Kabul/Teheran/Paris/Berlin - Kampf und Chaos weltweit, sogar vier Menschenleben fallen den Protesten der wütenden Muslime im Streit um die Mohammed-Karikaturen zum Opfer. Angesichts der verfahrenen Situation hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Gespräch aufgerufen.
Kanzlerin Angela Merkel: "Das heißt, dass wir gesprächsbereit sind"
Die Kanzlerin betonte, dann werde man bei denen, die einer anderen Religion verpflichtet sind, Aufmerksamkeit finden. Man müsse versuchen, die Kluft zwischen der westlichen und der islamischen Kultur zu überwinden. Merkel verknüpfte ihre Aufforderung zum Dialog mit der islamischen Welt dabei mit einem klaren Signal an ihr Gegenüber: "Das heißt, dass wir gesprächsbereit sind. Dass wir unsere Überzeugungen haben, für die wir auch einstehen."
Dies machte Merkel gleich damit deutlich, dass sie die gewaltsamen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen deutlich ablehnte und gleichzeitig die Pressefreiheit verteidigte: "Ich kann die Gefühle vieler Muslime verstehen, aber ich sage auf der anderen Seite, dass es für uns ein unabdingbares Gut ist, dass es die Freiheit der Presse gibt", sagte die Kanzlerin. Es sei nicht akzeptabel, dass Gewalt angewendet werde, wenn Gefühle verletzt worden seien. "Und deshalb ist diese Gewaltanwendung aus meiner Sicht absolut zu verurteilen."
In einem Telefonat mit Dänemarks Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen hatte die Kanzlerin zuvor ebenfalls ihre Sorge über die anti-dänischen Ausschreitungen zum Ausdruck gebracht und die Krawalle als "inakzeptabel" bezeichnet. Die Karikaturen des islamischen Religionsstifters Mohammed waren zuerst im vergangengen Herbst in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht worden. Dänemark war deshalb besonders ins Visier wütender Muslime gerückt. Dänische und andere europäische Einrichtungen sind seit Tagen das Ziel von Übergriffen.
Mehrere Tote bei Protesten von Muslimen
Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen hatten am Montag weltweit immer brutalere und bizarrere Formen angenommen: In Afghanistan wurden drei Menschen getötet. Bei einer Schießerei unter Demonstranten vor dem US-Militärstützpunkt Bagram 60 Kilometer nördlich von Kabul seien zwei Menschen getötet und fünf verletzt worden, sagte der Chef des Distriktes Bagram, Kabir Ahmad. Zuvor war bereits bei Protesten in Mihtarlam, der Hauptstadt der Provinz Laghman östlich von Kabul, ein Demonstrant ums Leben gekommen, als die Polizei das Feuer eröffnete. In Beirut erlag einer der Männer, die dort am Vortag das dänische Konsulat gestürmt und in Brand gesetzt hatten, nach Angaben der Polizei seinen schweren Kopfverletzungen.
Die iranische Regierung stoppte heute den Handel mit Dänemark. Alle Arten von Handelsabkommen oder -verhandlungen seien ab sofort unterbrochen, sagte der iranische Handelsminister Masud Mir-Kasemi laut dem staatlichen Fernsehen. Auch gegenseitige Besuche von iranischen und dänischen Handelsdelegationen werde es bis auf weiteres nicht geben, sagte der Minister weiter. Nach Angaben des Ministers beträgt das jährliche Handelsvolumen zwischen dem Iran und Dänemark 280 Millionen Dollar (234 Millionen Euro). Da Iran aber viel mehr aus Dänemark importiert habe als exportiert, werde sich die Entscheidung für Iran nicht negativ auswirken.
Angriffe auf Botschaften in Teheran
Am Abend griffen Demonstranten in Teheran die dänische Botschaft an. Nach Angaben von Augenzeugen warfen die mehr als 200 Menschen Steine und Brandsätze auf die Botschaft. Die iranische Polizei versuchte, die aufgebrachte Menge mit Tränengas daran zu hindern, in das Gebäude einzudringen. Dennoch gelang es drei Demonstranten Stacheldraht und Mauern zu überwinden, das Gelände zu stürmen und Teile der Einrichtung zu verwüsten. Außerdem versuchten sie, die Botschaft in Brand zu setzen.
