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15 Jahre Massaker von Sivas: Die Auferstehung der Aleviten

Von Ferda Ataman

Vor 15 Jahren wurde ein Hotel in der Türkei in Brand gesteckt - während drinnen 37 Aleviten starben, feierten draußen Tausende Muslime ihren Tod. Das Pogrom wurde zum Fanal: Seitdem kämpft die religiöse Minderheit der Aleviten um Anerkennung. In Deutschland sogar mit Erfolg.

Berlin - Der Wissenschaftler Martin Sökefeld stieß per Zufall auf die Aleviten. Als er 1993 nach Hamburg-Altona zog, lag seine Wohnung direkt neben einem alevitischen Kulturzentrum. Bis dahin kannte er die unauffällige Religionsgemeinde aus der Türkei kaum. Aber wie auch? Die Frauen tragen weder Schleier noch Kopftuch, die Gemeinde glaubt ohne Dogma, Religion ist bei den Aleviten wirklich eine Privatsache.

Dass er zu einem Experten für diese Minderheit wurde, hat außerdem einen tragischen Hintergrund, der sich diese Woche zum 15. Mal jährt. Am 2. Juli 1993 - kurz nach Sökefelds Umzug nach Hamburg - gab es in der Türkei das sogenannte Massaker von Sivas - ein aufgebrachter Mob steckte ein Hotel in Brand, in dem Intellektuelle logierten, die zu einer alevitischen Feier in die Stadt gekommen waren. 37 von ihnen starben damals.

Aleviten-Protest in Köln: Eine inzwischen gut organisierte Bewegung
AP

Aleviten-Protest in Köln: Eine inzwischen gut organisierte Bewegung

Das stundenlange Martyrium wurde live im TV übertragen: Vor das Madimak-Hotel in Sivas strömten Tausende Sunniten, die Mehrheitsmuslime, die seit Generationen Vorurteile gegenüber Aleviten hegen, sie seien Ungläubige und Ketzer. Die Fäuste gen Himmel riefen die Sunniten "in Gottes Namen, wir haben genug von euch". Sie kamen gerade vom Freitagsgebet.

Die Aleviten im brennenden Hotel hatten die Wahl: Entweder in den Flammen sterben oder in die lynchlustige Meute springen. Denn Polizei und Feuerwehr griffen erst Stunden später ein - warum, ist bis heute nicht geklärt.

Es war nicht das erste Mal, dass ein wütender Mob Aleviten angriff. Pogrome hatte es schon im Osmanischen Reich gegeben und auch schon in der Türkischen Republik. Doch dieser Tag vor 15 Jahren hat sich ins alevitische Gedächtnis eingebrannt. Die türkische Regierung sprach von einem "traurigen Vorfall", stellte ihn jedoch als Auseinandersetzung zwischen politisch Linken und Rechten dar. Viele Aleviten sind darüber noch heute wütend.

Der Ethnologe Sökefeld arbeitete in den neunziger Jahren, nach dem Brandanschlag, in einem Hamburger Kulturzentrum, in dem sich auch viele Aleviten trafen. Dort erfuhr er, dass die Aleviten begonnen hatten, sich zu organisieren. Das war etwas Neues: Die unterdrückten Aleviten hatten sich bis dahin immer in "Takiye" geübt, was so viel bedeutet wie "die eigene Zugehörigkeit verbergen". Möglichst nicht auffallen in der neuen Heimat, das war bis dahin die Devise. In manchen Familien wussten nicht einmal die Kinder, dass sie Aleviten waren.

Doch der Vorfall in Sivas hat die "alevitische Bewegung" bestärkt, so Sökefelds Bewertung. Diese Bewegung setze sich vor allem in Deutschland für die Anerkennung ihrer Glaubensrichtung ein. Den Kampf der Aleviten in der Diaspora, endlich als eigene Religion akzeptiert zu werden, hat Sökefeld in einem neuen Buch zusammengefasst.

Aleviten werden inzestuöse Orgien nachgesagt

Der Brandanschlag von Sivas sei der Wendepunkt gewesen, sagt auch der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland (AGD), Ali Ertan Toprak, "das war die Auferstehung der Aleviten". Zusammen mit Zehntausenden anderen demonstrierte er an diesem Donnerstag in der Türkei gegen das Vergessen. "Nach Sivas haben wir rebelliert", erklärt Toprak mit Pathos in der Stimme, "wir haben beschlossen, dass wir unsere Kultur nicht mehr verbergen müssen." Es sei schließlich eine schöne Religion, die den Menschen ins Zentrum stelle. "Jedes Jahr kommen mehr Menschen nach Sivas", sagt Toprak, "um dem Staat zu zeigen, dass es uns gibt."

