100 Tage "Hurrikan K" Präsident Nestor Kirchner lüftet Argentinien durch

Gewählt wurde er, weil alle anderen Kandidaten noch schlechter schienen. Jetzt, 100 Tage nach Amtsantritt, liebt Argentinien seinen Präsidenten Nestor Kirchner, der gegen die Korruption im bankrotten Pampa-Staat kämpft und den Argentiniern das zurück gibt, was sie lange verloren hatten: Hoffnung.


 Der "Wirbelsturm aus der Pampa": Argentiniens Präsident Nestor Kirchner hat in seinen ersten 100 Tagen die Korridore der Macht in Buenso Aires ordentlich durchgelüftet
REUTERS

Der "Wirbelsturm aus der Pampa": Argentiniens Präsident Nestor Kirchner hat in seinen ersten 100 Tagen die Korridore der Macht in Buenso Aires ordentlich durchgelüftet

"Hurrikan K", so nennen sie ihn. Und wirklich hat Nestor Kirchner es in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit geschafft, im von der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte gebeutelten Argentinien für frischen Wind zu sorgen. Der linksliberale Peronist hat sich dazu mit der Polizei und dem immer noch mächtigen Militär angelegt, deren Spitzen er wenige Tage nach seinem Amtsantritt komplett auswechseln ließ. Erst vor wenigen Tagen setzte er dann die Aufhebung der Amnestie-Gesetze durch. Jetzt können Handlanger und Spitzenmänner der Militärjunta, die von 1976 bis 1983 in Buenos Aires herrschte, für die bis zu 30.000 politischen Morde belangt werden. Kirchner hat damit ein Signal gesetzt: Hier wird sich etwas ändern, bedeutet Kirchners hartes Durchgreifen den Argentiniern.

Dem Ausland soll der Reformkurs Vertrauen zurückgeben: Argentiniens Ansehen sank innerhalb weniger Jahre von dem des Wirtschaftsmotors Südamerikas zu dem der korrupten Bananen-Republik. In dem der frühere Präsident Menem das Staatsflugzeug "Tango 1" taufte und mit Halbedelsteinen verkleiden ließ und Fernando de la Rua, als Argentinien schon bankrott war, Wahlkampf machte mit dem Slogan: "Man sagt, dass ich langweilig bin...".

Nestor Kirchner war am 25. Mai ein schweres Erbe angetreten. "Sollen doch alle verschwinden" skandierten die Massen in Buenos Aires, als nach zwei Jahren und drei Präsidenten eine erneute Wahl anstand. Die Argentinier, die innerhalb weniger Jahre von einem quasi europäischem Lebensstandard in einen sozialen Abgrund abgestürzt waren, waren verbittert, wütend, ratlos. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze.

 Die "Mütter der Plaza de Mayo" hoffen, dass unter Kirchner das Schicksal ihrer durch die Militärs ermordeten Angehörigen endlich aufgeklärt wird
AP

Die "Mütter der Plaza de Mayo" hoffen, dass unter Kirchner das Schicksal ihrer durch die Militärs ermordeten Angehörigen endlich aufgeklärt wird

Gerade mal 22 Prozent der Wahlberechtigten glaubten, dass der lispelnde Gouverneur der südpatagonischen Provinz Santa Cruz, den Pampa-Staat aus der Krise führen konnte. Viele machten aus ihrer Verachtung für die politische Klasse keinen Hehl und legten Salamischeiben und Klopapier in die Briefumschläge für die Wahlzettel.

Dass 100 Tage später 90 Prozent der Argentinier ihren Glauben an die Politik wieder gefunden haben und bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Equis angeben, dass die Kirchners Amtsführung unterstützen, ist eine Entwicklung, die die Presse in Buenos Aires mit ungläubigem Staunen registriert.

Kirchners Geheimnis ist, dass er nicht hinter verschlossenen Türen agiert. Da der manchmal linkisch wirkende ehemalige Provinzpolitiker innerhalb der eigenen Partei keine breite Basis hat, ist er auf die Unterstützung des Volkes angewiesen. Um sich die zu sichern, scheut Kirchner auch vor populistischen Auftritten nicht zurück.

Er war keine elf Tage im Amt, da griff er vor laufender Kamera den korrupten Vorsitzenden des argentinischen Verfassungsgerichts Julio Nazareno an. Der Jurist "sei Teil einer Vergangenheit, die sich weigere, das Verb "sich ändern" zu konjugieren" verkündete Kirchner, Nazareno nahm daraufhin seinen Hut. Ähnliche Fälle folgten.

Belohnt wurde Kirchner für sein hartes Durchgreifen im Inneren nicht nur vom Wahlvolk, dass seinem neuen Präsidenten einen "K-Effekt" zuschreibt. Kirchners Antrittsbesuch im Weissen Haus wurde wohlwollend um einige Wochen vorgezogen, sieben europäische Staatschefs empfingen den argentinischen Präsidenten bereits.

 Prostest gegen die Krise. Anfang 2002 gab es bei Zusammenstößen und Krawallen in Buenos Aires Tote und Verletzte
AFP

Prostest gegen die Krise. Anfang 2002 gab es bei Zusammenstößen und Krawallen in Buenos Aires Tote und Verletzte

Kirchner nutzte seine Europa-Reise im Julio, um zu beweisen, dass er auch international keine Konfrontationen scheut: Gleich bei seinem Antrittsbesuch machte er dem englischen Premier Tony Blair klar, dass Verhandlungen über die Souveranität der Falkland-Inseln wieder aufgenommen werden müssten. Blair reagierte kühl, zu Hause in Buenos Aires aber wurde Kirchner gefeiert. Der Anspruch, den Argentinien auf die Malvinas, wie die Inseln im Atlantik im Spanischen heißen, hegt, ist Teil der nationalen Identität des Landes, ihn zu verteidigen für die durch die Wirtschaftskrise tief in ihrem nationalen Stolz getroffenen Argentinier eine Frage der Ehre. Doch auch wenn Kirchner auf dem richtigen Weg scheint, Argentinien zu einem vertrauenswürdigen Land mit unabhängiger Justiz, unbestechlichen Beamten und verantwortungsvollen Politikern zu machen: Noch ist die Krise nicht überstanden.

Die Arbeitslosigkeit des Agrarlands liegt nach wie vor bei 17 Prozent. Dass das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr 2003 um 6,5% wuchs, liegt eher an den technischen Korrekturen nach dem Zusammenbruch von 2002 als an einem echten Aufschwung. Einen realistischen Entschuldungsplan für das Land am Rio de la Plata hat auch Kirchner noch nicht vorlegen können. Argentinien steht mit mehr als 140 Milliarden Euro bei Weltbank, IWF und Internationaler Entwicklungsbank in der Kreide.

Doch durch seinen stürmischen politischen Stil, der in Buenos Aires längst "Kirchnerismo" heißt, hat er Argentinien etwas wiedergegeben was es lange verloren war: Den Glauben an die Zukunft - und den so wichtigen Vertrauensvorschuss beim Internationalen Währungsfond.



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