Von Philipp Wittrock, Münster
Ob der amtierende Parteivorsitzende Jürgen Rüttgers als Puffer zwischen den beiden sitzt? Wirkt Norbert Röttgen nicht betont gelassen, sogar arrogant, wie er so die Arme verschränkt und den Hals reckt, während Armin Laschet spricht? Und Laschet, der sieht doch schon ziemlich bedröppelt aus, als er Röttgen zuhört, oder? Und der Applaus! Knapp 20 Sekunden für den einen, doppelt so viel für den anderen. Sagt die Stoppuhr. Wenn das kein eindeutiges Signal ist!
In einer schmucklosen Mehrzweckhalle im westfälischen Münster, Ortsteil Hiltrup, schlägt am Mittwochabend die Stunde der Hobbypsychologen. Jedes Bild, jede Bewegung, jede Körperhaltung wollen die Beobachter deuten, als es in die erste Runde im Machtkampf um den Landesvorsitz der CDU in Nordrhein-Westfalen geht.
Armin Laschet gegen Norbert Röttgen heißt das Duell, der ehemalige NRW-Integrationsminister gegen den Bundesumweltminister. Wer von ihnen die Christdemokraten an Rhein und Ruhr aus den Trümmern des Wahldebakels wieder aufbauen soll, dürfen im Oktober die 160.000 Mitglieder des Landesverbandes bestimmen. Vorher ist Wahlkampf an der Basis angesagt, acht Regionalkonferenzen stehen an.
Wie groß das Interesse am Neuanfang ist, zeigt sich zum Start in Münster. Mehr als 800 Christdemokraten sind gekommen, auch wenn immer neue Stühle hereingekarrt werden, viele der meist älteren Mitglieder müssen stehen. Die "erweiterte Seniorenunion", wie sie ein CDUler scherzhaft nennt, sieht einen scheidenden Chef, der nur noch der Zeremonienmeister des Übergangs ist. Jürgen Rüttgers, der sich mit seinem Rückzug so schwer tat, moderiert zum Abschied den Kampf um sein Erbe: 15 Minuten Vortrag für jeden der Bewerber, dann dürfen die Menschen im Saal ihre Fragen stellen.
Laschet stichelt gegen Röttgen
Schnell wird dabei deutlich, worüber schon in den vergangenen Wochen viel geredet wurde. Hier geht es nicht um eine politische Richtungsentscheidung, zu ähnlich sind sich die Kandidaten. Am Mittwoch sprechen beide viel davon, politische Prozesse wieder besser erklären zu wollen, sie aus den christlich-sozialen, liberalen und konservativen Wurzeln der CDU abzuleiten. Laschet und Röttgen verkörpern die moderne CDU, katholisch, aber liberal, urban, offen für Schwarz-Grün. Doch sie wollen auch die enttäuschten Traditionalisten für sich gewinnen. Sie müssen es, schließlich leben viele von ihnen in den ländlichen Regionen des Landes.
In diesem Duell geht um Persönlichkeit: Auf der einen Seite Laschet, 49, freundlich-jovial, bodenständig und volkstümlich, auf der anderen Röttgen, 45, höflich-verbindlich, wortgewandt und hochintelligent. Und es geht um die Frage: Landeslösung oder Berlin-Import?
Mit "voller Kraft" und "viel Zeit" müsse der neue Landesvorsitzende sich die Probleme der Basis anhören, sagt Laschet, der stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion ist. Und er sei nun mal "100 Prozent in Nordrhein-Westfalen". Soll heißen: Röttgen ist das als Minister in Berlin nicht.
Der kontert, betont seine heimatliche Verwurzelung in der Voreifel, seine Bereitschaft, bei einer möglichen Neuwahl als Spitzenkandidat anzutreten und notfalls auch Oppositionsführer gegen Rot-Grün in Düsseldorf zu werden. Röttgen fordert "christdemokratische Politik aus einem Guss", vom Bund bis zur Gemeinde. Laschet dagegen will der Bundesregierung auch mal seine Meinung sagen. Und à propos Politik aus einem Guss: Genüsslich stichelt er wegen des Durcheinanders in der Atompolitik gegen den prominenten Rivalen aus dem Bund.
Aus Freunden werden Rivalen
Rivalen, das sind sie jetzt. Dabei kennen sich Laschet und Röttgen lange und gut. Schon in jungen Jahren saßen sie im sogenannten "Leichlinger Kreis" der CDU zusammen, aus dem heute viele in einflussreichen Positionen sitzen. 1994, als man gemeinsam in den Bundestag einzog, lagen ihre Abgeordnetenbüros im Bonner "Tulpenfeld" direkt nebeneinander. Aus der politischen wurde eine private Freundschaft. Ob die jetzt noch hält? Röttgen redet nicht gern darüber, Laschet sagt am Mittwoch, als die erste Runde vorbei ist, wenig euphorisch: "Persönlich ist es in Ordnung."
