Von Björn Hengst und Michael Kröger
Berlin/Hamburg - Ihr Ziel ist der Wiederaufbau der Mauer: Für "Die Partei" von Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn ist das nicht mehr als böse Satire - aber auch im wirklichen Leben äußern Deutsche diesen Wunsch. Im Westen hätten gern elf Prozent der Bundesbürger die Mauer zurück, im Osten würden neun Prozent "am liebsten die DDR wiederhaben". Dies ist das Ergebnis des Sozialreports 2010 der Volkssolidarität. Die Organisation wurde 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone gegründet und zählt heute zu den großen Wohlfahrtsorganisationen.
Wie sehen die Menschen in Ost und West ihr Leben in Deutschland - und wie zufrieden sind sie damit? Das ist die zentrale Frage, der das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg für den Sozialreport nachgegangen ist. Erhoben wurden unter anderem Daten zu Erwerbsarbeit, Einkommen, Zukunftserwartungen und zum Institutionenvertrauen.
Eines der zentralen Ergebnisse 21 Jahre nach dem Mauerfall: "Die deutsche Einheit wird insgesamt als noch nicht vollendet (…) bewertet", so schreibt es Gunnar Winkler, Präsident der Volkssolidarität, im Vorwort zur Studie.
Was die Beschreibung des Status quo angeht, sind sich die Befragten aus Ost und West weitgehend einig. Nach 20 Jahren Wiederaufbau haben sich die Lebensverhältnisse in Deutschland zum größten Teil angeglichen. Die ostdeutschen Haushalte verfügen heute im Schnitt über 75 bis 80 Prozent des Einkommens ihrer westlichen Pendants. Die Schlussfolgerungen fallen dagegen umso unterschiedlicher aus. Während die Westler den Angleichungsprozess damit als weitgehend abgeschlossen betrachten, verweisen die Ostler auf die noch immer vorhandenen Unterschiede und auf die Benachteiligung, wenn es um die Lebenschancen geht.
Nur 25 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich "als richtige Bundesbürger"
Dieser unterschiedliche Blickwinkel hat auch spürbare Auswirkungen auf die persönliche Reflexion der eigenen Rolle im Gesamtstaat.
Dennoch, so die Wissenschaftler, gebe es in den neuen Ländern "eine stabile, zunehmende Identifikation mit der Bundesrepublik". Sie werde besonders von den jüngeren Jahrgängen und Bürgern in gehobenen Lebenslagen getragen.
Grundsätzliche Unterschiede zwischen Ost und West gibt es auch in der Bewertung der Demokratie. In Westdeutschland genießt sie einen höheren Stellenwert als im Osten:
Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist im Westen höher als im Osten, allerdings fällt sie in beiden Landesteilen relativ niedrig aus:
Einig waren sich die Bürger in Ost und West der Umfrage zufolge jedoch in ihrer Skepsis gegenüber den staatlichen Institutionen.
Den besten Wert erzielt die Polizei:
So bleibt zwanzig Jahre nach dem Mauerfall die geringe Wertschätzung der Demokratie der eklatanteste und alarmierenste Unterschied in den Anschauungen der Ost- und der Westdeutschen. Gleichwohl dürfte die Distanz weniger auf politische Überzeugungen zurückzuführen sein als vielmehr auf die persönliche Lebenssituation und die Frage, welche Perspektiven und Entfaltungsmöglichkeiten sich für den Einzelnen im Zuge der Veränderungen ergeben haben.
In diesem Punkt lag der Anpassungsdruck tatsächlich in erster Linie bei den Ostdeutschen.
Hinzu kommt, dass die ursprünglich als Gewinn empfundene Freiheit, seinen Wohnsitz frei zu wählen, inzwischen eher als Druck wahrgenommen wird: Um den Lebensunterhalt zu verdienen, sind viele gezwungen, in eines der westlichen Bundesländer zu ziehen. Die Daheimgebliebenen sind dabei nicht weniger betroffen. Der Arbeitsmarkt trocknet zunehmend aus, die Städte und Dörfer leeren sich, das soziale Leben leidet.
