20 Jahre Einheit Deutschland feiert sich

Hunderttausende auf den Straßen und der Versuch einer großen Rede: Am Jahrestag der Wiedervereinigung kommen Gänsehaut-Gefühle auf. Bei der zentralen Feier in Bremen allerdings gelingt Bundespräsident Wulff kein rhetorisches Glanzstück - er müht sich mit Akzenten beim Thema Integration.

dapd

Von , Bremen und Berlin


Die Fassade des Reichstags ist erst in Schwarz-Rot-Gold, dann ins Blau der Europafahne getaucht, die ersten Takte der "Ode an die Freude" heben an, das Feuerwerk spritzt in den Himmel. Gänsehaut-Atmosphäre in Berlin wie damals in jener Nacht vor 20 Jahren, als Deutschland zur Mitternacht wiedervereinigt war.

Viele Akteure von damals sind zum Festakt vor dem Reichstag gekommen. Auf einer Tribüne, gehüllt in Decken, sitzen der einstige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Altkanzler Helmut Kohl, die letzte Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher oder Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident.

Zehntausende stehen hinter den Absperrungen, verfolgen das Geschehen auf Großleinwänden. Auf den Straßen rund um das Brandenburger Tor feiern insgesamt eine Viertelmillion Menschen den Jahrestag, 400 Künstler traten auf. Die zentrale Einheitsfeier aber fand, den Prinzipien des Föderalismus geschuldet, diesmal in Bremen statt. Insgesamt rund 350.000 Menschen hat die Stadt übers Wochenende angezogen - und den Bundespräsidenten.

Christian Wulff ist angetreten, um seine erste bedeutende Rede im Amt zu halten. Es ist der Präsidenten-Test. Wulffs Themen: Einheit auf der einen, Zuwanderer auf der anderen Seite.

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Tag der deutschen Einheit: Trabi, Party, Gorbi

Fünfzehn Minuten dauert es, bis er das Fenster öffnet und der deutschen Integrationsdebatte Frischluft zuführt. Er sei auch der Präsident der Muslime, sagt er in der "Bremen Arena". Christentum und Judentum gehörten zweifelsfrei zu Deutschland, "aber der Islam inzwischen auch".

Dies sind seine zentralen Sätze.

Wulffs Worte fallen in eine Zeit hitziger Debatten, in denen zuletzt der SPD-Politiker Thilo Sarrazin per Buch und der niederländische Rechtsaußen Geert Wilders per Berlin-Besuch die Agenda zu prägen und Muslime als intellektuelle und demografische Bedrohung des Abendlands darzustellen suchten.

Nur von Christian Wulff war in der Sache bisher nichts zu hören. Wozu aber hat man einen Bundespräsidenten, wenn er nicht für Orientierung in solchen Fragen sorgt?

"Wer unser Land verachtet, muss mit Gegenwehr rechnen"

Nun hat Wulff geliefert. Er hat eine Rede gehalten, die kein Glanzstück war, aber auch kein totaler Ausfall. Ein echter Wulff eben: der Präsident macht es allen recht, eckt nicht an, setzt aber so auch keine Botschaften, die länger als 24 Stunden in Erinnerung bleiben. Kurz gesagt, seine Aussagen bleiben sehr allgemein.

So bezeichnete er die Integrationsdebatte als "durchaus notwendig" - man dürfe sich nur nicht "in eine falsche Konfrontation treiben" lassen und "Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen" nicht zulassen. Gleichzeitig stellte Wulff Forderungen an Migranten: Sie müssten das Deutsche beherrschen und akzeptieren, dass deutsches Recht und Gesetz gelten: "Für alle - wir sind ein Volk." Wer sich nicht daran halte, "wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen".

Wulff hat keine Erinnerungsrede an Deutschlands Wiedervereinigung gehalten. Er hat die Ereignisse von 1989 und 1990 für die aktuelle Debatte genutzt: den Mut und den Veränderungswillen von damals für die Gegenwart eingefordert. Und dafür nur eine halbe Stunde benötigt.

Richtig überraschen kann das alles nicht. Aber es ist solides Präsidentenhandwerk, wie es vor ihm auch die Präsidenten Roman Herzog, Johannes Rau und Horst Köhler beherrschten.

Nur mit einem ist es nicht vergleichbar: mit Richard von Weizsäcker. Der 3. Oktober 2010 könne sein 8. Mai 1985 werden, haben Wohlmeinende Wulff im Vorfeld seiner Rede gesagt. Das war eine Anspielung auf jene Weizsäcker-Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, den der damalige Präsident als "Tag der Befreiung" deutete - und damit in die Geschichtsbücher einzog.

Wulff-Rede zum Tag der Deutschen Einheit

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Aber kann eine Jahrhundertrede der Maßstab sein, der an Wulffs erste programmatische Präsidentenrede anzulegen ist? Nein. Sagen sowohl Vertreter von Regierung und Opposition nachher im Foyer.

Kaum einer hat offenbar erwartet, dass ihn Wulffs Rhetorik vom Stuhl reißen würde. Es sei eine gute Rede gewesen, die Themen lägen auf der Hand, meint etwa Innenminister Thomas de Maizìere (CDU). Und man habe an Wulffs Sprechweise gemerkt, "er war aufgeregt". Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagt "gut" und "okay" und dass es nicht sonderlich emotional gewesen sei.