Vor der österreichischen Botschaft in Teheran hatten zuvor rund 200 Demonstranten gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen demonstriert. Sie schleuderten Steine gegen die Botschaft, schlugen einige Fensterscheiben ein und entzündeten kleinere Brände, die von Feuerwerkskörpern ausgelöst wurden. Auch eine deutsche Fahne wurde dabei in Brand gesteckt. Die Polizei löschte die Feuer rasch und hinderte Demonstranten daran, Steine zu werfen.
Aufgebrachte Muslime demonstrierten auch in Ägypten, Indonesien, Thailand, Indien, den Palästinensergebieten und auf den Philippinen gegen die Karikaturen.
Pakistanische Ärzte wollen wegen der Mohammed-Karikaturen Medikamente aus europäischen Staaten boykottieren. Die Entscheidung werde mit sofortiger Wirkung umgesetzt, sie richte sich gegen Dänemark, Norwegen, Deutschland, Frankreich und die Schweiz, teilte der Generalsekretär der pakistanischen Ärzte-Vereinigung in der Provinz Punjab, Shahid Rao, heute in Multan mit. Die Entscheidung sei einstimmig getroffen worden.
USA und Annan bemühen sich um Mäßigung
In Österreich traten 30 muslimische Zeitungsboten in einen Streik, nachdem die zweitgrößte Zeitung des Landes die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hat. Wie die "Kleine Zeitung" mitteilte, weigerten sich die Boten, das Blatt heute auszutragen. 1000 Abonnenten hätten ihre Zeitung deswegen nicht im Briefkasten gehabt. "Wir sprechen mit den Streikenden", sagte Grossist Kurz Schügerl. Wer sich morgen weiter weigere, die "Kleine Zeitung" auszutragen, werde entlassen.
Nach der Veröffentlichung der umstrittenen Karikaturen wurden in der Pariser Tageszeitung "France Soir" heute die Redaktionsräume wegen einer Bombendrohung vorübergehend geräumt. Das Gebäude wurde am Nachmittag evakuiert und mit Hilfe eines Spürhundes nach Sprengstoff abgesucht. Die Polizei errichtete Sicherheitsabsperrungen. Nach knapp drei Stunden konnten die Mitarbeiter an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.
Die US-Regierung hat die gewalttätigen Ausschreitungen heute erneut verurteilt. Sie appellierte an die Regierungen muslimischer Staaten, Schritte zur Entspannung der Lage zu unternehmen. Die USA hatten schon am Wochenende der syrischen Regierung vorgeworfen, die in Brand gesetzten Botschaften Dänemarks und Norwegens nicht geschützt zu haben.
"Wir verurteilen jede Form von Gewalt. Es muss einen konstruktiven und friedlichen Dialog geben, geprägt von Respekt gegenüber allen Glaubensrichtungen", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan.
Die USA verstünden zwar, warum sich Muslime von den Karikaturen des Propheten Mohammed angegriffen fühlten, unterstützten aber das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Redefreiheit in der westlichen Welt. Damit müsse indes verantwortungsvoll umgegangen werden. Die USA hatten in der vergangenen Woche zunächst Verständnis für die Proteste geäußert.
Uno-Generalsekretär Kofi Annan rief die Muslime auf, Entschuldigungen dänischer Medien für die Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen anzunehmen. Er verstehe, dass sie durch die Zeichnungen verletzt seien und teile ihren Schmerz, sagte Annan während einer Konferenz in Dubai. "Aber ich kann keine Gewalt rechtfertigen, vor allem keine Angriffe gegen unschuldige Menschen", sagte er und rief religiöse und weltliche Führer zu verstärktem Dialog zwischen ihren Gemeinschaften auf. Die Muslime sollten sich so verhalten, "wie es der allmächtige Gott, der mitfühlend und barmherzig ist", wünschen würde, sagte Annan.
fok/ap/dpa/
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