Jeder Vierte hat Zukunftsangst
Trotzdem fällt die Gesamtbilanz der Wiedervereinigung im Westen deutlich kritischer aus als im Osten.
Auf der anderen Seite konstatiert der Report auch eine hohe soziale Verunsicherung. Jeder Vierte machte Zukunftsängste geltend, jeder Dritte erwartet, dass sich seine individuelle wirtschaftliche Lage in fünf Jahren eher verschlechtert. Verbesserungen erwarten 19 Prozent.
Schon jetzt lebten 18 Prozent der Deutschen von weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens (798 Euro pro Monat), in Ostdeutschland sogar noch mehr. Besonders von Armut bedroht seien Arbeitslose, Alleinerziehende, Familien mit drei oder mehr Kindern oder Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen, erklärte Winkler.
Mehr als ein Drittel der in Armut Lebenden gehe zudem davon aus, dass sich ihre Zukunftsaussichten weiter verschlechterten. "Wir brauchen klare Strategien zur Armutsvermeidung." Dazu gehörten unter anderem eine Verringerung der Arbeitslosigkeit und so hohe Löhne, dass die Menschen davon leben könnten. "Wir müssen aufpassen in Deutschland, dass Armut nicht zum selbstverständlichen Element wird", warnte der Verbandspräsident.
Noch allerdings sind die Befragten zum großen Teil (59 Prozent) zufrieden mit ihrem Leben - im Osten ist die Zufriedenheit der Studie zufolge dabei etwas geringer als im Westen.
| Sozialreport 2010: Demokratiebewertungen - neue Länder und Berlin-Ost, früheres Bundesgebiet und Berlin-West sowie Deutschland insgesamt - 2010 - in Prozent* | |||
| neue Länder | früheres Bundesgebiet | Deutschland | |
| Wert Demokratie | |||
| sehr wichtig/wichtig | 69 | 82 | 79 |
| in mittlerem Maße | 20 | 13 | 14 |
| unwichtig/sehr unwichtig | 8 | 3 | 4 |
| Zufriedenheit mit Demokratie | |||
| sehr zufrieden/zufrieden | 16 | 26 | 24 |
| teilweise zufrieden | 33 | 41 | 40 |
| unzufrieden/sehr unzufrieden | 45 | 28 | 31 |
| Erwartungen an Demokratie | |||
| Verbesserungen | 7 | 11 | 10 |
| keine Veränderung | 46 | 53 | 52 |
| Verschlechterungen | 38 | 29 | 31 |
| * Differenz zu 100 = ohne Antwort Datenbasis: sfz/leben 2010 (gew.) |
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Das ist genau der Punkt. Ich würde aber sogar noch weiter gehen, dass es nämlich auch eine nicht geringe Anzahl Westdeutsche gibt, die sich eine Gesellschaft wünschen würden, in der Platz für jeden ist. Nur wird das im Rahmen [...] mehr...
Das hatte mit Fähigkeiten kaum etwas zu tun, sondern mit Glück, Alter, Branche und dann erst mit Qualifikation. In meinem Bereich hieß es immer "überqualifiziert" - und qualifizierte Jobs gab es nicht. Nicht im [...] mehr...
Aber die meissten Betriebe wurden doch geschlossen. Und bei der Übernahme in andere Betriebe oder beim Aufkauf wurde erstmal gesiebt. In manchen Branchen weniger (z.B. im Technikbereich), in manchen mehr (Produktion, Chemie, [...] mehr...
Rudimentaere Verhaltenssteuerungsandererungen (essen, schlafen, koerperliche Anpassunge (z. B. Verdauungsvorgaenge) beduerfen Genaenderungen, die erst in Millionen von Jahren wirksam werden. Solange ist das mit der DDR noch nicht [...] mehr...
...und deshalb konnte sie einfach weiterarbeiten, falls der Betrieb nicht geschlossen wurde. Das war bei Angestellten im ÖD aber nicht der Fall. "Gut durch" kamen auch die Funktionäre und Organisatoren, die [...] mehr...
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