Klar ist: Der Weg zur Kandidatur war nicht frei von Verletzungen. Röttgen fand es schlechten Stil, dass Laschet seine Bewerbung mit Unterstützung von Fraktionschef Karl-Josef Laumann und Generalsekretär Andreas Krautscheid verkündete, als er selbst im Urlaub weilte. Laschet wiederum nimmt Röttgen übel, dass er ihm daraufhin Hinterzimmer-Kungelei vorwarf und ihn später auf einer Pressekonferenz zum Provinzpolitiker abstempelte. So zumindest kam es für ihn rüber.
Persönlich haben beide bei dieser Abstimmung viel zu verlieren. Für Laschet wäre es nach dem verlorenen Kampf um den Chefposten der Landtagsfraktion die zweite Niederlage binnen weniger Wochen. Vor allem aber geht Röttgen mit seiner Kandidatur ein hohes Risiko ein. Eine Schlappe als prominentes Mitglied der Bundesregierung - das sähe nicht gut aus. Seine Karrierepläne, von denen manche sagen, an deren Ende stünde das Kanzleramt, hätten einen schweren Rückschlag erlitten. Denn dafür braucht er Hausmacht in der CDU - und die sichert ihm der Vorsitz im größten Landesverband.
Bisher aber gilt Laschet als Favorit, nur zwei der acht mächtigen Bezirksvorsitzenden sind auf Röttgens Seite. Einer davon ist er selbst. Doch Röttgens Chance ist gerade die nun als besonderes Lehrstück der innerparteilichen Demokratie angestrebte Mitgliederbefragung.
Das wird am Mittwoch deutlich. Dem Bezirksverband Münsterland steht Laschet-Unterstützer Laumann vor, die Mitglieder könnten ihm gehorsam folgen. Doch der Umweltminister spielt sein rhetorisches Talent aus, entwirft eine "Zukunftsidee NRW", bei der es darum gehe "Politik aus den Augen unserer Kinder" zu machen. Auch wenn das Leitmotiv diffus bleibt, den Zuhörern in der Stadthalle Hiltrup gefällt das Bild, die Vision vom großen Ganzen. Sie danken es, genau wie die folgenden Attacken auf die SPD, mit kräftigem Beifall.
Um den muss Laschet, dem die undankbare Rolle des ersten Redners zugelost worden ist, lange kämpfen. Er verliert viel Zeit mit Respektbekundungen vor dem Amt und der Arbeit von Jürgen Rüttgers, der die CDU in NRW nach 39 Jahren Opposition wieder an die Macht geführt hatte - sie aber eben auch nach nur einer Amtszeit als Ministerpräsident wieder abgeben musste. Der scheidende Vorsitzende lege "die Latte für das Amt sehr hoch", sagt Laschet.
"Wenn du das alleine löst, ziehe ich zurück"
Die Basis in Münster aber scheint die Distanz zum Bald-Ex zu suchen. "Wenn Parteitage wieder etwas mehr in Richtung Diskussion gehen und etwas weniger den Charakter von rituellen Applausübungen haben", ruft Röttgen in den Saal, "dann tut das allen gut." Die Mitglieder pflichten ihm mit einer Applausübung bei.
Doch ein Applausometer entscheidet nicht über den Parteivorsitz - und so fällt am Mittwoch keine Vorentscheidung. Im Gegenteil, der Abend zeigt, wie offen das Rennen ist. Schon am Donnerstag geht das Duell in Bad Godesberg in die zweite Runde, dann eigentlich ein Heimspiel für Röttgen, der Chef des Bezirksverbandes Mittelrhein ist.
Doch vielleicht gelingt Laschet hier ein überraschend guter Auftritt. Oder ihm fällt eine geniale Antwort ein, wie der demografische Wandel in der Bundesrepublik kurzerhand zu stoppen ist. Als ein junger Mann am Mittwoch von den beiden Kandidaten mal eben wissen möchte, was sie denn gegen den Geburtenrückgang und den Bevölkerungsschwund gerade in den ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens zu tun gedenken, gibt es auf dem Podium große Augen, Gelächter und Getuschel.
Dann verrät Moderator Rüttgers, Röttgen habe seinem Konkurrenten Laschet soeben zugeflüstert: "Wenn du das alleine löst, ziehe ich zurück."
Auf anderen Social Networks posten:
Die guten Umfragewerte kommen wohl daher, dass die alten Leute mehrheitlich konservativ wählen. Vor allem wählen sie und bleiben nicht verdrossen zu Hause wie "das Jungvolk"! Mittlerweile stellen Renter ja schon 1/3 [...] mehr...
Ein echter Röttgen-Knaller. Hochintelligent, hochinhaltsarm, zukunftsweisend ins Vakuum. mehr...
Die Partei in D-Land, die auch 2010 immer noch bei den Umfragen am besten dasteht. Denn mal ehrlich, bei den anderen Polittruppen sieht es doch nicht besser aus. Demokratiedämmerung. mehr...
Was ist das für eine Partei die nursolch armselige Kandidaten zur Auswahl hat? mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Nordrhein-Westfalen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH