Von Florian Gathmann, Mainz
Es ist ein wohliges Gefühl. Die Grünen der ersten Stunde fangen an zu schwelgen, wenn sie von Wyhl, Kalkar oder Wackersdorf erzählen. Obwohl es tiefster Winter war, damals im Februar 1975, als sie den Bauplatz des geplanten Atomkraftwerks im badischen Wyhl besetzten.
Aber die monatelangen Proteste waren so massiv, dass die Bauarbeiten gestoppt wurden. Genau wie im niederrheinischen Kalkar, wo der Bau eines Kernkraftwerks ebenfalls verhindert wurde. In Bayern zwang man später sogar den großen Franz Josef Strauß und seine damals noch allmächtige CSU in die Knie - die nukleare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf ging nie in Betrieb.
Der grüne Mythos hat nun über drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Und in diesen Tagen ist er wieder da - Angela Merkel und ihrer schwarz-gelben Koalition sei Dank. Mit dem umstrittenen Atomkompromiss der Bundesregierung haben die Grünen plötzlich wieder ein Ziel, gegen das es sich zu kämpfen lohnt. Und eines, das die Parteiseele wärmt.
Jürgen Trittin weiß das genau. Vielleicht schimpft der Chef der Grünen-Bundestagsfraktion deshalb noch ein bisschen lauter auf die "Rolle rückwärts" der Koalition beim Thema Energie. Die AKW-Laufzeitverlängerung ist für ihn ein "Skandal", das Kungeln der Kanzlerin mit den Energiebossen eine "Unverschämtheit".
Wer den Fraktionschef in diesen Tagen im kurfürstlichen Schloss zu Mainz vor den Kameras und Mikrofonen erlebt - die Abgeordneten treffen sich hier zur Klausur - fragt sich mitunter: Geht es auch eine Nummer kleiner? Aus Sicht von Trittin und Co. ist die Antwort klar: Nein. Denn der "heiße Herbst", den sie Schwarz-Gelb wegen des Atomkompromisses verheißen, ist grüne Herzensangelegenheit. Der unter Rot-Grün vereinbarte Kernkraftausstieg galt als größte Errungenschaft der Partei.
Junge, Alte, Realos, Linke - alle freuen sich auf die Atomdemo
"Atomkraft? Wir sind doch nicht blöd. Rettet die Energiewende jetzt", heißt es am Ende der sogenannten Mainzer Erklärung. Das hätte die Partei vor 30 Jahren wohl kaum anders formuliert.
Wen man auch fragt - Junge, Alte, Linke, Realo-Grüne - alle freuen sich auf die Demos, den Protest auf der Straße. Ein Abgeordneter aus Baden-Württemberg erzählt von der Mail einer Managerin an seinen Kreisverband: Darin berichtete sie von ihrem Plan, sich für die bevorstehenden Demonstrationen mal wieder einen richtigen Pullover zu kaufen. Wollpulli statt Hosenanzug. Auch darum geht es beim Anti-Atom-Revival.
Dabei haben die Grünen von heute mit den Zauseln von damals nur noch wenig zu tun. "Qualitätsfraktion" ist auf dem großen Banner zu lesen, das die Bundestagsabgeordneten bei ihrer Klausurtagung vor Augen haben. So was denken sich PR-Agenturen aus, ganz falsch ist es allerdings nicht. Unter den hohen Decken des Schlosses sitzen 68 sehr spezialisierte Abgeordnete zusammen - Finanzpolitiker, Verkehrsexperten, Wirtschaftsfachleute. Haushaltskonsolidierung ist für die Grünen längst genauso ein Thema wie für FDP oder Union.
So bürgerlich, dass die Unterscheidung zur Konkurrenz schwierig wird
Auch daran liegt es wohl, dass die Partei inzwischen bundesweit Umfragewerte von 20 Prozent erreicht, in Berlin und Baden-Württemberg aktuell sogar vor der SPD liegt. Renate Künast, Co-Chefin der Bundestagsfraktion, könnte in der Hauptstadt SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit ablösen, falls sie antritt. Die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei? Jedenfalls sind sie so etabliert, dass ihnen die Wähler eine Menge zuzutrauen scheinen.
Und so bürgerlich, dass die Unterscheidung von der politischen Konkurrenz mitunter schwierig wird. Der Donnerstagabend-Termin der Fraktion klingt mehr nach SPD-Ministerpräsident Kurt Beck als grün: feine Tropfen, deftige Pfälzer Küche inklusive Saumagen - so lassen die Abgeordneten beim Besuch eines Weinguts ihre Klausur ausklingen. Immerhin, es ist ein Ökogut.
Aber im Anti-AKW-Kampf - da sind die Grünen einzig. Markenpflege nennt man das in der Betriebswirtschaft. Ob sie das in den Umfragen nochmals beflügelt? Vor allem geht es um die grüne Stammkundschaft und die eigenen Leute.
Auf dem Spiel steht die strategische Freiheit
"Das wird die Kanzlerin noch bereuen", sagt Renate Künast, Co-Chefin der Bundestagsfraktion, über den Atomkompromiss. Die Frage ist allerdings, ob nicht auch die Grünen ihren Retro-Protest bereuen werden. Denn klar ist: Jede Anti-AKW-Demonstration treibt die Partei weiter weg von einer möglichen schwarz-grünen Koalition bei der nächsten Bundestagswahl. Und damit ist es auch vorbei mit der neuen strategischen Freiheit der Grünen: Wenn ein Bündnis mit der Union ausscheidet und sich die Linke weiterhin als Fundamentalopposition gefällt, bleibt am Ende nur Rot-Grün übrig. Ohne Frage ist das ein Riesen-Dilemma für die Grünen.
Aber grämen möchte sich deshalb kaum einer: Bald geht es auf die Straßen, wie damals 75. Es fühlt sich im Moment einfach gut an, grün zu sein.
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Das heißt also, das jede Meinung, die nicht Ihrer entspricht, unqualifiziert ist? Interessante Auffassung von Diskussion. mehr...
Q.F.T. Mehr ist nicht zu sagen. Jeder der hier widersprechen will sollte sich bitte zuerst kundig machen, bevor er/sie mit seiner/ihrer unqualifizierten Meinung das SpON Forum verstopft! mehr...
Von mir zieht ja eine Antwort Ihrerseits nach sich, deshalb hier nur in Kürze: Sie haben mich überzeugt, Kernkraft ist abgrundtief böse (ich wusste übrigesn was für ein Zeug im Erzgebirge abgebaut wird, nur die ach so erhöhte [...] mehr...
Nennen Sie mir ein 10 Jahre altes Auto, das heute nicht mehr zugelassen werden könnte. Ich bin gespannt. ---Zitat--- Genauso wie die erhöhte Hirntumorrate durch Mobiltelefone, wo sind die denn, die tollen Studien, die [...] mehr...
Sie _wollen_ es nicht verstehen, stimmt`s? Da wurde investiert, ja. Aber zu einer Zeit, als der Ausstieg aus der Atomenergie Gesetz war, man sich also darauf verlassen konnte, dass die abgeschriebenen Schrottreaktoren [...] mehr...
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