Wie viele Aleviten in der Türkei leben, ist unbekannt. Wissenschaftler gehen von etwa 20 Prozent der türkischen Bevölkerung aus, etwa 13 Millionen Menschen. Die Türkei erkennt das Alevitentum nicht als eigenständige Religion an, die Gläubigen gelten offiziell als Muslime. Daher haben Aleviten auch nur wenige Gebetshäuser, die meisten treffen sich zu ihren Gebetssitzungen, den "Cems", in den Wohnungen der Gemeindemitglieder.

Das ist einer der Gründe, warum es unter den türkischen Einwanderern in Deutschland überdurchschnittlich viele Aleviten gibt. Auch in Deutschland ist unklar, wie viele es genau sind - die Statistik unterscheidet bei Ausländern nur nach Staatszugehörigkeit. "Die Schätzungen schwanken zwischen 400.000 und 700.000", sagt Sökefeld.

Viele Deutsche haben das erste Mal von der Anwesenheit der Aleviten erfahren, als die Minderheit im vergangenen Jahr den Norddeutschen Rundfunk wegen Volksverhetzung verklagte. In einem "Tatort"-Krimi vergewaltigte ein alevitischer Vater seine Tochter. Dieses Motiv sei für die Aleviten vergleichbar gewesen mit einem deutschen Film, in dem ein geiziger jüdischer Kaufmann der Kindermörder ist, heißt es in Sökefelds Buch "Aleviten in Deutschland".

Der NDR-Krimi integrierte Jahrhunderte alte Verleumdungen in seinen Plot, ohne sie als solche zu entlarven. Unter vielen sunnitischen Muslimen kursieren Ammenmärchen und Vorurteile über Aleviten. "Es wird erzählt, die Aleviten feierten bei ihren Cem-Sitzungen inzestuöse Orgien und würden auch nicht davor zurückschrecken, mit der eigenen Mutter oder Schwester Geschlechtsverkehr zu haben", erklärt Sökefeld. "Da ist natürlich nichts Wahres dran."

Das Alevitentum: Religion oder kulturelle Zugehörigkeit?

Die Ereignisse um den "Tatort" machten aber auch etwas anderes deutlich: Die Aleviten haben es geschafft, von einer nicht wahrgenommenen Minderheit zu einer gut organisierten Gruppe zu werden. Für eine Demonstration in Köln mobilisierten sie nach der Ausstrahlung des "Tatorts" rund 20.000 Menschen. Inzwischen sind in Deutschland mehr als hundert Vereine im Alevitischen Dachverband AGD. Längst wächst hier eine Generation von Aleviten heran, für die es normal ist, sich als Aleviten zu bekennen.

Das zentrale Ziel der organisierten Minderheit ist die Anerkennung des Alevitentums. In Deutschland und in der Türkei. Inzwischen haben sie es sogar geschafft, in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden - was allen anderen muslimischen Dachverbänden bisher nicht gelungen ist. In vielen Bundesländern gibt es bereits alevitischen Religionsunterricht.

Um das in Deutschland zu erreichen, distanzieren sich Aleviten deutlich vom "sonstigen Islam". Zwar sind sie Anhänger von Ali, dem Neffen und Schwiegersohn des muslimischen Propheten Mohammed. Ali war für Aleviten der erste Imam. Doch die Frage, ob Aleviten damit gleichzeitig Muslime sind oder nicht, ist in der Gemeinde umstritten. Aus religionswissenschaftlicher Sicht heißt es: Das Alevitentum entstand aus muslimischen Traditionen. Doch für viele "Alevi", wie sie in der Türkei heißen, ist es vor allem eine Identität, eine kulturelle Zugehörigkeit.

Für Generalsekretär Toprak ist es beides: Glaube und Philosophie. Doch warum kehren viele Aleviten ausgerechnet in Deutschland zu ihrer religiösen Identität zurück? "Hier können wir uns endlich organisieren", erklärt Toprak. Und das sei auch immer noch nötig: Da, wo früher das Madimak-Hotel stand, das beim "Sivas-Massaker" abgebrannt ist, ist heute ein Kebab-Restaurant. "Verstehen Sie", sagt Toprak, "sie essen dort Fleisch, wo unsere Brüder verbrannt sind."

Bis heute verlangen die Aleviten vergeblich eine Gedenkstätte an dieser Stelle.

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