ThemaThilo SarrazinRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
07.09.2010
 

Problemfall Sarrazin

Was Kohl anders als Merkel gemacht hätte

Eine Analyse von Gerd Langguth

Sarrazin-Karikatur, Kuppel des Reichstages: Ohne Problem über die FünfprozenthürdeZur Großansicht
dpa

Sarrazin-Karikatur, Kuppel des Reichstages: Ohne Problem über die Fünfprozenthürde

Nicht nur die SPD hat ein Problem mit Thilo Sarrazin. In der Union murren viele über die scharfe Reaktion der Kanzlerin auf die Thesen des Bundesbankers. Der Unmut zeigt: Der erzkonservative Flügel fühlt sich bei CDU und CSU nicht mehr zu Hause. Wie groß sind die Chancen für eine Protestpartei?

Angela Merkel hat sich in einer Weise vom Noch-Bundesbanker Thilo Sarrazin distanziert, die vielen ihrer Parteifreunde zu weit geht. Thilo Sarrazin ist deshalb nicht nur ein Fall für die SPD, auch wenn diese jetzt viele Briefe und E-Mails von eigenen Mitgliedern und Anhängern erreicht, ihr prominentes Mitglied nicht aus der Partei auszuschließen. Auch die CDU-Parteivorsitzende und Regierungschefin bekommt im Moment zahlreiche kritische Briefe und E-Mails.

Als Kanzlerin sah sich Merkel gezwungen, sich zu Sarrazin zu äußern, der auf Vorschlag der beiden SPD-regierten Länder Berlin und Brandenburg zur Zeit der Großen Koalition - und das gegen den Willen des Bundesbank-Präsidenten Weber - in den Vorstand der Bundesbank berufen wurde. Merkel hat Mitverantwortung für diese Berufung. Aber es heißt, schon damals habe sie diesen SPD-Vorschlag nur deshalb durchgewinkt, weil sie keinen Krach im Bündnis haben wollte.

Da Sarrazin wegen seiner hochrangigen öffentlichen Stellung im Ausland als Teil des deutschen Regierungssystems angesehen werde, sei sie verpflichtet gewesen, sich so drastisch zu äußern, dass sie sogar mehr oder minder unverhüllt den Vorstand der Bundesbank aufforderte, man möge sich von Sarrazin trennen. Ob diese Aufforderung in dieser Form der sonst immer so betonten Unabhängigkeit der Bundesbank gerecht wird, sei dahingestellt.

Was hätte Kohl getan?

Dass auch ein Parteiausschlussverfahren gar nicht so einfach ist, musste selbst die CDU im Fall Martin Hohmann erfahren: Der einstige hessische, fundamental-katholische CDU-Abgeordnete geriet wegen einiger kruder Äußerungen zum Judentum unter heftigen Beschuss, weswegen er - erstmalig in der Geschichte der Union - aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen wurde.

Gegen die Entscheidung der Parteischiedsgerichte auf Landes- und auf Bundesebene, die ebenfalls seinen Ausschluss beschlossen hatten, klagte er zunächst beim Landgericht Berlin. Die nächste Instanz, das Kammergericht Berlin, wies Hohmanns Berufung ab, auch der Bundesgerichtshof befasste sich im Dezember 2007 mit diesem Fall. Ähnliches könnte jetzt der SPD mit Sarrazin passieren, wenn dieser gegen das zu erwartende Ausschlussurteil des Parteischiedsgerichts Revision einlegt.

Wie hätte Merkels einstiger Ziehvater Helmut Kohl einen Fall Sarrazin gelöst? Kohl hatte in seiner Zeit als Kanzler und Parteivorsitzender dafür gesorgt, dass seine Partei durch Flügelpersonen die Breite der Bevölkerung abdeckte. Die Zahl solch sichtbarer Repräsentanten, gerade der "konservativen" in der Jetztzeit-CDU, ist hingegen überschaubar.

Als Kanzler hätte Kohl sicher aus staatspolitischen Gründen heraus - auch wegen der Wirkung gegenüber dem Ausland - eine rhetorisch verschwurbelte Erklärung abgegeben, die einerseits eine Distanzierung gewesen wäre, die andererseits aber auch Verständnis für manche Grundanliegen Sarrazins zum Ausdruck gebracht hätte. Merkel, jetzt unter dem Druck, "Führung" zeigen zu müssen, setzte sich an die Spitze der Anti-Sarrazin-Bewegung. So hätte das ihr politischer Erfinder sicher nicht gemacht.


Union ist nicht mehr Hort des christlichen Abendlandes

Merkel wird an der Basis der CDU wegen ihrer harschen Sarrazin-Schelte heftig kritisiert. In der Wählerschaft der Union gibt es viele, die mit einigen Grundpositionen Sarrazins sympathisieren, die durch die Protestantin Angela Merkel die Werte des christlich geprägten Abendlandes nicht genügend verteidigt sehen. Noch während ihrer Zeit als Oppositionsführerin kämpfte Merkel gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union - seit sie Kanzlerin ist, hat sie diese Position weitgehend aufgegeben.

Hinzu kommt, dass der merkelsche Modernisierungskurs ihrer Partei ein entspannteres Verhältnis zu den Migranten verordnet hat. Wurde noch vor wenigen Jahren von fast allen Unionspolitikern der Begriff "Einwanderungsland" rundweg abgelehnt, wird jetzt im CDU-Grundsatzprogramm von Deutschland als einem "Integrationsland" gesprochen. Es gibt mehr und mehr türkischstämmige Parteimitglieder in der Union - und es wächst die Einsicht, dass inzwischen die Zahl der türkischstämmigen Wähler so hoch ist, dass diese bei einem knappen Wahlausgang entscheidend sein können. Immerhin besitzen von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland - mehr als 63 Prozent stammen aus der Türkei - etwa 45 Prozent der im Laufe der Jahre Eingewanderten die deutsche Staatsangehörigkeit.

Die Union als Hort des christlichen Abendlands gibt es nicht mehr. Das bringt zweifelsohne manche Wähler zur Verzweiflung - und auch zur Wahlenthaltung. Ein Jörg Haider oder ein Geert Wilders hätte auch in Deutschland eine politische Basis.

Wer aber vermutet, eine islamkritische Bewegung in Deutschland hätte nur Unterstützung aus den Reihen dann ehemaliger Unionswähler, der irrt. Es ist nicht das Großbürgertum oder die Mittelschicht, die sich in Deutschland in erster Linie durch Migranten bedroht fühlt, es sind eher die ökonomisch schlechtergestellten sozialen Schichten, die ja auch zu den bevorzugten Adressaten der SPD-Politik gehören.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 107 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.09.2010 von Diomedes: Wie wäre es mit Problembewusstsein?

Denn Deutschlands Probleme hier sind (mindestens) doppelter Natur, da die Anwesenheit verschiedener Völkerschaften in einem Staat gewöhnlich zu inneren Wirren führt wie schon Aristoteles erkannte: „Zu Aufständen führt auch die [...] mehr...

10.09.2010 von Wintermute: Die Kritik ist nicht so undifferenziert; der Verteidigungsreflex (oft) schon.

Vielleicht (aber wer hat dazu Zeit? :) müssten Sie diese Aussage an der Mehrheit der Postings in diesem und anderen Threads zum Thema konkretisieren, ich habe hier kein vielstimmiges "Ausländer raus!" gehört/gelesen [...] mehr...

10.09.2010 von tbax: Erstaunlich

Es ist für mich erstaunlich, wie viele Schreiber sich die riesige Welt kleindenken: Ihre Welt besteht nur noch aus Migranten und Nicht-Migranten. Einsam und verbittert. Sie tun mir leid. mehr...

08.09.2010 von heimlich: Gut

dass Sie hier nicht bestimmen dürfen wer was sagen darf. mehr...

08.09.2010 von sfb: Probleme der näheren Zukunft

Diese Punkte betreffen ja die drängendsten Probleme der näheren Zukunft: - Finanzsystem - Ressourcenknappheit - Klimawandel Diese Probleme beeinflussen sich gegenseitig, und sie bilden die Basis für alle weiteren Probleme. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Thilo Sarrazin

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Sarrazin und das Geld

Sarrazins Vergütung

Thilo Sarrazin ist seit Mai 2009 Mitglied des Bundesbank-Vorstands. Für die ersten acht Monate im Amt bekam er im Jahr 2009 154.800 Euro, davon werden 121.670,84 Euro für die Berechnung seines späteren Ruhestandsgehalt berücksichtigt. So steht es im Geschäftsbericht der Bundesbank. Seine Kollegen haben für das gesamte Jahr 2009 je 232.000 Euro bekommen. Es ist anzunehmen, dass in Sarrazins Arbeitsvertrag die gleiche Gehaltshöhe steht. Sein Vertrag läuft noch bis 2014.

Sarrazins Pensionsansprüche






TOP



TOP