem Konzern damit ihren Protest direkt vor die Haustür schicken.
Nestlé wurde schnell nervös, ließ den Spot auf YouTube sperren und erlebte ein PR-Desaster. Blogger hatten längst Kopien erstellt, das Video erzeugte einen Klick-Ansturm im Internet. Greenpeace zufolge schauten es sich weltweit mehr als eine Million Menschen an.
Auch Pressemitteilungen von Nestlé, in denen die Umweltverträglichkeit der eigenen Marken beteuert wurde, blieben ohne Erfolg. Auf einer KitKat-Fanseite bei Facebook tauchten wütende Kommentare über Nestlé auf. Als die Seite irgendwann abgeschaltet wurde, stand der Lebensmittelkonzern erneut am Pranger. Das Unternehmen reagierte: Am 17. Mai 2010 kündigte Nestlé an, keine Produkte mehr beziehen zu wollen, die den Urwald in Mitleidenschaft ziehen.
Über die Aktion aus dem Frühjahr freuen sie sich bei Greenpeace noch heute. "Das war unsere erste Web-Demo", sagt Michael Pauli, Kommunikationschef von Greenpeace Deutschland. Die Umweltschützer haben das Internet für ihre Aktionen entdeckt.
Eine Gruppe versprengter Hippies als Anfang
Bekannt wurden sie einst mit spektakulären und waghalsigen Manövern, etwa wenn sich Aktivisten mit Schlauchbooten vor die Harpunen von Walfängern drängten.
Am 15. September 1971 steigt der Reporter Bob Hunter mit einer Gruppe kanadischer Hippies im Hafen von Vancouver auf die "Phyllis Cormack", einen ausrangierten Fischkutter. Sein Ziel: die Aleuten-Insel Amchitka vor Alaska, wo die US-Regierung einen Atombombentest plante. Zwar wird die "Phyllis Cormack" von der Küstenwache aufgebracht, aber die Medien berichten damals ausführlich über das Ereignis. Die Fahrt der "Phyllis Cormack" gilt als die Geburtsstunde von Greenpeace.
Es folgten weitere spektakuläre Einsätze, etwa gegen die Robben- und Waljagd, gegen die Versenkung von Atommüll und die Giftmüllverbrennung auf der Nordsee.
Aus der Gruppe versprengter Hippies ist längst eine globale Marke geworden - und die mächtigste Umweltorganisation der Welt: mit Büros in 40 Ländern, darunter Südafrika, Thailand, Russland und die Philippinen, mit einer eigenen modernen Schiffsflotte und einer Antarktis-Station, um Umweltschäden zu dokumentieren. Greenpeace hat heute sogar Beobachterstatus bei der Uno.
In Deutschland gründeten sich die Regenbogenkämpfer vor 30 Jahren, und derzeit erleben sie einen finanziellen Boom: 46 Millionen Euro Spenden flossen 2009 an die Umweltschützer, wie die Organisation zuletzt mitteilte. So viel wie nie zuvor, knapp drei Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Ein Spendenrekord ausgerechnet im Jahr der Finanzkrise, in dem viele verunsicherte Bürger weniger konsumierten und ihr Geld lieber auf Konten parkten.
Die erhöhte Aufmerksamkeit für Greenpeace hat auch etwas mit der Politik der Bundesregierung zu tun: Die rot-grüne Regierung etwa hatte den Regenbogenkämpfern deutlich weniger Angriffsfläche geboten. Sie stand für die Agrarwende, die Förderung des Bio-Anbaus, den Atomausstieg.
"Krieg der Bilder"
Die Zeiten haben sich wieder geändert, bei Schwarz-Gelb hat ökologiebetonte Politik keine Priorität. Den Streit um die Laufzeitverlängerung für AKW nutzte Greenpeace am Donnerstag für eine medienwirksame Aktion: Kurz vor dem Besuch von Kanzlerin Angela Merkel im niedersächsischen AKW Lingen hatten die Umweltaktivisten eine Parole auf den Kühlturm des Meilers projiziert: "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel."
Es war eine Aktion in bester Greenpeace-Tradition. Bilder von knüppelnden Robbenjägern, provozierende Transparente an qualmenden Industrieschloten, Fotos vom Rücken eines Wals, in dem eine tödliche Harpune steckt - mit solchen Dokumenten rüttelte die Gruppe die Öffentlichkeit immer wieder auf. "Es ist ein Krieg der Bilder: Wer die besten Headlines und Fotos bekommt, gewinnt", hat Rex Weyler einmal gesagt, Mitgründer von Greenpeace International.
Der Krieg der Bilder war für Greenpeace ein Erfolg. Laut einer Imagestudie der Umweltschutzorganisation kennen in Deutschland 98 Prozent der Bürger Greenpeace.
Ganz offensichtlich wächst aber auch die Bereitschaft vieler Bürger, sich gegen Großprojekte und für den Umweltschutz zu engagieren: Die Mitgliederzahl stieg bei Greenpeace und anderen Umweltschützern in den vergangenen Jahren - während Parteien, Kirchen und Gewerkschaften einen massiven Schwund zu beklagen hatten. "Betrachtet man den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), den Naturschutzbund (Nabu) und Greenpeace, so nahmen hier die Mitgliedschaften seit 1991 um 60 Prozent zu", heißt es in einem im August veröffentlichten Papier des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.
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Nunja, die Gegenseite redet sich ihre Welt ja auch schön und ist fernab von jedem Realismus. mehr...
Wieso? Dies war meine Antwort auf 'Kleinlok's mE berechtigte Frage. Bewundernswert, ich bin ein bequem-saturierter Obrigheitshöriger und SIE können das beurteilen. Aber in einem haben Sie recht, es klaffen wirklich Risse in [...] mehr...
Sie haben mit Ihrem Kommentar den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Verteidiger des alten Systems werden schon noch lernen, dass sich die Welt (auch in Deutschland) verändert. Das müssen eben alle Konservativen eben erst langsam [...] mehr...
Aber dieses, wie Sie es so schön ausdrücken, Parteien- und Postengeschacher gibt es in sämtlichen Parteien, auch bei den Grünen, die ja ihre Vavoriten sind. Nur die spielen uns die gesellschaftlichen Moralisten vor und [...] mehr...
Hier können Sie sich einen Eindruck von den "übriggebliebenen" holen: Panoramabild Montagsdemo 24.01.2011 [...] mehr...
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