• Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.09.2010
 

Längere AKW-Laufzeiten

Merkel preist Kompromiss als Energie-Revolution

Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Weitreichendes Konzept für die nächsten Jahrzehnte"Zur Großansicht
REUTERS

Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Weitreichendes Konzept für die nächsten Jahrzehnte"

Modern, umweltfreundlich, effizient: Die Bundesregierung hat sich auf ein Neun-Punkte-Energiekonzept verständigt, Kanzlerin Merkel sieht Deutschland nun als weltweiten Vorreiter. Alles eine Farce, bemängelt die Opposition. Schwarz-Gelb sei käuflich und habe sich der Atomindustrie gebeugt.

Berlin- Die Bundeskanzlerin zeigt sich am Montag zufrieden. So lange hätten die Verhandlungen am Sonntag im Kanzleramt ja gar nicht gedauert, sagte Angela Merkel, da habe sie schon ganz anderes erlebt. Am Ende des Zwölf-Stunden-Gesprächs hatte sich die schwarz-gelbe Regierung auf ein Neun-Punkte-Energiekonzept verständigt - ein Kompromiss, den die Kanzlerin hymnisch lobt und den Opposition und Umweltverbände zerpflücken.

Merkel pries den getroffenen Beschluss als "Revolution in der Energieversorgung". Die Energieversorgung Deutschlands werde "damit die umweltfreundlichste und effizienteste weltweit". Man habe nun einen Fahrplan, um das "Zeitalter der erneuerbaren Energien möglichst schnell zu erreichen".

Auch ihre Minister frohlockten. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) stellten das Konzept am Montag vor. Bereits am Morgen hatte Brüderle gesagt, man habe einen "großen Wurf" geschafft. Und Röttgen schwärmte später: "Ich halte das für das energiepolitisch anspruchsvollste Programm, das es bisher gegeben hat, nicht nur in Deutschland."

Das neue Konzept enthält neben vielen Maßnahmen für bessere Stromnetze, mehr Klimaschutz und Energieeinsparung auch die Verlängerung der Atomlaufzeiten. Bei der Atomkraft sieht der Beschluss vor:

  • Die deutschen Atommeiler sollen im Schnitt 12 Jahre länger am Stromnetz bleiben als vorgesehen.
  • Ältere Meiler sollen 8 Jahre zusätzlich laufen, jüngere 14 Jahre.
  • Im Gegenzug für das Laufzeitplus werden die Stromkonzerne mit Milliardenzahlungen auch für den Ausbau von Ökostrom zu Kasse gebeten. Die großen Energiekonzerne müssen wie geplant ab 2011 eine Brennelementesteuer von 2,3 Milliarden Euro jährlich zahlen - befristet bis 2016. Zusätzlich wird ein neuer "Sonderbeitrag" zur Förderung erneuerbarer Energien fällig.

An den Börsen profitierten die Konzerne kräftig von dem schwarz-gelben Kompromiss. Die Kursgewinne der Aktien der großen Stromproduzenten E.on und RWE sorgten zu Börsenbeginn dafür, dass der Dax mit einem kleinen Plus starten konnte.

Am Montag wurde bekannt, dass die Bundesregierung am Sonntagabend noch vor dem Durchbruch mit den Vorstandschefs der vier Energiekonzerne E.on, RWE , EnBW und Vattenfall beriet. Das Telefonat Merkels sei rechtlich notwendig gewesen, hieß es. Die Top-Manager hätten in dem Gespräch verbindlich zugesagt, dass die Versorger zusätzlich zur neuen Atomsteuer zwischen 2011 und 2016 einen freiwilligen Beitrag in einen Ökofonds einzahlen.

"Das Konzept ist eine Farce"

Opposition und Umweltverbände werfen der Regierung vor, sich den Forderungen der Atomindustrie gebeugt zu haben. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sprach von Käuflichkeit. Die Sicherheit der Deutschen sei an vier große Konzerne verkauft worden, sagte Gabriel am Montag auf dem Volksfest Gillamoos im bayerischen Abensberg: "So dreist ist in Deutschland noch nie der Eindruck erweckt worden, Politik sei käuflich."

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, hielt der Bundesregierung Klientelpolitik vor: "Der Atombeschluss der Koalition ist kein Kompromiss, sondern ein Milliardengeschenk für RWE, E.on, EnBW und Vattenfall." Auch die Linken-Chefin Gesine Lötzsch sagte, die "Stromlobby" habe sich in entscheidenden Fragen durchgesetzt: "Der Bund hat sich unter Merkel als erpressbar erwiesen."

