Festakt zum 150. Geburtstag der SPD Große Koalition für einen Tag

In Leipzig machen die Sorgen mal Pause: Beim Festakt zum 150. Geburtstag berauscht die SPD sich für einen Tag an sich selbst - und alle feiern mit. Die Kanzlerin klatscht, der Bundespräsident verneigt sich, der Parteichef strahlt. Aber leider ist auch die beste Party schnell vorbei.

DPA

Von und , Leipzig


Nein, Angela Merkel fährt nicht in einer der BMW-Limousinen mit dem Aufkleber "150 Jahre SPD" vor, die an diesem Donnerstag zu Dutzenden in Leipzig unterwegs sind. Das wäre dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben. Es ist ja ohnehin ein bemerkenswerter Vorgang, dass die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende in der Messestadt mit den Genossen feiert. Auch wenn sie es, ganz merkelesk, herunterspielt. "Ist ja nicht das Schlimmste, was mir passieren kann", sagt die Kanzlerin, als sie vor dem Gewandhaus vom frotzelnden Parteichef Sigmar Gabriel samt einer Schar führender Sozialdemokraten empfangen wird.

Dann blinzelt sie in die Sonne und winkt einmal in Richtung der aufgereihten Fotografen. Alle zollen sie der deutschen Sozialdemokratie Respekt an diesem Tag: Nach Merkel fährt das deutsche Staatsoberhaupt Joachim Gauck vor, Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle ist da und die Spitzen der anderen Parteien im Bundestag sowieso. Dazu Hunderte internationaler Gäste.

Alle feiern die SPD. Für einen Moment jedenfalls.

Klar, in vier Monaten sind Bundestagswahlen, und den Sozialdemokraten geht es nicht sonderlich gut. Der Kampf um die Macht scheint aussichtslos - aber für die nächsten zwei Stunden ist das vergessen: Die SPD berauscht sich zum 150. Geburtstag an sich selbst und irgendwie lassen sich davon alle anstecken, inklusive der Kanzlerin. Nur FDP-Generalsekretär Patrick Döring schafft es nicht, mal innezuhalten und giftet via Twitter aus dem rot ausgeleuchteten Gewandhaus.

Die Kanzlerin plauscht mit ihren Nachbarn

Merkel darf nicht reden, aber sie sitzt an prominentem Platz in der ersten Reihe. Links neben sich Gabriel, rechts Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments. Ihr Herausforderer, Peer Steinbrück, sitzt ein paar Meter weg. Sicherheitsabstand, gewissermaßen.

Sie fühlt sich an ihrem Platz nicht unwohl, soviel lässt sich beobachten. Mit ihren beiden Sitznachbarn hält die Kanzlerin während des Festakts ab und an einen Plausch. Als Frankreichs Präsident François Hollande, mit dem sie bekanntlich kein ganz einfaches Verhältnis hat, seinen Auftritt beendet, würdigt auch Merkel ihn mit stehenden Ovationen. Und selbst die Rede Gabriels begleitet sie mit wohlwollendem Applaus. Das gibt's nun wirklich nicht oft.

Gut gemacht, Sigmar!

Es ist ein ausgewogenes Programm, das die Genossen für ihren Festakt zusammengestellt haben, von Bebel bis Brandt, von Bach bis Breakdance. Gabriel ist der letzte Redner an diesem Vormittag. Der SPD-Vorsitzende tritt auf, nachdem ein paar drahtige Tänzer zehn Minuten lang wilde Leibesübungen auf der Bühne vollzogen haben. "Der François Hollande hat mir gerade gesagt, ich soll das auch machen", witzelt Gabriel. "Ich habe ihm gesagt: Nur, wenn die Merkel mitmacht." Das findet die Kanzlerin auch lustig.

Es ist überhaupt ein sehr kurzweiliger und kluger Auftritt des SPD-Chefs. Er nimmt die Kanzlerin noch einmal aufs Korn, aber auf elegante Art und Weise. Nach ein paar Minuten spricht er sie als "Frau Bundespräsidentin" an. Gemurmel im Publikum. "Was habe ich gesagt?", fragt Gabriel in den Saal. "Frau Bundespräsidentin? Ich bin der Zeit voraus." Lacher. "Aber dass jetzt keiner glaubt, das sei eine Verabredung." Noch mehr Lacher. Natürlich auch bei Merkel.

Gabriel liebt solche Sausen, an denen die SPD ihre Alltagssorgen vergessen und sich als letzte Instanz inszenieren kann, die noch die Welt verbessert. Er spricht eine halbe Stunde, was für ihn vergleichsweise knapp ist. Er widmet sich ausführlich der sozialdemokratischen Geschichte, kommt vom Kampf gegen die Klassenherrschaft, über den Kniefall Willy Brandts bis hin zu Gerhard Schröder und dessen Nein zum Irak-Krieg. Er begrüßt SPD-Mitglieder, die schon seit mehr als 80 Jahren in der Partei sind. "Bei uns", sagt Gabriel, "waren es immer die kleinen Leute, die Großes geleistet haben."

