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07.09.2010
 

Razzia bei Neonazis

Fahnder nehmen braune Brieffreunde ins Visier

Von Hendrik Ternieden und Dominik Peters

Die HNG zählt zu den größten Neonazi-Organisationen Deutschlands. Sie hilft inhaftierten Rechten, aus dem Gefängnis heraus Kontakt zur braunen Szene zu halten. Lange agierte die Gruppe unauffällig, jetzt aber schlug die Polizei zu: Wohnungen einiger Mitglieder wurden durchsucht. Es droht ein Verbot.

Berlin - Die Razzia begann am Dienstag in den frühen Morgenstunden: Fahnder durchsuchten Gebäude in neun Bundesländern, insgesamt 30 Wohnungen. Ziel war die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige", kurz HNG, eine der größten Neonazi-Organisationen Deutschlands.

Die Durchsuchungen im Auftrag des Bundesinnenministeriums sollen Beweise liefern für ein mögliches Verbot der HNG. Der Verein zählt nach Angaben des Verfassungsschutzes rund 600 Mitglieder und ist trotz seiner Größe in der Öffentlichkeit eher unbekannt. Ziel der Organisation ist es, Neonazis auch während der Haft Verbindungen in die rechtsextreme Szene zu ermöglichen.

Die Ermittler durchsuchten Wohnungen von Funktionären, Mitgliedern und Anhängern. Kistenweise Unterlagen wurden beschlagnahmt. Schwerpunkte der Aktionen seien die Länder Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gewesen. Vereinzelte Durchsuchungen habe es zudem in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und Baden-Württemberg gegeben.

Zu "Mord und Totschlag" bereit

Der Verfassungsschutz vermutet, dass es dem Verein vor allem darum geht, die zersplitterte rechtsextreme Szene zu vernetzen. Inhaftierte Gesinnungsgenossen sollten nicht nur in der Szene gehalten, sondern weiter zu "Kämpfern gegen das System" aufgebaut werden, begründete Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche (CSU) die Ermittlungen. "Die heutigen Durchsuchungen werden zeigen, ob sich unser Verdacht bestätigt und sich die HNG in aggressiv-kämpferischer Weise gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet."

Kontakt zu der umstrittenen Organisation hatte auch der bekannte bayerische Rechtsextremist Martin Wiese, der Mitte August aus dem Gefängnis Bayreuth entlassen wurde. Mehrfach durfte er aus der Haft Briefe in der monatlichen Publikation "Nachrichten der HNG" veröffentlichen.

Im Mai 2005 war Wiese wegen Rädelsführerschaft einer terroristischen Vereinigung zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Mit der von ihm gegründeten "Kameradschaft Süd" und deren "Schutzgruppe" wollte er einen Anschlag auf die Feier zur Grundsteinlegung der Münchner Synagoge verüben; Waffen und Sprengstoff hatte Wiese bereits organisiert.

Zwar gab es nach Auffassung des Gerichts damals keine konkreten Pläne, doch hätten Wiese und seine Kameraden auch vor einer "blutigen Revolution" nicht zurückgeschreckt. Zu "Mord und Totschlag" seien sie bereit gewesen, hieß es.

Resozialisierung klingt anders

Wiese ist so etwas wie ein Paradebeispiel für die Arbeit der HNG: Im Gefängnis hat er nichts von seiner rechten Gesinnung verloren. Ganz im Gegenteil. Während der Haft brüstete er sich in der Neonazi-Publikation "NVA-Report" mit der Planung eines neuen Projekts. Und mit neuen Erkenntnissen: "Ich habe verstanden, wie das System funktioniert", tönte Wiese. Mit der Verurteilung sei seine Arbeit nicht beendet: "Nach der Haft werde ich mich damit beschäftigen, meine Erfahrungen mit so vielen Kameraden wie möglich zu teilen und neue Wege im nationalpolitischen Kampf zu gehen."

Resozialisierung klingt anders. Deshalb steht Wiese in den kommenden fünf Jahren unter einer sogenannten Führungsaufsicht, Kontakte zu seinen alten Kameraden sind ihm verboten. Der Erfolg dieser Maßnahme ist alles andere als sicher, wie ein Beispiel aus Wieses engstem Umfeld zeigt: Karl-Heinz S., ebenfalls wegen der Anschlagspläne auf die Münchner Synagoge verurteilt, war unmittelbar nach seiner Haftentlassung wieder in der rechtsextremen Szene aktiv.

Eine Geschichte ganz im Sinne der HNG. Die Organisation wurde vor 31 Jahren am 20. April 1979 gegründet - dem Jahrestag von Adolf Hitlers Geburtstag. Sie gilt als Nachfolgeorganisation der "Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte", die 1951 gegründet wurde und in der sich allerhand frühere Nationalsozialisten und ehemalige Angehörige der Waffen-SS tummelten.

Hitler-Geburtstagsfeiern auf dem Privatgrundstück

Berühmtestes Mitglied: Gudrun Burwitz, einziges Kind aus der Ehe von Margarete und Heinrich Himmler, dem "Reichsführer-SS". Er nannte sie liebevoll "Püppi". Bis heute schwor die 81-Jährige der Nazi-Ideologie nie ab - genau wie die ehemalige "BDM-Führerin" Gertrud Herr, die ebenfalls bei der "Stillen Hilfe" Altnazis unterstützte.

Ein wenig jünger, aber ähnlich radikal ist laut dem Internetportal "Netz gegen Nazis" die HNG-Chefin Ursula Müller. Sie wurde demnach 1933 geboren, steht seit knapp 20 Jahren an der Spitze der Organisation, war in den sechziger und siebziger Jahren NPD-Mitglied und gründete die "NS-Kampfgruppe Mainz". Auch ihr Haus in Mainz wurde bei der Razzia durchsucht. Gemeinsam mit ihrem Mann Curt Müller soll die heute 76-Jährige in den neunziger Jahren Hitler-Geburtstagsfeiern auf ihrem Privatgrundstück organisiert haben.

Die "Nachrichten der HNG" erscheinen seit den frühen achtziger Jahren und sind bis heute das wichtigstes Projekt der Organisation. Das Blatt enthält Namen und Adressen inhaftierter Rechtsextremisten sowie Leserbriefe und Appelle aus den Gefängnissen. Braune Brieffreundschaften, die seit Dienstagmorgen von den Ermittlern ganz genau untersucht werden.

Mit Material von dpa

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