20 Jahre Dialogpapier Wie SPD und SED die DDR destabilisierten

Es war eine kleine Sensation: Vor 20 Jahren druckten Zeitungen hüben wie drüben ein von SED- und SPD-Denkern verfasstes Grundsatzpapier. Die SPD konnte Formulierungen zur Diskussionsfreiheit durchdrücken - was Kritiker in der DDR fortan für sich als Recht reklamierten.

Von Franz Walter


Das war schon ein seltsamer Morgen, damals am 28. August 1987 in Ost-Berlin. Welchem Kiosk die Bürger der "Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik" auch zustrebten, ab 9 Uhr gelang es ihnen nicht mehr, an ein Exemplar des "Neuen Deutschland", des Organs des Zentralkomitees der SED, zu gelangen. Die Ausgabe von diesem Tag war restlos ausverkauft.

Erhard Eppler: Mitglied der Diskussionsrunde aus SPD und SED
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Erhard Eppler: Mitglied der Diskussionsrunde aus SPD und SED

Das war verblüffend genug, da ansonsten nicht einmal die beflissensten Kader des Staatssozialismus lustvoll danach drängten, sich das denkbar dröge Verlautbarungsorgan der Parteibürokratie in aller Frühe bereits zu Gemüte zu führen. Aber an diesem Freitag im späten Sommer 1987 war alles anders. Denn an diesem Tag hatte das "Neue Deutschland" ein tags zuvor im Osten wie Westen Deutschlands Vertretern der Presse bereits präsentiertes Dialogpapier dokumentiert, an dem außer den führenden Ideologen der SED auch die klügsten Theoretiker der SPD mitgeschrieben hatten. Das galt als Sensation - hüben wie drüben. In der mit medialer Pluralität nicht verwöhnten DDR war es weit mehr noch als in der Bundesrepublik ein spektakuläres Ereignis, das politisch elektrisierte.

Das Merkwürdige war, dass dieses Ereignis keineswegs von langer Hand geplant, durchaus nicht von den Führungen der Parteien zielstrebig und straff gesteuert worden war. So stellt man sich das zwar zumeist vor. Aber so geschieht es in der Politik, selbst in "totalitären" Regimen, tatsächlich nur in den seltensten Fällen, da dort zwischen den ursprünglichen Absichten und den schließlichen Resultaten kaum einmal eine gerade Linie verläuft.

Nicht ernst genommen

Die Herren Brandt und Honecker hatten 1983/84 nichts dagegen, dass sich ihre Theoretiker von Fall zu Fall zusammensetzten. Der eine, Brandt, war als Chef einer Oppositionspartei froh, wenn er aparte Aktivitäten überhaupt vermelden konnte. Der andere, Honecker, war in jenen Jahren eifrig darum bemüht, durch deutsch-deutsche Umtriebigkeiten Prestigepunkte für sich und den von ihm repräsentierten Staat zu sammeln. Doch besonders ernst nahmen sie die Diskussionsrunde ihrer Parteidenker im Übrigen nicht. Auch Honecker ließ sie über die Jahre bemerkenswert ungestört machen; als rundum willenslose Marionetten agierten die Vertreter der ostdeutschen "Akademie für Gesellschaftswissenschaften" in der Runde mit den Repräsentanten der "SPD-Grundwertekommission" jedenfalls nicht.

Alles begann im Februar 1984. Die Intellektuellen aus SPD und SED trafen sich in Wendisch-Rietz, einem Städtchen am Scharmützelsee. Das folgende Treffen fand dann im Schwarzwald statt. Und so ging das jeweils alternierend bis in das Jahr 1987 weiter. Anfangs war die Atmosphäre im Gesprächskreis noch recht steif; schließlich gab es noch keine Routinen im Verkehr zwischen Sozialdemokraten (West) und Kommunisten (Ost). Doch im Laufe der zweiten und dritten Zusammenkunft lockerten sich selbst die Hardcore-Ideologen auf der SED-Seite, die vom Mitglied des Zentralkomitees und Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der SED, Otto Reinhold, angeführt wurde. Auch Journalisten gutwilliger sozialliberaler Provenienz wurden mit der Zeit als Beobachter zugelassen. Einen geselligen Höhepunkt bildete ein gemeinsamer Kegelabend am Müggelsee, an dem deutsch-deutsche Herrenwitze fröhlich ausgetauscht wurden.

Dennoch, zu Kumpaneien, die später der SPD-Seite gern von Politikern der CDU/CSU unterstellt wurden, kam es nicht. Sozialdemokraten wie Richard Löwenthal, Peter von Oertzen, Johano Strasser und Erhard Eppler - der die westdeutsche Delegation leitete - waren harte Kritiker des Marxismus-Leninismus und unopportunistische Individualisten. Vor allem der frühere Juso-Theoretiker Johano Strasser machte seinen SED-Kontrahenten durch bissige Polemiken das Leben schwer.



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knarfe, 27.08.2007
1. Falsche Prämisse?
Zitat von sysopEs war eine kleine Sensation: Vor 20 Jahren druckten Zeitungen hüben wie drüben ein von SED- und SPD-Denkern verfasstes Grundsatzpapier. Die SPD konnte Formulierungen zur Diskussionsfreiheit durchdrücken - was Kritiker in der DDR fortan für sich als Recht reklamierten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,502059,00.html
Was ist oder war an der Ausgangsprämisse falsch (Seite 2 des Artikels)? Zumal ja letztendlich genau das passiert ist was man daraus als einzig möglichen Weg geschlußfolgert hat. Die Leute haben die Reformen bzw. Veränderungen selbst in die Hand genommen. Was raus kommt wenn man Systemwechsel mit kriegerischen Mitteln vesucht, kann man ja an einigen aktuellen Beispielen sehr gut studieren, und da gab es weder eine Nukleares Problem, noch nennenswerte konventionelle Streitkräfte. Das soll der Herr Walter mal erläutern, was daran falsch war, mit Rhetorischen Trickformulierungen, ist es da nicht getan.
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