Von Hendrik Ternieden, Potsdam
Um 20.57 Uhr bekommt der Moderator Ralf Schuler einen kleinen Zettel zugesteckt. Er scheint nicht gleich zu begreifen, er muss noch ein zweites Mal draufschauen. Dann legt er das kleine weiße Blatt neben sich ab. Noch ist die Zeit für die entscheidende Frage nicht gekommen. Ihm gegenüber sitzt Thilo Sarrazin und redet und redet.
Vor der Tür protestieren 150 Menschen gegen die Veranstaltung, sie nennen Sarrazin einen "Rassisten" und haben Plakate gemalt, auf denen steht: "Halt's Maul!" Drinnen im vollbesetzten Nikolaisaal in Potsdam sieht es ganz anders aus: Von Anfang an ist es Sarrazins Show. Als er um kurz nach 8 Uhr das Podium betritt, applaudieren rund 750 Zuhörer, und einige rufen laut "bravo".
Es ist der Auftakt seiner bundesweiten Lesereise, und eigentlich will Sarrazin nur über seine liebsten Themen sprechen: seine Thesen, seine Zahlen, sein Buch "Deutschland schafft sich ab". Doch dann ist da noch der kleine weiße Zettel, er liegt jetzt ausgerechnet auf Sarrazins rotem Buch, und er bringt eine wichtige Information in den Saal: Thilo Sarrazin wird sich aus dem Vorstand der Bundesbank zurückziehen.
"Ich sage das jetzt zum ersten Mal"
Das kommt unerwartet: Sarrazin hatte sich bis zuletzt gegen einen Rückzug gewehrt. Natürlich muss Moderator Schuler den 65-Jährigen darauf ansprechen - auch wenn dieser sich zunächst windet, das habe mit der heutigen Veranstaltung nichts zu tun. Doch dann gibt er nach: "Ich sage das jetzt zum ersten Mal", so Sarrazin. Dann gibt er seine Version der Abläufe bekannt:
Vor allem einer dürfte angesichts dieser Entwicklung aufatmen: Christian Wulff. Der Bundespräsident kommt nun um die unbequeme Entscheidung herum, Sarrazin gegen dessen Willen zu entlassen. Viele Arbeitsrechtler waren der Meinung, eine solche Kündigung hätte vor dem Verfassungsgericht niemals bestanden. Wulff scheint daher erleichtert. Sein Sprecher Olaf Glaeseker sagte: "Der Bundespräsident wird dem Antrag von Herrn Sarrazin entsprechen und begrüßt die einvernehmliche Lösung mit der Deutschen Bundesbank."
"Diese Situation hält auf Dauer keiner durch"
Warum also änderte der sonst so standhafte Sarrazin, der sich seit Jahren immer wieder mit provokativen Äußerungen zu Wort gemeldet hat, plötzlich seine Meinung?
Er habe in den vergangenen 14 Tagen "massiven Druck" gespürt, sagt er. "Das war für mich nicht einfach." Er habe sich überlegt: "Kann ich es mir leisten, mich mit der gesamten politischen Klasse in Deutschland und 70 Prozent der veröffentlichten Meinung anzulegen?" Die Antwort war nein. "Diese Situation hält auf Dauer keiner durch", gesteht Sarrazin. "Schade", ruft ein Mann im Publikum.
Tatsächlich wirkte Sarrazin zuletzt ausgelaugt. Dem SPIEGEL hatte er gestanden, mehr als zwei, drei Stunden Schlaf seien zurzeit nicht drin. Dem Publikum in Potsdam begründet er seine Entscheidung als "strategischen Rückzug". Jetzt könne er wieder die Themen behandeln, die ihm wirklich wichtig sind.
Damit ist er wieder am Beginn der Veranstaltung angelangt. Sarrazin bringt inhaltlich in Potsdam nichts Neues, er wiederholt seine umstrittenen Migrationsthesen, die das Land so gespalten haben. Der erste Termin seiner Lesereise in Hildesheim war aus Sicherheitsgründen abgesagt worden, auch beim Berliner Literaturfestival wurde er ausgeladen. In Potsdam hätte die Lesung ursprünglich an einem anderen Ort stattfinden sollen, doch auch dort knickten die Veranstalter ein.
Immer wieder Applaus für Sarrazin
Das Literaturbüro Brandenburg zieht die Lesung nun unter strengen Sicherheitsvorkehrungen durch. Polizisten in voller Montur sichern den Saal, breitschultrige Sicherheitsleute stehen in jeder Ecke, alle Jacken und Taschen müssen abgegeben werden. In seiner Einleitungsrede beklagt sich Geschäftsführer Hendrik Röder über die Streitkultur in Deutschland. Im Falle Sarrazin wolle er lieber das Publikum entscheiden lassen - und diese Entscheidung fällt am Donnerstagabend in Potsdam eindeutig aus.
Immer wieder gibt es Applaus für Sarrazin. Im Publikum sitzen auch Liane und Klaus Trumpf. Er ist Professor für Musik, sie hat jahrelang Ausländer in Deutschkursen unterrichtet. Die Proteste vor der Tür seien "eine Katastrophe", sagen beide. Sarrazin habe inhaltlich recht und eine wichtige Debatte angestoßen. Diese Meinung teilen fast alle Zuhörer. Zwar gibt es am Schluss auch kritische Stimmen. Doch als ein Zuhörer darauf hinweist, dass Sarrazin mit seinen Thesen viel Zustimmung vom rechten Rand erhalte, erntet er laute "Buuuuh"-Rufe. So sind die Fronten schnell geklärt.
Am Ende der Veranstaltung signiert Sarrazin sein Werk, kaum jemand verzichtet auf die Unterschrift. Ein angenehmer Abend für den Mann, der zuletzt so viel Kritik einstecken musste. Der ganz große Protest in Potsdam bleibt aus. Nach der Veranstaltung leert sich die Gegend schnell, die Kopfsteinpflasterstraße vor dem Nikolaisaal ist leer. Nur zwei Mannschaftswagen der Polizei passen noch auf, dass alles seine Ordnung hat.
Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Sarrazin habe gesagt: "Kann ich es mir leisten, mich mit (...) 70 Prozent der öffentlichen Meinung anzulegen?" Tatsächlich sprach Sarrazin von der "70 Prozent der veröffentlichten Meinung". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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Na da kann ich nur noch hoffen, dass ich Ihnen nie über den Weg laufe. Bei soviel Abneigung würden Sie mir wahrscheinlich meinen Kopf abreißen. Ich frage mal ganz naiv: "Würden Sie sich als Türkenhasser bezeichnen?" mehr...
Wenn man die neueste Meldung der HRE rezipiert, dann fragt man sich unwillkürlich wie es um die Intelligenz deutscher Banker, zu denen wohl auch Sarrazin gehört, bestellt ist. Vielleicht hätte er sich mehr um die HRE kümmern [...] mehr...
Ach, diese unselige Intelligenzdebatte. Ich selbst habe, wie viele andere hier auch, keine Ahnung, ob und in welchem Umfang Intelligenz vererbt wird. Es ist auch eine unwichtige Frage. Wenn es um die Bildungsferne der [...] mehr...
Was immer Sarrazin mit seinen je nach Standpunkt verquasten / zutreffenden Äußerungen erreichen wollte, er hat es geschafft! Einerseits ist die politische Kaste zum Kontern in einem (Quasi-)Tabuthema gezwungen worden, [...] mehr...
hat eine notwendige debatte angestoßen. das war und ist gut. was ich nicht verstehen kann, dass er auf 1000 euro mehr-pension besteht: er muss im kommenden winter doch nur einen richtig dicken pullover anziehen, einen [...] mehr...
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