• Drucken
  • Senden
  • Feedback
31.08.2010
 

Feier zum 20. Jahrestag der Einheit

De Maizière räumt Mängel im Einigungsvertrag ein

Von Severin Weiland

Kanzlerin Merkel (CDU) im Kronprinzenpalais: "In einem unglaublichen Maße gesiegt"Zur Großansicht
ddp

Kanzlerin Merkel (CDU) im Kronprinzenpalais: "In einem unglaublichen Maße gesiegt"

Berlin feiert 20 Jahre Einigungsvertrag: Kanzlerin Angela Merkel preist den Mut der Bürgerrechtler - und Bundesinnenminister Thomas de Maizière überrascht mit dem Eingeständnis, dass aus der DDR zu wenig übernommen wurde.

Berlin - Es gibt das Ampelmännchen. In Rot und Grün. Weiterhin an Ampeln im Osten, zum Teil sogar im Westen. Und als Verkaufsschlager in Berlin, ein wieder aufgelegtes Relikt aus DDR-Zeiten. Und es gibt den grünen Pfeil, der rechts abbiegen möglich macht, selbst wenn die Ampel rot steht.

Es sind sympathische Dinge, die von der DDR übrigblieben.

Matthias Platzeck wollte mehr. "Wir wollten keinen Beitritt, wir wollten ein gleichberechtigtes Zusammengehen mit neuer Verfassung und neuer Hymne, wir wollten Symbole für einen echten Neuanfang. Durchgesetzt haben sich andere", sagte der brandenburgische Ministerpräsident und Sozialdemokrat diese Woche im Interview mit dem SPIEGEL.

Es ist eine Debatte, die im 20. Jahr der Einheit nicht aufhören will. Jörg Schönbohm, der mit Platzeck bis vor zwei Jahren noch eine Große Koalition führte, kann die Aussagen des prominenten ostdeutschen Sozialdemokraten nicht verstehen. "Rückwärtsgewandt und rechthaberisch" seien sie, sagt der CDU-Politiker, einst als General der Bundeswehr in den Osten gegangen, um die Nationale Volksarmee erfolgreich aufzulösen und Teile in die Bundeswehr zu integrieren.

Merkel schlägt den Bogen in die Gegenwart

Im Kronprinzenpalais, wo am Dienstag die Bundesregierung mit einem Festakt die Unterzeichnung des Einigungsvertrags am 31. August 1990 feierte, stand der Erfolg der Einheit im Vordergrund. Bundeskanzlerin Angela Merkel, in Hamburg geboren, in der DDR aufgewachsen, hob die Rolle der Ostdeutschen hervor. "Der Mut war damals viel größer als wir uns das heute vorstellen", sagte sie. Sie lobte die Verdienste der Bürgerrechtler und jener, die aus der DDR geflüchtet waren. Damals habe "die Demokratie in einem unglaublichen Maße gesiegt".

Und sie schlug den Bogen in die Gegenwart: Die Deutschen müssten international für das kämpfen, was ihnen selber gelungen sei. "Wenn wir darin erlahmen, werden wir auch in unserem Wohlstand und Erfolg erlahmen", so die CDU-Politikerin, die vor 20 Jahren als Pressesprecherin der ersten und letzten frei gewählten DDR-Regierung ihre ersten praktischen politischen Erfahrungen machte.

Nicht bei Merkel, sondern in der Rede des westdeutschen Bundesinnenministers Thomas de Maizière klang etwas von dem an, woran der Ostdeutsche Platzeck dieser Tage erinnerte. Die Bundesrepublik Deutschland hätte von der DDR "ruhig ein bisschen mehr übernehmen können als das Ampelmännchen oder den grünen Pfeil", so der CDU-Politiker. Grundsätzlich sei der Vertrag aber ein Meisterwerk von Politik und Verwaltung.

Das Vertragswerk war am 31. August am selben Ort vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und dem DDR-Unterhändler Günther Krause unterzeichnet worden - worauf eine Schautafel im Palais hinwies. De Maizière hatte die Einheit hautnah erlebt: Der westdeutsche Christdemokrat arbeitete im turbulenten Jahr 1990 für seinen Cousin, den ersten und letzten frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Später ging er mit seiner Familie in den Osten, sein jüngster Sohn wurde in Schwerin geboren.

