Von Anna Reimann
Berlin- Im Foyer der Bayerischen Vertretung in Berlin steht der SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter. Vier junge Leute bilden einen Halbkreis um ihn - es sind Nachwuchspolitiker von den Jusos. Benneter schwört seine "Jünger" ein: "Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass man sich selbst nervös macht. Aber vergesst nicht: Feuer muss man haben!" Neben ihm scherzt Johannes von Thadden, Bundesgeschäftsführer der CDU, über den "Versuch der Selbstversenkung", auf den die Redner der Jusos seiner Einschätzung nach wohl zusteuern würden.
Jury des Rhetorikwettbewerbs: Cronenberg, Lemke, von Thadden, Benneter
"Habt Kreuz!"
"Franz-Josef Strauß etwa war ein großartiger Redner - er hat getobt und danach wieder alle an seine breite Brust gedrückt", sagt Peter H. Ditko von der Deutschen Rednerschule. Ob Strauß oder andere: Gute Redner kommen nicht aus dem Nichts. Sie müssen sich üben, in ständigen Auseinandersetzungen mit Parteikollegen oder politischen Gegnern. "Vor Publikum und Kameras aufzutreten, das ist neu für mich - aber große Reden musste ich schon oft halten", so ein Teilnehmer der Jusos, bevor der Wettbewerb losging. Reden auf der Straße, reden in Stadtparlamenten oder im Gemeinderat - so fängt die Karriere als guter Rhetoriker an - viele Teilnehmer sind im Bundes- oder Landesvorstand der Jugendorganisationen der großen Parteien. "Es ist so, als ob heute die U-21-Mannschaft da wäre - und alle wollen in die Nationalmannschaft", so Ditko. Dass Regeln eingehalten werden, dafür sorgt Ditko gleich nach der Vorstellung der Redner: "Flegelt euch nicht auf den Tisch - sondern habt Kreuz!" mahnt er.
Der Wettbewerb beginnt mit einer vorbereiteten Sachrede. Zwar wissen die Teilnehmer über die Auswahl von vier Themen Bescheid, über welches sie nun reden müssen, entscheidet sich aber erst direkt vor der Rede. Juso-Sprecherin Michelle Schumann hat sich mit geradem Rücken hinter dem Rednerpult aufgebaut. Ihr Thema: Sollen Unternehmer ihr Einkommen offen legen? "Wenn jedes Vorstandsmitglied das verdient, was es wirklich verdient, dann bräuchten wir Gehälter nicht offen zu legen", beginnt sie und spricht dann in Bildern: Bei klarem Wetter - damit meint Schumann die Gehälter-Transparenz - lasse es sich besser segeln. "Dann meutert auch die Mannschaft nicht." Man müsse auf den Kurs der Verantwortung zusteuern, so sie Jungsozialistin. Neben ihr tickt die Uhr, aber Schumann wird fertig, bevor ihre drei Minuten um sind.
Wer nicht improvisieren kann, der geht unter in der Kategorie der Stegreifrede. Auf den Themenzetteln stehen Fragen wie "Ameisenbär statt Bundesadler?" oder "Barfuß oder Lackschuh?". Wer sein Thema gezogen hat, der muss direkt beginnen. Bei Peggy Bellmann von den Jungen Liberalen ist es das Thema "Sahnehäubchen und saure Gurken in der Politik". Bellmann nimmt einen sehr großen Schluck aus ihrem Wasserglas - anders lässt sich hier keine Zeit schinden - und hat dann eine Idee, wie sie die sauren Gurken verpacken kann: Agrarsubventionen in der EU. "Wie lange können wir es uns noch leisten, saure Gurken zu subventionieren?", fragt sie und hat am Ende noch einen Diättipp für Joschka Fischer: "Kehren Sie zurück zu den sauren Gurken und essen Sie nicht so viele Sahnehäubchen!"
"Wettkönig statt Kanzlerfrage
Björn Eggert von den Jusos muss sich zu "Gottschalk for President" äußern und empfiehlt "Bürgerentscheide per Saalwette und statt Kanzlerfrage gibt es den Wettkönig". Überhaupt, wenn mit "Stoiber endlich mal ein Nicht-Deutscher Außenminister wird, dann könne eigentlich auch gleich Schwarzenegger Bundespräsident werden". Das Publikum lacht lange.
Im Disput mit den Bürgern können sich die Vertreter der jungen Parteien nur schlecht durchsetzen - aber es fehlt ihnen auch an Inhalten: Kaum einer kann sich gegen die Fragen der Bürger behaupten, manchen fällt es gar schwer, überhaupt zu Wort zu kommen. Verzweifelt versucht Clara Herrmann von den Grünen ihrem Gegenüber zum Thema "Hochbegabtenförderung in Schulen" Paroli zu bieten. Viel mehr als "Es geht uns um Langfristigkeit" kann sie nicht loswerden.
Großer Redner: Joschka Fischer bei einer Rhetorikpause mit Parteifreund Cohn-Bendit 1987
Die Politiker in der Jury haben viel gelacht und zusammen mit dem Publikum entschieden: Sieger ist die Mannschaft der Jungen Liberalen vor der Grünen Jugend. Die Juso-Politikerin Michelle Schumann gewinnt als beste Rednerin.
Mit seiner Prognose der Selbstversenkung lag der CDU-Geschäftsführer von Thadden nicht richtig, aber die Generalsekretärin der FDP -abwesend wegen Stimmverlust - hoffte von Anfang an. Peggy Bellmann stand vor ihrem Auftritt noch mit Cornelia Pieper in SMS-Kontakt. "Ihr werdet gewinnen", schrieb die FDP-Generalsekretärin. Erfolg ist in der Politik eben auch Glaubenssache - bei aller Rhetorik.
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