Berlin - Am Montag hat Thilo Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vorgestellt, die SPD-Spitze will ein Parteiausschlussverfahren gegen den ehemaligen Berliner Wirtschaftssenator einleiten, sein Arbeitgeber Bundesbank behält sich Schritte gegen ihn vor.
In deutschen Zeitungen war die "Causa Sarrazin" auf den Kommentarseiten das beherrschende Thema - auch im Ausland bewerteten große Zeitungen die Diskussionen um den Bundesbanker.
SPIEGEL ONLINE bringt Auszüge aus den Leitartikeln wichtiger Zeitungen.
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt: "Wer in Deutschland von einem Gen der Juden spricht, dem ist nicht mehr zu helfen. Der Begriff lässt alle Dämme der Verdammung brechen (...) Da nutzt es Sarrazin auch nichts, dass er - bislang nur als Bewunderer jüdischer Intelligenz bekannt und dafür nicht des Rassismus geziehen - seinen jetzt gegeißelten Satz zwei seriösen Untersuchungen zu den genetischen Wurzeln des jüdischen Volkes entnommen haben will. Das hätte Sarrazin wissen müssen. Mit seinen Ausflügen in die Genetik machte er sich angreifbar. Seinem Anliegen, die Debatte über Einwanderung und Integration voranzubringen, nutzte er damit nicht. Statt mit deren Defiziten wird nun mit ihm abgerechnet. (...) Man wünschte sich, nur ein Bruchteil dieser gewaltigen Erregungsenergie flösse in den Versuch, die Probleme eines alternden, in Parallelgesellschaften zerfallenden Einwanderungslandes zu lösen, die Sarrazin auf den Punkt brachte wie jedenfalls kein Politiker vor ihm. (...)"
Im "Handelsblatt" steht: (...) "Tagelang hantiert der ehemalige Politiker Sarrazin nun schon mit einem explosiven Gemisch aus Worten - "Unterschicht", "deutsche Kultur", "muslimische Einwanderer", "Verdünnung der einheimischen Bevölkerung" und dann noch den angeblich jüdischen Genen. (...) Sein Befund - in Deutschland gibt es eine Unterschicht, und die wächst - ist hingegen nicht zu bestreiten. Die Tatsache, dass dieser Unterschicht viele Einwanderer angehören, bleibt auch dann eine Tatsache, wenn sie schmerzt. Die multikulturelle Gesellschaft kam, aber sie kam anders als versprochen. Dafür allerdings ist nicht Sarrazin verantwortlich. (...)Schuld am Wachstum der Unterschicht sind nämlich nicht die Gene oder die Religion der betroffenen Menschen. Verantwortlich ist der Staat, der jeden an seinen Busen drückt, den es danach dürstet. Das Problem liegt also nicht auf der Seite der Nachfrager, sondern aufseiten der Anbieter. Wer gibt, ohne etwas zu verlangen, der fördert die Gruppe von Menschen, die nimmt, ohne zu geben. So ist der Mensch nun mal, unabhängig davon, ob er aus Anatolien oder aus Oberammergau stammt. Das ist keine Frage der Biologie, sondern der Ökonomie. (...)"
In der "taz" heißt es: "Thilo Sarrazin hat es geschafft: Halb Deutschland grübelt, wie man ihn am schnellsten loswird. Die Bundesbankspitze trifft sich zu einer Sondersitzung, das SPD-Präsidium wälzt das Parteiengesetz und will jetzt ein Ausschlussverfahren riskieren. Das ist vernünftig. Denn Sarrazin wird nur deshalb mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, weil er Sozialdemokrat und Bundesbanker ist. Wäre sein Buch von einem der üblichen Verdächtigen aus der islamophoben oder rechtsextremen Ecke verfasst worden, würde kein Hahn danach krähen. Sein Rauswurf aus Bundesbank und SPD wäre daher eine richtige, symbolische Grenzziehung. Wer Ressentiments gegen die Unterschicht schürt und mit Rassethesen hantiert, hat in einer linken Partei oder an der Spitze einer Institution nichts verloren. (...)"
Die "Welt" kommentiert: "Wenn eine Debatte hierzulande bei "jüdischen Genen" angekommen ist, dann weiß man, dass sie unrettbar verloren ist. Thilo Sarrazin wollte mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" die Fehler der deutschen Einwanderungs- und Sozialpolitik ins Bewusstsein rücken. Längst aber wird nicht mehr über die von ihm präsentierten Fakten gestritten, sondern über Sarrazin selbst. Denn statt sich an seine Statistiken zu halten, hat der Bundesbanker befremdliche Vererbungsargumente für mangelhafte Leistungen muslimischer Einwanderer angeführt. Dabei sprechen seine Daten auch so eine verheerende Sprache. Damit hat Sarrazin es seinen Kritikern leicht gemacht, auf einen Nebenschauplatz auszuweichen. Statt über die eklatanten Versäumnisse unserer Politik diskutieren wir nun, ob Sarrazin Rassist ist oder nicht. Was für eine verschenkte Gelegenheit.(...)"
Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt zu Thilo Sarrazin: "Integration ist nur möglich, wenn man nicht in Horrorszenarien flüchtet, sondern den Muslimen wirklich eine Chance gibt. Sie ihnen zu verweigern, ist kein Privileg des unglücklichen Herrn Sarrazin. Auch der Durchschnittsbürger mag Anhänger der Integration sein; aber nur, solange seine Kinder die Schulbank nicht mit 25 Türken und Arabern teilen. Und wenn, wie in Hamburg, der Staat die Schule zum Nukleus der Integration machen will, stimmt die Mehrheit der Wähler das Projekt nieder. Solange das so ist, helfen die schönsten Predigten nichts."
Die "Hessische-Niedersächsische Allgemeine" kommentiert zu Sarrazin:"Im Endeffekt zeigt jetzt die Diskussion um Sarrazins Thesen, wie sehr der Diskurs in den vergangenen Jahren an der Gefühlslage vieler Menschen vorbei geführt worden ist. Der reflexartige Umgang der Parteien mit Sarrazins Zitaten, die sofort unüberlegt vorgetragene Ablehnung - der Mann wurde zur Galionsfigur der Ungehörten und Unverstandenen im Lande, noch ehe jemand das Buch gelesen hatte. Noch ist Zeit zum Gegensteuern. Und dabei sollte man sich nicht um Sarrazin kümmern, sondern um eine Politik, die solche Bücher überflüssig macht. Das geht nur, wenn Sorgen und Ängste, die der Einheimischen wie die der Zugezogenen, ernst genommen werden. Höchste Zeit also, auf Volkes Stimme zu hören - egal in welcher Sprache."
Die konservative dänische Tageszeitung "Berlingske Tidende" meint am Dienstag zur Debatte um die Zuwanderungsthesen des Bundesbank-Vorstands- und SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin: "Bei uns in Dänemark haben wir rechtzeitig Umsicht gezeigt und die Ausländerpolitik ab 2001 verschärft, so dass sich der Einsatz auf bessere soziale und kulturelle Integration konzentrieren konnte. (...) In Deutschland hat es unter der politischen Elite mit der eigenen schmerzvollen Geschichte als Hintergrund eine Unlust gegeben, Schattenseiten der Zuwanderung zu diskutieren. Das zuwanderungskritische neue Buch des bekannten SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin hat Furore mit seinen primitiven und wenig nuancierten Gesichtspunkten gemacht. Aber es zeigt auch die Unvermeidlichkeit der Debatte. (...) Balancierte Lösungen sind leichter, wenn man rechtzeitig in Gang kommt. Wie Dänemark das getan hat."
In der neuen "Neuen Zürcher Zeitung" heißt es:"Der Fall Sarrazin zeigt auf eklatante Weise die längst bekannte Schwäche des Verfahrens der Nominierung für den Bundesbankvorstand auf. Wenn die Zusammensetzung der Parteien in der amtierenden Regierung sowie die Machtverhältnisse der Bundesländer im Bundesrat entscheidend sind für Personalentscheidungen an der Notenbankspitze anstatt die fachliche und menschliche Eignung der Kandidaten, kommt nichts Gutes dabei heraus. Es ist höchste Zeit, die Bundesbank auch personell von der Politik zu lösen und die Stellen im Vorstand öffentlich auszuschreiben, anstatt nach Parteibüchlein zu vergeben. Auf dem Spiel steht nicht weniger als der ausgezeichnete Ruf der deutschen Bundesbank."
Die italienische Tageszeitung "La Stampa" meint: "Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch das Schweigen gebrochen, das bisher über den offenen Nerven Deutschlands von gestern und heute gelegen hat. Die (literarisch-verbale) Nebeneinanderstellung von Juden und Türken konnte nichts anderes als einen Kurzschluss verursachen, den Sarrazin wird bezahlen müssen. Doch gibt es unterschwellige Stimmen in Deutschland, die in dieselbe Richtung gehen - ganz unabhängig von den Stellungnahmen und dem Schicksal des Bundesbankers. Angesichts ganzer Stadtviertel mit ausländischer Bevölkerung, die ihre eigene Sprache sprechen, untereinander heiraten, ihre eigenen Arztpraxen und Banken betreiben und den Kontakt mit dem Rest des Landes scheuen, bleibt festzustellen: Etwas im deutschen Integrationsmodell hat nicht funktioniert. Und auch wenn Thilo Sarrazin die denkbar schlechtesten Worte gewählt hat, um darüber zu sprechen, bleibt das Problem bestehen."
anr/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
...mehr, dank gnädig-später Geburt mehr willig ist überziehen zu lassen, haben sie denn nicht etwas anderes, Geistreicheres? Du morden, dann ich morden, dann du wieder morden - wie dröge! mehr...
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, die deutschen Regierungen wissen / wußten was die in den letzten 40 Jahren gefahrene Politik für Folgen haben wird. Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass die Folgen gewollt sind. Wenn [...] mehr...
...solange sie die Grundordnungen eines humanismus verkörpern: Toleranz, Gewaltlosigkeit, auch in der Ehe, gleiche Rechte und Pflichten für alle Bürger, auch die Weiblichen. Nur: Ist der Muselmann dann noch ein Moslem? mehr...
...auch ändern kann, wie Sie eigentlich wissen sollten, so Sie in Staatsbürgerkunde mit Glück und ohne die allgefällige entsprechende Note hinübergerutscht sind... Übrigens: ein wenig arg kurz gedacht und gesprungen - Platsch, [...] mehr...
Gut formuliert! Stimme dem vollinhaltlich zu! @Alle: Nur Intelligente können Respekt erweisen. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Thilo Sarrazin | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH