Berlin - Deutschland diskutiert die Thesen Thilo Sarrazins: Ist er mit seiner Kritik an muslimischen Einwanderern zu weit gegangen? Oder ist sein Buch "Deutschland schafft sich ab" ein wichtiger Beitrag zur Integrationsdebatte?
Spitzenpolitiker aller großen Parteien beantworten die Frage eindeutig: Sarrazins Äußerungen seien "inakzeptabel", sagte Kanzlerin Merkel (CDU) - und gab damit die kompromisslose Haltung gegen Sarrazin vor. Die Bundesbank will ihn feuern, die SPD will ihn aus der Partei ausschließen.
Doch es gibt auch andere Stimmen. Seit Tagen erhält die SPD-Spitze wütende Schreiben von Genossen, die Sarrazin recht geben und sich gegen dessen Rauswurf aus der Partei aussprechen.
In einer Forsa-Umfrage für den "Stern" teilen 46 Prozent der Befragten die Annahme, die Deutschen könnten immer mehr zu Fremden im eigenen Land werden. 51 Prozent sehen das anders. In einer Emnid-Erhebung für den Sender "N24" stimmten 30 Prozent den Thesen Sarrazins zu, 35 Prozent lehnten sie ab.
Klare Verhältnisse sehen anders aus.
Auch die Leser von SPIEGEL ONLINE diskutieren hitzig. Im Vote sagten rund 52 Prozent, die Kritik an Sarrazin sei unangemessen. Über 12.000 Beiträge sind in den Foren zusammengekommen, Hunderte E-Mails an die Redaktion noch gar nicht eingerechnet. Nahezu alle Positionen sind vertreten, von totaler Ablehnung der Thesen bis hin zu voller Zustimmung. Fest steht: Viele Leser kritisieren Sarrazins polemische Wortwahl - doch inhaltlich geben Sie ihm oftmals recht.
SPIEGEL ONLINE dokumentiert eine Auswahl der Beiträge:
User stefanaugsburg schreibt: "Er macht es nicht schön formuliert, er äußert sich nicht allzu blumig, er ist kein 'Angepasster', aber im Kern spricht er aus, was eben in vielen von uns ein wenig 'schwelt' und 'gärt'." Spo0815 findet: "Selbst ich als SPD-Mitglied muss sagen: Sarrazin hat recht, nur in Deutschland darf man solche Themen nicht ansprechen, ohne gleich in der rassistischen oder neonationalistischen Ecke zu landen."
User OlGa widerspricht dagegen: "Er provoziert und beleidigt und riskiert bewusst im Interesse des Absatzes seines Buches, dass er polarisiert und die Stimmung anheizt, was durchaus gefährlich werden kann. Er löst keine Probleme, er schafft sie. Sein Handeln zeugt nicht von Mut, sondern von Opportunismus, Populismus und einer großen Portion Narzissmus."
Peter Freiburg schreibt: "Diese gespielte Entrüstung der Politiker ist peinlich. Hier wollen sie Pluspunkte bei der Bevölkerung sammeln. Von der Sache her hat Sarrazin in einigen Aspekten Recht, die Wahrheit ist eben unbequem. Manches mag aus dem Kontext gerissen sein. Und man darf den Wert und Beitrag zur Gesellschaft nicht nur finanziell beurteilen. Aber man muss diesen Aspekt beleuchten dürfen. Sarrazin hat eben das Problem, dass er Politiker ist, und die Wortwahl hätte überdenken sollen." Auch treverxy kritisiert die Haltung von Merkel und Co: "Was - um alles in der Welt - ist bloß mit unseren Politikern los? Da wagt es endlich mal wieder einer ein gesellschaftliches Problem ohne Scheuklappen und geradeheraus zu beschreiben, und schon geht das große Geheule wieder los."
Welche verletzende Wirkung die Worte Sarrazins entfalten können, macht besonders der Beitrag eines türkischstämmigen Lesers deutlich. istiklal schreibt: "Wirklich schade, in unserem Freundeskreis wird viel über ihn debattiert. Viele sind enttäuscht. [...] Wir haben große Familien, aber wer hat die nicht? Ich wusste gar nicht, dass ich, meine Schwester (Anwältin) und meine Eltern (Abteilungsleiter/Pflegerin) dumm sind und eine Gefahr für die Enkelkinder Sarrazins, [...], weil wir Türken sind." Die Konsequenz: "Mir ist mit 26 Jahren bewusst, dass ich dieses Deutschland verlassen werde..."
Einig sind sich die meisten Forumsteilnehmer darin, dass eine politische Migrationsdebatte dringend nötig ist. User Meckermann schreibt dazu: "Diese Debatte ist in der Tat ÜBERfällig. Spätestens nach der Minarett-Abstimmung in der Schweiz hätte der Groschen fallen müssen. Anscheinend hatte außer Sarrazin bloß niemand den Ar*** in der Hose, das Thema auch anzupacken."
K-Mann trauert der Stimmung während der Fußball-WM hinterher, als Spieler wie Mesut Özil oder Sami Khedira für ein modernes Deutschland standen: "Ich hätte nicht gedacht und bin bestürzt, dass wir gut sechs Wochen, nachdem wir unserer bunten Fußball-Nationalelf (die zur Hälfte aus Spielern mit "Migrationshintergrund" bestand) zugejubelt haben, eine solche Diskussion, und vor allem auf solchem Niveau, führen müssen. Ich hatte gehofft, der Erfolg der Mannschaft und die Art, wie er zustande kam, hätten als Signal für die Integration wirken können, und sehe mich eines Schlechteren belehrt."
Kontrovers diskutiert wird auch der geplante Rauswurf Sarrazins aus dem Vorstand der Bundesbank. Im SPIEGEL-ONLINE-Vote bezeichneten mehr als 75 Prozent der Teilnehmer die Abberufung für falsch. Diese Tendenz wird in den Foren bestätigt. Zwar gibt es auch Stimmen wie die von User Seher, der schreibt, der Entschluss sei "überfällig" gewesen. Doch auf der anderen Seite glauben viele Leser nicht, dass die Kündigung einer Klage Sarrazins standhalten würde. Sie kritisieren eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.
User aretana schreibt: "Wenn Wulff Sarrazin entlässt, ist das ein Skandal. Dann kann man sagen, in Deutschland gibt es keine Meinungsfreiheit mehr." Iomega spottet: "Die unabhängige Bundesbank hat also nach Aufruf von Kanzlerin und Bundespräsident ganz unabhängig Sarrazin zur Abberufung gestellt." Und Leser elpaso fügt hinzu: "Ade Meinungsfreiheit. [...] Für mich gibt es nur eine Konsequenz: Für mehr Basismitbestimmung und Volksentscheide."
hut
Auf anderen Social Networks posten:
Ja, das verweist auf ein "Gschmäckle", welches Herr Sarrazin jetzt mit sich rumträgt und mit 1000 Kisten Persil nicht mehr los wird. Wenn ich mir so vorstelle, dass da jemand regelmäßig übelst über andere herzieht, [...] mehr...
Der Hass auf die unterschichtigen Migranten, die Sozialhilfe oder H4 abgreifen, ist offensichtlich größer als der Neid auf die Banker, die unsere Milliarden in den Sand der Karibik oder der Malediven gesetzt haben. Die HRE [...] mehr...
das Sie wenn Sie hier nicht schreiben ehrenamtlich integrieren. Der Wulf möge Ihnen ein Ehren wuff geben und dann geben Sie bitte a ruh; mehr...
Hoffentlich hat es jetzt endlich auch die letzte empörte Volksseele kapiert, worum es Sarrazin in erster Linie geht: 4-Euro-Diät und dumme Sprüche für die Armen, Hetzschriften gegen die Einwanderer, aber für sich selbst - stets [...] mehr...
Blödsinn. Seit wann ist religionszugörigkeit eine biologische Klassifizierung. Die blödsinnige Rasseauffassung der Nazis ist offenbar nicht totzukriegen. mehr...
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