Von Dominik Peters
Berlin - Die U-Bahn hält, die Türen öffnen sich, und drei Frauen - von Kopf bis Fuß verschleiert - steigen aus. In gebührendem Abstand folgen sie einem älteren Mann, der eine gehäkelte Strickmütze auf dem Kopf trägt und eine Gebetskette in der Hand hält, deren Perlen er mit Daumen und Zeigefinger dreht und dabei einige der neunundneunzig Namen Allahs murmelt.
Das Quartett fährt mit der Rolltreppe aus dem U-Bahnschacht hinauf zum Kottbuser Tor im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dort steht ein kleiner Kiosk, der ein halbes Dutzend türkischer und arabischer Zeitungen führt, daneben ist ein Gemüsehändler, eine Teestube und ein Dönerladen. Wenige Meter weiter gibt es ein Reisebüro, bei dem man Pilgerreisen nach Mekka buchen kann.
In diesem Berliner Kiez wohnen seit Jahren viele Muslime. Sie hält der Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) für eine Bedrohung der abendländischen Kultur, der deutschen Intelligenz, der kommunalen Sozialkassen und der persönlichen Sicherheit. Für seine Äußerungen und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hat der Polit-Provokateur in den vergangenen Tagen viel Kritik geerntet.
Was aber denken die von Sarrazin Attackierten selbst?
"Ihr müsst schon Deutsch reden"
"Was Thilo Sarrazin über uns Muslie schreibt, ist unfair", sagen die drei jungen türkischen Männer, die hinter der Theke des "Orient-Ecks" stehen. Sie schneiden Fladenbrote und hängen das Kebabfleisch an den Spieß. "Wir arbeiten jeden Tag von morgens bis abends, wir zahlen Steuern, wir sind Deutsche, alle hier geboren und aufgewachsen."
Ein paar Straßen weiter, vor dem "Özlem-Kiosk", über dem ein Schild in altdeutscher Schrift für "Schultheiss-Bier" wirbt, sitzt ein Mann mittleren Alters, der den Zucker in seinem Schwarztee verrührt. Nein, von der Debatte habe er bisher nichts mitbekommen, lässt er durch seinen Sohn ausrichten. Er sei vor mehr als 20 Jahren aus Anatolien nach Deutschland gekommen, könne zwar auch die Sprache sprechen, aber nicht so gut.
Dafür hat Samira Heinrich, 35, kein Verständnis. Sie ist vor sechs Jahren aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen, hat einen Sprachkurs gemacht und arbeitet bei "Lasans Holzkohlegrill" in der Nähe des Kottbuser Tors als Bedienung. Die gläubige Muslimin findet zwar, dass Sarrazin mit seinen polemisierenden Verallgemeinerungen zu weit gegangen ist, gleichzeitig wirft sie aber auch vielen Muslimen vor, sich der deutschen Realität zu verweigern: "Sie leben in ihren eigenen Parallelgesellschaften, können kein Deutsch und wollen die Sprache ihres Gastlandes auch nicht lernen", sagt sie.
Als zwei Jugendliche, Hosen in den Socken, Zahnstocher im Mund und Basecap schief auf dem Kopf, das Lokal betreten und auf Türkisch zwei Fleischspieße bestellen, schüttelt Heinrich nur den Kopf und erklärt, dass sie die beiden nicht versteht. "Ihr müsst schon Deutsch reden", sagt die Aserbaidschanerin. Die Jungs gucken verdutzt.
"Dit is' doch alles Kokolores"
Genauso verwundert sind die beiden deutschen Bauarbeiter, die in Neukölln vor der Bäckerei "Sultan 2" sitzen und ihre Mittagspause bei türkischem Kaffee und Blätterteigtaschen verbringen. "Wat der Sarrazin da sagt, dit is' doch alles Kokolores", meint der eine, während der andere zustimmend nickt. Drinnen in der Bäckerei will man dazu lieber nichts sagen. Sie verfolge zwar die Debatte über die Medien, aber ihr Mann sei gerade nicht da, erklärt die Verkäuferin mit dem Kopftuch. Außerdem sei gleich Gebetszeit, sagt sie - und verweist auf die Uhr an der Wand, auf der die Gebetszeiten abzulesen sind.
In der Sonnenallee gibt es viele Läden und Geschäfte, die in arabischer und türkischer Schrift Werbung für ihre Produkte machen: Neben den vielen Teestuben, Wettbüros und Gemüseläden steht eine Menschenschlange vor der "Fleischerei al-Salam". Dort hat die Ware das Gütesiegel "halal" - das Fleisch ist also nach den islamischen Speisevorschriften rein.
Reinkommen ist indes schwieriger: "Hau ab", ruft einer der Verkäufer. Auch in der nahen Spielothek trifft man auf versteinerte Mienen, die stumm auf die Ausgangstür zeigen.
"Sarrazin, wer ist das?"
Der arabische Konditor in der Nähe des Hermannplatzes hingegen ist aufgeschlossen: "Achlan ve Sachlan", "Herzlich Willkommen", ruft er - den Namen Sarrazin hat der Mann mit dem kräftigen Schnauzer und den sich kräuselnden, grauen Brusthaaren, die aus seinem dunkelgrünen Hemd hervorquellen, indes nie gehört: "Sarrazin, wer ist das?", fragt er.
Ufuq Yilmaz kennt den Namen, den Mann und dessen Thesen. "Dieser Mann ist eine Schande für mein Land", sagt der Obstverkäufer mit der schwarzen Bauchtasche und der Zigarette in der Hand, der gerne hier lebt und dessen Kinder einen deutschen Pass haben. Er steht an seinem Stand an der U-Bahnstation Hermannsplatz. "Jeden Morgen fahre ich zum Großhändler und arbeite für die Zukunft meiner Kinder", sagt der 42-Jährige. Er will nicht diskriminiert werden. Und seine Kinder sollen es auch nicht. "Sie sind Deutsche", sagt er - und ruft dann in bester Marktschreiermanier die potentiellen Kunden an seinen Stand: "Bitte schön, kommen sie her, alles süß und lecker hier."
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...mehr, dank gnädig-später Geburt mehr willig ist überziehen zu lassen, haben sie denn nicht etwas anderes, Geistreicheres? Du morden, dann ich morden, dann du wieder morden - wie dröge! mehr...
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, die deutschen Regierungen wissen / wußten was die in den letzten 40 Jahren gefahrene Politik für Folgen haben wird. Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass die Folgen gewollt sind. Wenn [...] mehr...
...solange sie die Grundordnungen eines humanismus verkörpern: Toleranz, Gewaltlosigkeit, auch in der Ehe, gleiche Rechte und Pflichten für alle Bürger, auch die Weiblichen. Nur: Ist der Muselmann dann noch ein Moslem? mehr...
...auch ändern kann, wie Sie eigentlich wissen sollten, so Sie in Staatsbürgerkunde mit Glück und ohne die allgefällige entsprechende Note hinübergerutscht sind... Übrigens: ein wenig arg kurz gedacht und gesprungen - Platsch, [...] mehr...
Gut formuliert! Stimme dem vollinhaltlich zu! @Alle: Nur Intelligente können Respekt erweisen. mehr...
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