Berlin - Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber seit dem 11. September 2001 ist fast jeder Terrorist ein Muslim: Mit diesem berühmten Satz nahm der saudi-arabische Journalist Abd al-Rahman al-Raschid vor einigen Jahren die Muslime gegen pauschale Vorwürfe in Schutz - und sprach zugleich eine unbequeme Wahrheit aus.

Mohammed Bouyeri, der Mörder von Theo van Gogh, besuchte eine salafistische Moschee.
Der Salafismus ist weder ein Orden noch ein Verein. Er ist keine Sekte, keine Rechtsschule und kein Terrornetzwerk. Der Salafismus ist eine Strömung, die quer zu all diesen Kategorien verläuft. Als Salafisten werden jene Muslime bezeichnet, die sich in allem allein am Vorbild des Propheten Mohammed und der ersten Generation von Gläubigen ("al-Salaf al-Salih": "Die frommen Altvorderen") orientieren. Der Koran gilt für sie uneingeschränkt und wörtlich, die 14 Jahrhunderte lange Geschichte der islamischen Theologie lassen sie weitestgehend außer Acht.
Für sie gilt vor allem eines: Das goldene Zeitalter des Islam muss wieder belebt werden. "Was wir in der modernen Gesellschaft versuchen, ist es, eine Generation zu formen, die fast identisch ist mit der des Propheten", sagt zum Beispiel Fawaz Jneid, ein bekannter niederländischer Imam der salafistischen Schule.
Unter diesem breiten ideologischen Dach haben wiederum verschiedene Strömungen Platz: Die unpolitischen Salafisten, die sich nur um Glaubensdinge kümmern, ebenso wie die nichtmilitanten Salafisten, die zwar politische Forderungen stellen, sie aber nicht mit Gewalt durchsetzen wollen.
Und schließlich die dschihadistischen Salafisten, die ihre Version einer idealen Welt herbeibomben wollen. Al-Qaida und Co. zum Beispiel.
Jetzt geht es um Ideen
Der Einfluss des Salafismus, hat nun eine aktuelle Untersuchung des niederländischen nationalen Koordinators für die Terrorbekämpfung ergeben: Er steigt. Mit den gebotenen Einschränkungen (es gibt eben auch friedliche Salafisten) ist das eine beunruhigende Erkenntnis.
Und die Niederlande scheinen kein Einzelfall zu sein. Die Studie verweist auf ähnliche Ergebnisse in Frankreich. In Deutschland wiederum befand eine Untersuchung des Landeskriminalamtes Sachsen aus dem vergangenen Jahr, auch hierzulande sei mit der Expansion von Salafisten-Netzwerken zu rechnen.
Es ist noch relativ neu, dass sich westliche Sicherheitsbehörden mit Personenkreisen beschäftigen, die man unter dem Oberbegriff Salafisten fassen kann. Lange standen Organisationen und Vereine im Fokus. Es ging um steigende oder sinkende Mitgliederzahlen und antisemitische Artikel in Vereinszeitschriften, um Kabalen bei Vorstandswahlen und Vermögenswerte.
Jetzt geht es um Ideen und ihre Verbreitung. Die niederländische Studie beschreibt etwa, wie Salafisten Moscheen kapern: Immer mehr von ihnen erscheinen dort zum Gebet, engagieren sich in der Gemeinde - und wenn sie stark genug sind, putschen sie den Imam weg und ersetzen ihn durch einen der ihren. Solche Fälle sind relevant - auch wenn keiner der betroffenen Mitgliedsbeiträge an irgendeine Organisation abführt.
Die Situation in den Niederlanden und in Deutschland ist nicht unähnlich: Bestimmte Moscheen können als salafistisch geprägt gelten. In den Niederlanden sind es vier, die genannt werden. Hierzulande dürften es mehr als ein Dutzend sein. Selbst, wenn es sich um moderate Salafisten handelt, wird von diesen Kanzeln am Freitagmittag oft dazu aufgerufen, sich nicht mit Ungläubigen abzugeben, auch nicht mit unfrommen Muslimen.
Immer mehr salafistische Prediger
Unter integrationspolitischen Gesichtspunkten ist schon das ein Problem. Gelegentlich kommt aber ein Sicherheitsproblem hinzu - in Form der dschihadistischen Salafisten.
Wieso Kritiker Razzien für das falsche Mittel halten
Mohammed Bouyeri, der Mörder der Filmemachers Theo van Gogh, besuchte einer der vier herausgestellten niederländischen Moscheen. An einer zweiten wurden 2002 13 Islamisten festgenommen, denen Terrorplanungen vorgeworfen wurden. Drei salafistischen Imamen erklärten die niederländischen Behörden formal, dass sie unerwünscht seien - unter anderem, weil sie reisenden Terrorrekruteuren nicht entschieden entgegengetreten waren.Trotz des verstärkten Drucks, heißt es in dem Report, sei in den Niederlanden unterdessen "keine Eingrenzung" der salafistischen Ideologie nachweisbar. Im Gegenteil: Es gebe immer mehr und immer jüngere salafistische Prediger ebenso wie eine steigende Zahl unterwanderter Moscheen. Allerdings sei keine dieser Einrichtungen offen dschihadistisch; die Sorge ist freilich, dass sie es im Verborgenen doch sind. Diese Einschätzung hegt jedenfalls der niederländische Inlandsgeheimdienst, heißt es in der Studie.
Für die Behörden stellt sich die Frage, wie man auf die salafistische Szene reagiert. Während in Großbritannien gerade debattiert wird, ob man nur noch oder auch mit gewaltbereiten Salafisten redet, hat das Landeskriminalamt Bayern vor wenigen Wochen einen ganz anderen Ansatz gewählt - und eine groß angelegte Razzia durchgeführt. In Verlagsgebäuden, Privatwohnungen und Moscheebibliotheken verschafften sich Beamte Zutritt und beschlagnahmten Dokumente, Bücher, DVDs und Rechner.
Razzien in Deutschland
Es war kein besonders gut gehütetes Geheimnis, dass es bei der Aktion darum ging, der Szene klarzumachen, dass sie unter Beobachtung steht. Noch sind die Asservate nicht komplett ausgewertet, aber bisher hat sich nichts Relevantes gefunden.
Nicht überall wird dieser Ansatz für sinnvoll erachtet. Die Razzia traf zwar durchaus einschlägige Personen der hiesigen Salafistenszene - es war aber kaum jemand dabei, der jemals zu Gewalt aufgerufen hat. Im Gegenteil: Die meisten Betroffenen vermeiden alle politischen Themen bewusst. Sie mit Razzien zu reizen, so Kritiker, befördert im schlimmsten Fall die Radikalisierung erst. In jedem Fall kippt es Wasser auf die Mühlen derer, die von einer grundsätzlichen Feindschaft aller Ungläubigen zum Islam ausgehen.
Was sind die Gründe dafür, dass der Salafismus eine ernstzunehmende Attraktivität hat? Die niederländischen Autoren geben zu, dass es mehr offene als beantwortete Fragen gibt. Man wisse kaum etwas über die Szene: Sehen Salafisten fern? Lesen sie Zeitung? Gehen sie wählen?
Mehr Predigten auf Niederländisch
Trotzdem spekuliert die Studie über mögliche Anknüpfungspunkte: Salafisten statteten Suchende mit einer starken Identität und einem sozialen Zusammenhalt aus; sie griffen zudem das weit verbreitete Gefühl auf, dass Muslime ungerecht behandelt werden - und kanalisierten es.
Hinzu komme, dass - im Gegensatz zu den Gepflogenheiten vieler moderater Moscheen - die nachwachsenden Salafistenprediger vielfach auf Niederländisch predigen. Für die zweite und dritte Generation von Einwanderern erleichtere das den Einstieg. Allerdings werde salafistische Literatur zunehmend ins Türkische übertragen. Dasselbe beobachten deutsche Behörden.
Erwartbar unbestimmt bleiben beide Berichte mit Blick auf die Frage, wie man der potentiellen Gefahr begegnen kann. Die deutsche Studie mahnt zunächst mehr Erkenntnisse an. Für einfache Lösungen sei das Problem zu komplex. So sei etwa nicht ausgelotet, ob die nichtmilitant-salafistische Seite bei der Eindämmung der Dschihadisten helfen könne. Sie betont zudem, dass die Szene sehr heterogen und nur lose vernetzt sei. Das erschwere eine Gefahreneinschätzung.
Die Niederländer spekulieren, dass eine veränderte Einstellung zum Salafismus in Saudi-Arabien auch in Amsterdam und Den Haag Folgen hätte - denn viele Institutionen der Salafisten würden durch Gelder von der Arabischen Halbinsel finanziert.
Zugleich deuten sie aber auch die Möglichkeit an, dass man sich an die Präsenz nichtmilitanter Salafisten eventuell schlicht gewöhnen müsse.
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