Jeder Geburtstag ist mal vorbei

Die Rede ist, trotz allem, nicht nur rückwärtsgewandt, denn Gabriel versucht, aus der Historie die Lehren für die Gegenwart abzuleiten. Die Idee der Freiheit erklärt er zur sozialdemokratischen Leitidee, den Kampf um die europäische Einheit zum zentralen Projekt seiner Partei. "Europa braucht eine zweiten Anlauf", ruft er. "Es muss sozialer werden und demokratischer. Man könnte auch sagen: sozialdemokratischer." Das tut vielen im Saal gut. Als Gabriel sich wieder setzt, langt Martin Schulz über die Kanzlerin hinweg und klopft dem SPD-Chef aufs Knie. Gut gemacht, Sigmar.

Auch die Worte eines anderen Gastes tun den Genossen übrigens gut, sehr gut sogar. Joachim Gauck hält eine äußerst wohlwollende Rede. Der Bundespräsident kommt auf so ziemlich alles zu sprechen, worauf die Genossen stolz sind. Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen, das Nein zum Ermächtigungsgesetz, Otto Wels' Rede im Reichstag 1933. "Das war die mutigste Rede, die je in einem deutschen Parlament gehalten wurde", sagt Gauck. Für ein neutrales Staatsoberhaupt ist es ein ziemlich roter Auftritt.

Kein Wunder also, dass man selten einen zufriedeneren Sigmar Gabriel erlebt hat als an diesem Tag in Leipzig. Am Ende steigt der Parteichef auf die Bühne zu den Musikern, den Sängern, den Schauspielern, die sich noch mal zum Schlussapplaus der großen SPD-Sause versammeln - und schüttelt eine Hand nach der anderen. Am liebsten würde er wohl noch bis zum Paukenspieler in der hintersten Reihe weitermachen.

Aber irgendwann ist halt jeder Geburtstag mal vorbei.

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
derbochumerjunge 23.05.2013
1. GroKo
"Große Koalition für einen Tag" Vielleicht der Vorgeschmack für das, was uns ab Herbst bevorsteht. Wäre mir aber recht - Hauptsache eine Regierung, in der "Grün" nicht vorkommt.
tanmenu 23.05.2013
2. Festakt
Zitat von sysopAPIn Leipzig machen die Sorgen mal Pause: Beim Festakt zum 150. Geburtstag berauscht die SPD sich für einen Tag an sich selbst - und alle feiern mit. Die Kanzlerin klatscht, der Bundespräsident verneigt sich, der Parteichef strahlt. Aber leider ist auch die beste Party schnell vorbei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/150-jahre-spd-beim-festakt-feiern-alle-mit-a-901561.html
Nichts zeigt besser wie dieser Akt, dass wir nur noch 2 Parteien im Bundestag haben. Den 155. Geburtstag können die Damen und Herren im Vereinsheim der Kolonie Kornblume in Berlin abhalten.
hubertrudnick1 23.05.2013
3. !50 Jahre und kaum etwas schlauer geworden?
Zitat von sysopAPIn Leipzig machen die Sorgen mal Pause: Beim Festakt zum 150. Geburtstag berauscht die SPD sich für einen Tag an sich selbst - und alle feiern mit. Die Kanzlerin klatscht, der Bundespräsident verneigt sich, der Parteichef strahlt. Aber leider ist auch die beste Party schnell vorbei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/150-jahre-spd-beim-festakt-feiern-alle-mit-a-901561.html
Statt das man sich feinern lässt, sollte man sich viel lieber um die Ideen von einst kümmern und das nicht nur vor Wahlen, dann könnte man auch mal wieder im Bund punkten. Die Gründer von einst würden sich heute in ihren Grab umdrehen, sicherlich weil sie von ihren Nachfolgern total enttäuscht sind. HR
BettyB. 23.05.2013
4. Eigentlich schade
Eigentlich sollte jedem Demokraten bekannt sein, dass die SPD ein politisch tragender Pfeiler der BRD war und ist. Dass sich selbst Konservative ond Liberale sozialdemokratischer Ideen angenommen haben ist dafür nur ein Zeichen. Somit disqualifiziert der peinliche Beitrag von Gathmann und Medick dummerweise beide Redakteure. Schade eigentlich. Nicht um ihren uf, sondern um SPON...
mehrgedanken 23.05.2013
5. letzte Hoffnung Obama
Zitat von sysopAPIn Leipzig machen die Sorgen mal Pause: Beim Festakt zum 150. Geburtstag berauscht die SPD sich für einen Tag an sich selbst - und alle feiern mit. Die Kanzlerin klatscht, der Bundespräsident verneigt sich, der Parteichef strahlt. Aber leider ist auch die beste Party schnell vorbei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/150-jahre-spd-beim-festakt-feiern-alle-mit-a-901561.html
letzte Hoffnung Präsident Obama :) von Atomkraft bis SPD plus Papst alles abgeräumt... bitte Präsident Obama! keinen Kniefall vor unserer Königin, das erträgt ein Demokrat nicht mehr. Ich empfehle jedem Leser eine phoenix-tv Runde mit Hr Dressler, er hatte Recht und wird Recht behalten was die Inhalte und Machtmöglichkeiten angeht.
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