09. November 2006, 15:05 Uhr

Zum Tod von Markus Wolf

Listig, skrupellos und ein Freund der Frauen

Von Hans Halter

Markus "Mischa" Wolf ist tot. Tausende von Spionen schleuste der Geheimdienstchef der DDR in die Bundesrepublik und nahm auch den Sturz von Bundeskanzler Willy Brandt in Kauf. Lange Jahre blieb er selbst aber ein "Mann ohne Gesicht".

Berlin – Der Ex-Spionagechef der Ex-DDR Markus Wolf, 83, ist in der vergangenen Nacht "friedlich eingeschlafen", wie seine Familie mitteilt. Länger als jeder andere Deutsche hat der intelligente, disziplinierte und sehr vorsichtige Kommunist erfolgreich einen Geheimdienst geleitet – in seinen großen Zeiten hörten auf ihn mehr als zehntausend festbesoldete Agenten und gut 30.000 Spitzel in aller Welt, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland. Aus seinen Mitarbeitern, so prahlte er Anfang der neunziger Jahre, hätte im Deutschen Bundestag eine eigene Fraktion gebildet werden können.

Markus Wolf: "Mischa" blieb immer im Dunkeln
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Markus Wolf: "Mischa" blieb immer im Dunkeln

Wolf, geboren als Arztsohn im württembergischen Hechingen, konnte bei Bedarf Stimmlage und Tonart wechseln, er war perfekt in Deutsch und Russisch. Seinen Charme knipste er an und aus, ganz nach Belieben. Frauen fanden ihn sexy, Russen russisch, Vorgesetzte schon in jungen Jahren tüchtig. 1934 war der damals Elfjährige mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau emigriert.

Seine Talente fielen dem russischen Geheimdienst auf, der auch dafür sorgte, dass Nachwuchsmann "Mischa" Wolf nicht in den Krieg ziehen musste – anders als sein Bruder Konrad, der es später zu einem führenden DDR-Regisseur brachte. "Mischa" Wolf blieb immer im Dunkeln. Jahrzehntelang hatten die westdeutschen Geheimdienste von ihrem tüchtigen Gegenspieler im Osten kein Foto. Bis er sich 1978 beim Einkauf in einem Stockholmer Laden leichtfertig fotografieren ließ – das tat seinem internen Ruhm jedoch keinen Abbruch.

Seine "Romeo"-Strategie war ein Erfolg

Als Generaloberst in weißer Uniform diente er treu und brav seinem rabaukigen Stasi-Minister Erich Mielke. Der nahm nur Anstoß an Wolfs Ehegeschichten. Die gemeinsame "Firma", das Ministerium für Staatssicherheit, organisierte er hingegen ziemlich perfekt. Wolf platzierte den Kanzleramtsspion Günter Guillaume an der Seite des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt – und nahm so dessen Sturz billigend in Kauf. Der listige und skrupellose "Mischa" unterwanderte die Bonner Administration auf allen Ebenen. Als besonders erfolgreich erwies sich seine "Romeo"-Strategie: An einsame Sekretärinnen in interessanten Positionen wurden potente Stasi-Offiziere, die "Romeos", "herangespielt". So sorgte der Dunkelmann aus Ostberlin für viele helle Stunden bei seinen Auftraggebern in Moskau und dem DDR-Politbüro.

Für diese Erfolge opferte Wolf nicht nur etliche Unschuldige, die sich das Leben nahmen. Er sorgte auch dafür, dass der Unterdrückungs- und Zersetzungsapparat des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR vier Jahrzehnte lang wirkte. Wolfs "Horch und Guck"-Agenten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) spionierten auch die eigenen Bürger aus. Im Laufe der Jahrzehnte wanderten Tausende ins Gefängnis.

Als er die Wende 1989 herannahen fühlte, versuchte der Geheimdienstgeneral noch schnell Ministerpräsident der DDR zu werden. Daraus wurde nichts, denn schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten wurde er auf dem Alexanderplatz von rund 500.000 DDR-Bürgern ausgepfiffen. Wolf setzte sich nach Moskau ab. Doch die Russen wollten den verbrannten Agenten nicht haben. Er geriet bei seiner Rückkehr 1991 in deutsche Haft - allerdings nur für elf Tage.

Die gegen Wolf angestrengten Prozesse gingen zumeist aus wie das Hornberger Schießen. Immerhin wurde er 1997 rechtskräftig zu zwei Jahren Haft (auf Bewährung) und einer Geldstrafe wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung verurteilt. Als freier Mann tingelte er danach durch Talkshows, fuhr für längere Zeit nach Israel, schrieb Bücher und verbreitete, wie sein Leben lang, eine bunte Mischung aus Lüge, Dichtung und Desinformation. Einsicht oder gar Reue zeigte der Stasi-General nicht. Am Ende seines Lebens schwäbelte er wieder leicht.

Hans Halter berichtete als SPIEGEL-Reporter über die DDR und ihren Untergang


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