Stuttgart - Sie ziehen mit Trillerpfeifen, Tröten und Rasseln durch die Straßen von Stuttgart und trotzen dem heftigen Regen. 40.000 Menschen haben sich nach Angaben der Veranstalter am Freitagabend einer Demonstration gegen das umstrittene Projekt " Stuttgart 21" angeschlossen. Sie wollen den milliardenschweren Umbau des Hauptbahnhofs verhindern. Da der Abriss bereits begonnen hat, forderten die Demonstranten bei einer Kundgebung vor dem Bahnhofsgelände einen sofortigen Baustopp. Die Polizei sprach von 30.000 Teilnehmern.
Der Protest verläuft friedlich, aber laut: Beim Auftakt der Veranstaltung machten die Teilnehmer beim sogenannten "Schwabenstreich" eine Minute lang so viel Lärm wie möglich. Anschließend zogen die Menschen in einem Protestzug zum Landtag und umzingelten das Parlamentsgebäude mit einer Menschenkette.
Der Stuttgarter Kunsthistoriker Matthias Roser rief die Demonstranten dazu auf, mit ihren Protesten nicht nachzulassen. "Unumkehrbar ist nur eins: unser Widerstand", sagte Roser, der sich seit längerem für den Erhalt des denkmalgeschützten Bahnhofs einsetzt.
Zu den Gegnern des Projekts gehören auch die Grünen. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster forderte sie und die anderen Organisatoren der Proteste auf, einer Radikalisierung entgegenzuwirken. Obwohl "Stuttgart 21" für ihn "viel Arbeit, viel Ärger und derzeit wenig Popularität" bedeute, werde er sich weiterhin dafür einsetzen, kündigte der CDU-Politiker in einem offenen Brief an.
Doch auch die Gegner wollen nicht nachgeben. "Die Abrissarbeiten zwingen den Widerstand nicht in die Knie", erklärte Matthias von Herrmann als einer der Sprecher des Aktionsbündnisses. Die Proteste würden solange weitergehen werde, bis die Seitenflügel des Bahnhofs und der Park weg wären und die Tunnelbaumaschinen ihre Arbeit begännen.
Am Mittwoch hatten die Projektträger mit dem Abriss der Fassade des Bahnhof-Nordflügels begonnen - was der Protestbewegung noch mehr Zulauf verschaffte. Bereits am vergangenen Freitag hatten 30.000 Teilnehmer bei einem Schweigemarsch gegen den Umbau protestiert.
Bahnchef und Bürgermeister verteidigen das Projekt
Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster versuchte, die Bevölkerung der Stadt in einem offenen Brief zu besänftigen. "Ich habe Verständnis, dass Bürger das Projekt 'Stuttgart 21' kritisch beurteilen und ihr Recht zu demonstrieren wahrnehmen", schrieb er. Allerdings sei es auch seine Aufgabe, die Interessen derjenigen Bürger zu vertreten, die nicht demonstrierten und unbelästigt in der Stadt leben wollten.
Der 4,1 Milliarden teure Umbau des Bahnhofs sei aus ökologischen und ökonomischen Gründen wichtig, warb der Bürgermeister. Zudem entstehe ein neues Stadtviertel. "Stuttgart 21" sei nun über 15 Jahre diskutiert und demokratisch beschlossen worden, erklärte Schuster. Das langwierige Verfahren habe zu einer zehnjährigen Verspätung und zu erheblichen Kostensteigerungen beigetragen.
Auch Bahnchef RüdigerGrube hat einem Medienbericht zufolge das Bahn-Großprojekt Stuttgart 21 erneut verteidigt. Laut "Wirtschaftswoche" schrieb Grube in einem Brief an seine Mitarbeiter, dass ihn die Proteste "nicht kaltlassen". Dennoch sei er "zutiefst davon überzeugt, dass Stuttgart 21 richtig ist". Alles andere würde die Bahn und die Region Stuttgart um eine "einmalige Chance berauben".
Grube erhebt dem Bericht zufolge zudem schwere Vorwürfe gegen die Kritiker. In dem Brief schreibt der Bahnchef, dass er zwar sachliche Sorgen und Argumente ernst nehme, doch häufig würden "Dinge behauptet, die nachweislich falsch sind und offenbar nur dem einen Zweck dienen, das Projekt kaputt zu reden".
"Arroganz der Macht"
Der stellvertretende Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Ulrich Maurer, warf CDU und SPD vor, sie gäben sich der Illusion hin, das Projekt "mit der Arroganz der Macht" durchdrücken zu können.
Die Landtagswahl im März 2011 werde auch eine Volksabstimmung über "Stuttgart 21" sein.
Der Schauspieler Walter Sittler zählt zu den prominentesten Gegner des Bahnprojekts. Er kritisierte den Umgang der Projektträger mit den Demonstrationen. "Die Verantwortlichen tun sich im konkreten Fall mit der Demokratie schwer", sagte er. "Die Demonstranten sind nicht gegen etwas, sondern für eine verantwortliche Politik."
Die CDU will der Forderung nach einem Stopp des Projekts nicht nachgeben. Stattdessen kündigte der Landtagsfraktionsvorsitzende Peter Hauk eine Kommunikationsoffensive an. "Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten noch einmal verstärkt deutlich machen, dass es nicht nur ein Thema in Stuttgart ist, sondern dass dieses Projekt ein Zukunftsthema, ein ökologisches Jahrhundertprojekt für das gesamte Land ist", sagte Hauk.
Die Verlegung des Stuttgarter Bahnhofs unter die Erde sowie eine neue Bahntrasse zum Flughafen und nach Ulm gelten als das größte Infrastrukturprojekt Europas. Die Projektgegner kritisieren unter anderem, dass die Kosten für das Gesamtvorhaben statt der geplanten sieben Milliarden Euro auf bis zu elf Milliarden Euro steigen werden. Die Befürworter des Projekts verweisen demgegenüber auf kürzere Reisezeiten, rund 4000 neue Arbeitsplätze und bis zu acht Milliarden Euro Folgeinvestitionen: Etwa wenn auf den rund hundert Hektar Gleisanlagen, die nun in bester innerstädtischer Lage abgerissen werden, neue Wohn- und Geschäftshäuser entstehen.
mmq/ddp/dpa/apn/AFP
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Ich nenne ihnen nur das Beispiel Rüstungsindustrie. Die leben recht gut vom Staat und jedes ausufernde Budget läßt sich durch schlaue Verträge rentabel machen. Lassen sie uns doch an ihrem reichen Erfahrungsschatz teilhaben, [...] mehr...
Das Problem ist nicht, dass Milliarden ausgegeben werden, weil das werden sie auf jeden Fall: http://stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2624843_0_7894_-stuttgart-21-auch-k-21-ist-ein-milliardenprojekt-.html Das Problem ist, [...] mehr...
Haben sie eigentlich noch was anderes zu tun ? Wie wärs mit arbeiten und Geld bzw. Steuern verdienen um solche Projekte zu ermöglichen ? Auf die Straße gehen Rentner, Studenten, Arbeitslose bzw. Freizeitanarchisten. Für so [...] mehr...
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