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1. Mai: Krawall-Ritual in Kreuzberg

Flaschen fliegen, Mülltonnen brennen - auch in diesem Jahr war Berlin-Kreuzberg  zum 1. Mai wieder Schauplatz für Krawall-Szenen. Autonome und Polizisten lieferten sich handfeste Auseinandersetzungen. Es gab mehrere Verletzte.

Berlin - Teilweise vermummte Demonstranten aus dem sogenannten schwarzen Block der autonomen Szene zettelten gegen 21.00 Uhr in Kreuzberg am Heinrichsplatz die Randale an, im Anschluss an eine nicht genehmigte Demonstration. Aus einer Gruppe von etwa 600 zum Teil vermummten Jugendlichen flogen nach Einbruch der Dunkelheit Flaschen, Feuerwerkskörper, Steine und Farbbeutel in Richtung der Polizeibeamten. Auch Mülltonnen wurden in Brand gesetzt. Mehrere Menschen erlitten Verletzungen. Einige kamen ins Krankenhaus. Genaue Zahlen dazu lagen gegen Mitternacht noch nicht vor.

Randale-Ritual zum 1. Mai: Ausschreitungen in Kreuzberg
REUTERS

Randale-Ritual zum 1. Mai: Ausschreitungen in Kreuzberg

Schwerpunkt der Randale war die Umgebung der Oranienstraße in Kreuzberg. Mit Blick auf die Ausschreitungen in früheren Jahren sagte ein Polizeisprecher: "Es gab bislang eher weniger Gewalt als im Vorjahr, aber mit Sicherheit nicht mehr." Trotz der Zusammenstöße sei "noch alles im Rahmen" geblieben. "Wir haben gehofft, dass es friedlich bleibt. Das Konzept war so aufgebaut. Aber Einzelaktionen bleiben nie aus", sagte ein weiterer Beamter. Mit einem Großaufgebot hatten die Polizisten die Situation rasch in den Griff bekommen. Mehr als 5500 Polizisten waren in Berlin am 1. Mai im Einsatz, davon allein rund 2800 im Stadtteil Kreuzberg. Sie setzten unter anderem Flutlicht ein, um die zum Teil vermummten Störer zu stellen und einzelne Täter herauszugreifen. Die Beamten nahmen am Abend rund 50 Krawallmacher fest. Die Gewalt ging laut Augenzeugen von den Demonstranten aus. Einige Randalierer waren noch minderjährig.

In den Abend- und Nachtstunden des 1. Mai kommt es in Berlin seit 1987 regelmäßig zu Krawallen. Im vergangenen Jahr gelang es erstmals, den Umfang der Gewalt einzudämmen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte in der RBB-"Abendschau" zu den Auseinandersetzungen, es gebe ein paar Leute, die seien nicht zu belehren, die wollten "es wissen". Unter denen, die sich am Abend an den gewalttätigen Aktionen beteiligten, seien deutsche, türkische und arabische Kids. Der Senator fügte hinzu, es sei schwierig, ein Ritual, das sich in mehr als 15 Jahren entwickelt habe, in kurzer Zeit zurückzudrehen. Er sei dennoch optimistisch, dass Kreuzberg in dieser Nacht "nicht aus dem Ruder läuft".

Nur wenige Stunden vor dem Ausbruch der Randale hatte die Polizei noch die Hoffnung geäußert, dass die Gewalt in diesem Jahr ausbleiben könnte. "In den Vorjahren war um diese Zeit in Kreuzberg schon immer eine Lauerstimmung von potenziellen Störern zu spüren - diesmal ist es anders", hatte ein Polizeisprecher am Montagabend noch gegen Einbruch der Dunkelheit erklärt.

Die Randalierer am Heinrichplatz hatten bereits seit etwa 18.00 Uhr versucht, das "Myfest" rund um den Mariannenplatz zu stören - allerdings zunächst vergeblich. Mehrere tausend Anwohner und Besucher wollten ihre friedliche Party nicht den Randalierern überlassen. Deshalb zogen die Störer weiter. Bei dem Fest war es auch in den Vorjahren zu gewalttätigen Störungen besonders in den späten Abendstunden gekommen. Die Kreuzberger versuchen seit einigen Jahren mit dem "Myfest", der alljährlichen Verwüstung ihres Stadtteils etwas entgegenzusetzen. Ungeachtet der Krawalle feierten sie denn auch auf mehreren Bühnen in Kreuzberg bis in die Nacht hinein weiter.

Walpurgisnacht blieb vergleichsweise ruhig

In der Nacht vor dem 1. Mai war es im Vergleich zu anderen Jahren in Kreuzberg recht ruhig geblieben. Laut Polizei war die diesjährige Walpurgisnacht die ruhigste seit Jahren. In der Vergangenheit war es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und der Polizei gekommen, bei denen es auch zahlreiche Verletzte gab. Polizeipräsident Dieter Glietsch erklärte, das Konzept der "ausgestreckten Hand" in Verbindung mit raschem Vorgehen gegen einzelne Störer habe sich bewährt. Die Polizei setzte in Kreuzberg Beamte in Zivil ein, die sich in ihrer Kleidung von den Demonstranten nicht unterschieden.

Den Angaben zufolge nahmen in der Nacht zum 1. Mai rund 2000 Personen an den Feiern im Mauerpark und am Boxhagener Platz im Osten Berlins teil. Ebenso viele Polizisten waren im Einsatz, um Ausschreitungen zu verhindern. Die Feiern seien in friedlicher und fröhlicher Stimmung verlaufen, teilte die Polizei mit. Lediglich am Boxhagener Platz flogen für kurze Zeit Steine und Flaschen. Die Beamten konnten die Situation rasch beruhigen. Insgesamt wurden den Angaben zufolge 65 Personen festgenommen, die meisten von ihnen bei Vorkontrollen wegen des Besitzes von Drogen oder gefährlicher Gegenstände.

Schon im vergangenen Jahr waren die Walpurgisnacht und der 1. Mai deutlich friedlicher verlaufen als in den Vorjahren. Damals waren bei vereinzelten Ausschreitungen 52 Polizisten und ein Randalierer verletzt worden. 2004 hatten noch 250 Polizisten bei Krawallen Verletzungen erlitten.

fok/dpa/ddp/Reuters

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