01. Mai 2008, 18:12 Uhr

Anti-NDP-Demo Hamburg

Autonome zünden Autos und Barrikaden an

Brennende Autos, Schlagstöcke, Wasserwerfer: Bei einer Demo gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Hamburg lieferten sich Linksextremisten eine Straßenschlacht mit der Polizei. Die Behörden bezeichneten Rechte und Linke als aggressiv wie lange nicht mehr. Auch in anderen Städten gab es Ausschreitungen.

Nürnberg/Hamburg - Schwere Krawalle bei Demonstrationen gegen rechts. Vor allem in Hamburg gab es massive Ausschreitungen von Seiten linker Demonstranten.

Am S-Bahnhof Alte Wöhr standen sich die Anhänger der rechtsextremen NPD und zahlreiche Gegendemonstranten am 1. Mai zunächst stundenlang fast in Sichtweite gegenüber - getrennt nur von Polizeiketten und Wasserwerfern. Als die Rechten ihren angekündigten Aufmarsch durch das ehemalige Arbeiterviertel Barmbek nach stundenlanger Verspätung schließlich begannen, entlud sich die aufgeheizte Stimmung: Die linken Gegendemonstranten zündeten Autos an und errichteten Barrikaden. Steine flogen, Müllcontainer wurden in Brand gesteckt, Rauchbomben und Knallkörper gezündet. Verletzte gab es auf Seiten der Rechten, der Linken und der Polizisten.

Ein Polizeisprecher beschrieb die Stimmung als so aggressiv wie lange nicht mehr. Den Behörden zufolge protestierten 6600 Menschen gegen die NPD, an dem Aufmarsch der rechtsextremen Partei beteiligten sich 1100 Sympathisanten. Immer wieder lösten sich laut Beobachtern einzelne NPD-Anhänger aus dem Demonstrationszug und griffen Journalisten an. Eine Fotografin wurde demnach zu Boden geworfen und verletzte sich, ein Team des NDR wurde nach Angaben des Senders abgedrängt.

Wasserwerfer und Polizeikessel

Die Polizei, die mit mehreren Hundertschaften vor Ort war, setzte Wasserwerfer ein. Nach Angaben von Augenzeugen kesselten die Beamten einige vermummte Demonstranten ein. Einem Polizeisprecher zufolge wurde ein Streifenwagen umgekippt, mehrere Beamte wurden von Demonstranten bedrängt.

Zuvor hatten linke Demonstranten laut Polizei an den Bussen, mit denen die rechten Demonstranten anreisen wollten, Scheiben zerstört. Die Rechten wurden deshalb unter Polizeischutz zu ihrem Veranstaltungsort gebracht.

Gegen 17 Uhr erreichte der Demonstrationszug seinen Endpunkt. Die Polizei drängte die beiden Lager in verschiedene Richtungen auseinander: die Rechtsradikalen in die S-Bahn, die Gegendemonstranten eine Straße hinunter. "Die stöbern in Gruppen durch die Stadt", beschrieb ein Polizeisprecher die Lage. Die Polizei erwartet für den Abend weitere Auseinandersetzungen.

Auch in Nürnberg, wo 3000 NPD-Gegner auf den Straßen sind, kam es zu Übergriffen. Nach Angaben eines Polizeisprechers warfen die dortigen Demonstranten Steine gegen Polizisten, die Beamten setzten Schlagstöcke ein. Die zumeist schwarz gekleideten Autonomen sollen am Mittag versucht haben, eine Polizeikette zu durchbrechen, um den NPD-Aufmarsch zu stoppen. Dabei hätten linke Demonstranten mit Feuerwerkskörpern auf Polizeibeamte geworfen, berichten Beobachter. Die Polizei habe mit Pfefferspray und einem Schlagstockeinsatz geantwortet. Mehrere Demonstranten sollen Platzwunden am Kopf erlitten haben.

Gitter zwischen den Lagern

"Es gab ein Katz-und-Maus-Spiel", sagte ein Polizeisprecher. Die Lage habe sich aber rasch wieder beruhigt. Beide Gruppierungen waren durch Absperrgitter voneinander getrennt. Die Polizei hatte am Morgen die rund vier Kilometer lange Demo-Strecke der NPD komplett abgeriegelt, um eine Konfrontation rechts- und linksextremer Demonstranten zu verhindern. Die Polizei hat rund 3000 Kräfte im Einsatz.

Bereits im Vorfeld hatte der Zentralrat der Juden heftige Kritik daran geübt, dass der NPD der Marsch durch Nürnberg gestattet wurde. In der ehemaligen Stadt der NS-Reichsparteitage bilde der jetzige NPD-Aufmarsch eine "unheilvolle Parallele" zu den damaligen Ereignissen, kritisierte Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch.

Im Hamburger Schanzenviertel war bereits in der Walpurgisnacht randaliert worden. Dabei wurden vier Randalierer festgenommen. Demonstranten hatten dort zunächst eine Sparkassenfiliale mit Flaschen und Steinen beworfen. Später zündeten sie unter anderem Altpapiercontainer an und zogen einen Bauzaun über die Straße. Ein Polizeibeamter wurde leicht verletzt.

In Berlin verlief die Walpurgisnacht hingegen ohne größere Störungen. Die Polizei sprach von den friedlichsten Feiern der vergangenen zehn Jahre. Als die Polizei im Mauerpark im Prenzlauer Berg versuchte, ein Feuer in der Anlage zu löschen, warfen jedoch einige Besucher Steine und Flaschen auf die Einsatzkräfte. In der Nähe brannten später zwei Autos. Die Lage beruhigte sich innerhalb kurzer Zeit aber wieder. Die Polizei nahm bis zum Morgen insgesamt 24 Personen fest.

Ruhiges Berlin

Am Donnerstag begann in Berlin die "Revolutionäre 1.-Mai-Demo" im Stadtteil Kreuzberg, die in der Vergangenheit Ausgangspunkt von Ausschreitungen war. Am Nachmittag startete am Oranienplatz zudem des alljährliche "Myfest". Beide Veranstaltungen mit jeweils mehreren tausend Teilnehmern blieben bis zum Abend friedlich.

In Leipzig war es dagegen in der Nacht zum Donnerstag nach einem Konzert am Völkerschlachtdenkmal zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Randalierern gekommen. Die Beamten seien aus einer Gruppe von mehreren hundert gewaltbereiten Personen mit Flaschen beworfen worden, teilte die Polizei mit.

Auch Cottbus hatte es in der Nacht Krawalle gegeben: Bei einem Fackelzug von mehr als hundert Rechtsextremisten griffen Teilnehmer die eintreffenden Polizisten an. 45 mutmaßliche Täter wurden vorläufig festgenommen, teilte die Polizei am Donnerstagabend mit. Gegen sie wurden unter anderem Strafverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs eingeleitet. Bei der Durchsuchung ihrer Fahrzeuge stellte die Polizei neben Pflastersteinen auch Transparente und Flugblätter mit rechten Parolen sicher.

Dem bundesweiten Anti-NPD-Protest schloss sich auch SPD-Chef Kurt Beck an: "Alt- und Neonazis darf kein Raum für ihre menschenverachtende Ideologie gelassen werden", sagte er auf der zentralen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Mainz. DGB-Chef Michael Sommer ergänzte: "Es ist nicht hinnehmbar, dass Justiz und Verwaltungen nicht in der Lage sind, Nazi-Provokationen an unserem 1. Mai zu verhindern."

ler/AFP/dpa/AP/ddp


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