Ähnlich äußerten sich Umweltverbände wie Greenpeace und Nabu. Die Laufzeitverlängerung sei "ein reines Geldgeschenk der Regierung. Sie schadet Deutschland und nutzt den Konzernen", hieß es von Greenpeace. Die Anti-Atom-Initiative "ausgestrahlt" kündigte Massenproteste an.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie befürchtet durch die Verlängerung der Atomlaufzeiten um durchschnittlich 12 Jahre einen Einbruch bei den Investitionen in die Ökoenergien. "Damit wird das lang angekündigte Energiekonzept der Bundesregierung endgültig zur Farce", sagte BEE-Präsident Dietmar Schütz. "Mit ihrer Klientelpolitik für die vier großen Stromkonzerne gefährdet Angela Merkel zukunftsweisende Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien. Das Nachsehen haben alle diejenigen, die ernsthaft an einem zukunftsfähigen Energiesystem arbeiten." Die Deutsche Umwelthilfe sprach von einem "Generalangriff auf energiepolitische Fortschritte des vergangenen Jahrzehnts".


Die Regierung geht davon aus, dass der Bundesrat den verlängerten Laufzeiten nicht zustimmen müsse. Das Atomrecht sei zweifelsfrei eine Bundeszuständigkeit, sagte Brüderle. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Regelung bei Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand haben wird. "Das ist sehr sorgfältig geprüft worden, dass man sich auf sicherem Terrain bewegt."

kgp/dpa/apn/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 5062 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.01.2011 von tempus fugit: Ja - wird noch ? Oder eher weitergewerkelt?

Aber von einer Inbetriebnahme hört/liest man aber seit geraumer Zeit nichts. Und in Italien wird geplant? Oder nur - wie so oft und viel - geschwätzt? Haben Sie wenigstens dazu 1 (einen) konkreten Hinweis? Wo? Bis [...] mehr...

03.01.2011 von Hugo Witkens:

Fein, ich warte auf Ihren Anruf. ---Zitat--- Aber auch Sie sollten wissen: Hühner gackern, Enten schnattern - Donald ist eine Ente. Vorschlag: Lassen wir es dabei. ---Zitatende--- O.K. Wo Sie Recht haben, haben Sie recht. [...] mehr...

03.01.2011 von Torfkopp: Braucht es ?

Ganz klar : Ja und Nein. Das hängt vom Standpunkt ab. Es wäre Stoff für einen SciFi-Roman, sich die Folgen vorzustellen, wenn jeder Häuslebauer dank Forschungsgeldern bspw. in Solarzellenentwicklung, in ein paar Jahren [...] mehr...

03.01.2011 von n+x:

Deswegen schrieb ich "Großteil". Ein Teil des Stroms kann für Kühlschrank und meinetwegen auch Geschirrspüler verwendet werden. Ja, denn damit sich so ein Gerät lohnt müssen die PV-Stromkosten noch weit unter Grit [...] mehr...

03.01.2011 von 21Pinto: genauere Zahlen?

1. Wie, glauben Sie, ist denn das zahlenmäßige Verhältnis von eigenen kleinen PV-Anlagen (= subventionierte Rendite für Besserverdienende mit eigener Immobilie) zu den "Bürgerkraftwerken"? 2. Glauben Sie, dass die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Merkels schwarz-gelbe Regierung

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Das neue Energiekonzept

Laufzeiten von Atomkraftwerken

DPA
Die Laufzeiten werden um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert. Die sieben bis 1980 ans Netz gegangenen Anlagen bekommen acht Jahre mehr, die zehn jüngeren AKW 14 Jahre. Dadurch erhöht sich die von Rot-Grün beim Ausstieg festgelegte Regellaufzeit von 32 auf 40 bis 46 Jahre. Das könnte - je nach Produktion der Anlagen und Strommengenübertrag von stillgelegten Meilern - Atomkraft in Deutschland bis 2040 oder sogar 2050 bedeuten.

Zahlungen der Stromkonzerne

Windkraft

Kohle

Energieeffizienz

Kontrolle


Vor-/Nachteile der Energieträger

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.

Erdöl

Erdgas

Kohle

Atomenergie

Wasser

Wind

Sonne

Biomasse

Erdwärme

Kernreaktoren

Thermischer Reaktor

DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.

Brutreaktor

Uran und Plutonium in Atomwaffen





TOP



TOP