Unumwunden räumte er Fehler ein: Bei der Entscheidung, das gesamte westdeutsche Rechtssystem sofort auf das "Beitrittsgebiet" zu übertragen, sei eine Chance für Erneuerung verpasst worden. Auch dass die Bildungsabschlüsse der DDR nicht in ganz Deutschland anerkannt worden seien, "missachtete die Lebensleistung vieler DDR-Bürger". Solche Mängel schmälerten jedoch die Bedeutung und den Wert des Einigungsvertrages nicht.

Nur ein Viertel der Ostdeutschen fühlen sich als richtige Bundesbürger

Dass die Spaltung in den Köpfen anhält, legte am selben Tag eine Erhebung nahe, die im Auftrag des einstigen DDR-Sozialverbandes "Volkssolidarität" - heute einer der größten Wohlfahrtsorganisationen im Osten des Landes - erstellt wurde: In den neuen Bundesländern fühlen sich lediglich 25 Prozent der Ostdeutschen "als richtige Bundesbürger".

Im Kronprinzenpalais ließen Hauptprotagonisten in einer Talkrunde noch einmal jene dramatischen Tage Revue passieren - der einstige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der SPD-Politiker Rolf Schwanitz und der Bürgerrechtler Konrad Weiß.

Es war der Jurist Lothar de Maizière, der kühl anmerkte, dass nach 40 Jahren unterschiedlicher Rechtsordnung manches einfach nicht vereinbar gewesen sei. Immerhin, am Ende gab es doch noch mehr als grünen Pfeil und Ampelmännchen, so der Christdemokrat: So hätten die Ostdeutschen das volle Erbrecht für Kinder in die Einheit mit eingebracht, die außerhalb der Ehe geboren wurden.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.09.2010 von gratiola: Stimmt

[QUOTE=wahrheitsfreund;6144121]Die Wiedervereinigung war eine gute Sache, aber WIE sie vonstatten gegangen ist, war mehr als schlecht. Der einzige Verdienst Helmut Kohls zur Wiedervereinigung war übrigens der, dass er gerade [...] mehr...

01.09.2010 von autocrator: geige

ein geigespielender übergangs-hanswurst gibt zu, das ser nicht manns genug war, kohl und konsorten paroli zu bieten. 20 jahr später. na toll. als persönlichkeit mehr als anerkennungswert, schade dass er nicht weiter gekommen [...] mehr...

01.09.2010 von bisjetzt: .

Wenn dies das Verständnis für Wirtschaft in der DDR darstellt, dann wundert es, dass es 40 Jahre bis zur Pleite gedauert hat. Es gibt auch Schulden, ohne tägliche Mahnungen im Briefkasten. mehr...

31.08.2010 von denkmalnach2: Es wurde noch mehr übernommen von der DDR

Hallo, es wurde eine weitere Sache von der DDR übernommen, die eine viel größere Tragweite hat, als Ampelmännchen und grüner Pfeil: Die unselige Fristenlösung der Abtreibung, die jedes Jahr weit über 100.000 ungeborenen Menschen [...] mehr...

31.08.2010 von wahrheitsfreund: Falsches Bild der DDR im Westen

Die Wiedervereinigung war eine gute Sache, aber WIE sie vonstatten gegangen ist, war mehr als schlecht. Der einzige Verdienst Helmut Kohls zur Wiedervereinigung war übrigens der, dass er gerade Bundeskanzler war, als es passiert [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Deutsche Wiedervereinigung

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Berlin im Überblick

Jüngste Geschichte

Wie kein anderer Ort stand Berlin für die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1961 bis 1989 war die Stadt durch die Berliner Mauer getrennt. Nach der Wende wurde Berlin wieder Hauptstadt im geeinten Deutschland. Schon 1991 beschloss der Bundestag, damals noch in Bonn, den Umzug der Regierung an die Spree. Acht Jahre später packten die Parlamentarier ihre Koffer. 2001 zog Gerhard Schröder als erster Regierungschef in das neue Bundeskanzleramt. Nach und nach wurde ein Teil des Verwaltungsapparats nach Berlin verlegt. Denn bis heute halten sechs Ministerien ihren Hauptsitz weiter am Rhein - und die Mehrheit der Beamten (9000) ist weiterhin dort angesiedelt. Zum Vergleich: In Berlin sind es rund 8000 Bundesbeamte.

Einwohner

Demografischer Wandel

Industrie und Gewerbe

Politik

Kulturszene






TOP



TOP