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) meint, dass Deutschland lernen müsse, "attraktiv zu sein für Talente aus aller Welt". Und dem früheren DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz gefällt, dass Wulff seine verstorbene Mitkämpferin Bärbel Bohley in seiner Rede gewürdigt und den historischen Zugang zum 3. Oktober "nicht über die Großkopferten wie Kohl, Bush und Gorbatschow gesucht, sondern die Einheit von unten beschrieben" habe.

Wulff hat jedem etwas geboten.

In einem ARD-Interview räumt er zudem Fehler in seinen ersten 100 Tagen ein: "Wo Menschen sind, werden immer Fehler gemacht." Er habe seine Amtszeit nach dem überraschenden Rücktritt seines Vorgängers "als Blitzstart" angefangen. Klar ist: Nach all dem Ärger um seinen Urlaub im mallorquinischen Luxusdomizil eines Unternehmerfreundes und um die niedersächsische Filz-Affäre mit dem Vorwurf illegaler Wahlkampffinanzierung an frühere Helfer Wulffs, ist es an diesem Sonntag noch ganz ordentlich gelaufen für ihn.

Sängerwettstreit von der Wartburg?

Daran ändert sogar Joachim Gauck nichts. Der im Juni erst nach drei - für Wulff äußerst quälenden - Wahlgängen unterlegene Gegenkandidat um die Präsidentschaft hatte seinen großen Auftritt zur Einheit schon einen Tag vor Wulff. Am Samstag sprach er im Berliner Abgeordnetenhaus.

Es war eine herausragende Rede. Und natürlich wusste der frühere DDR-Bürgerrechtler um den Duellcharakter, der in seinen Auftritt hineingedeutet würde. Deshalb stellte er gleich klar, es handele sich eben nicht um einen "Sängerwettstreit von der Wartburg" - sondern um ein "Miteinander von unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten".

Koketterie? Klar ist: Gauck hat seinen Auftritt genossen.

Wo der 70-Jährige sich einer bilderreichen Sprache bediente ("Wer Herren stürzen kann, vor dem stürzen Mauern ein"), da ist Wulffs Sprache kühler ("Die Ostdeutschen haben sich selbst aus der Diktatur befreit, ohne Blutvergießen"). Wo Gauck selbst Erlebtes berichten kann, muss Wulff auf Zitate anderer zurückgreifen.

Im Vergleich zu den Feiern in Berlin wirkte manches in Bremen skurril. Etwa jener auf Großleinwand projizierte Zuspieler von der internationalen Raumstation aus dem All, der Wulffs Rede vorausging. Darin erklärt der Astronaut Douglas etwas über die Forschungsarbeiten da oben; Astronautin Sharron sagt, wie toll das mit der deutschen Einheit ist; und Kosmonaut Fjodor fügt noch ein paar unverständliche Sätze hinzu.

Dass da zumindest in der Inszenierung noch eine Menge Luft nach oben besteht, zeigt später die Feier vorm Reichstag, die Bundestagspräsident Norbert Lammert organisiert hat. Eine rhetorische Herausforderung an Wulff allerdings verkneift sich der Mann, der normalerweise gern auf die Macht seiner Worte setzt. Er hält nur eine knappe Ansprache, fordert zu "stillem Stolz und lautem Dank" auf.

Dann ertönen die Hymnen.

insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
Jolly65 03.10.2010
1. ...
Mir ist seine Rede egal, er ist der erste Bundespräsident, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren kann - er ist ein Büttel der Regierung. Jolly65
heuwender 03.10.2010
2. Bitte
was haben sie von Wulf erwartet,sicher nicht eine bessere Rede,oder???Er ist und wird milchig bleiben.
wika 03.10.2010
3. Farbloses Einheitsgrau…
… da lohnt es fast der Berichterstattung nicht. Hätte denn jemand etwas anderes vom Leiter der präsidialen Außenstelle des Kanzleramtes erwartet? Wir wissen doch bis heute nicht ob er auch rechtmäßig gewählt wurde, da solche Themen eher tabu sind und unterm Deckel gehalten werden. Siehe die Vorkommnisse in NRW zur Wahl des Bundespräsidenten… *Präsidentenwahl ungültig? http://qpress.de/2010/07/05/prasidentenwahl-ungultig/* Seit seiner Wahl hat jedenfalls das Amt des Bundespräsidenten wahrlich gelitten und er wird wohl kaum mehr als ein Frühstücksdirektor werden, jedenfalls kein Akzente-Setzer. Und so bekommt das Volk oftmals das, was es nicht verdient. Ist aber auch nicht das erste mal in der Geschichte so. Halten wir ihn also noch einige Jahre geduldig aus.
onzapintada 03.10.2010
4. Wulff hebt sich wohltuend von Merkel ab
Zitat von sysopErster Test im neuen Job - und Bundespräsident Wulff bleibt sich treu: Seine Rede zum 20. Jahrestag der Einheit ist kein rhetorisches Glanzstück, aber auch nicht wirklich schlecht. Beim Thema Integration versucht er, Akzente zu setzen, doch seine Aussagen wirken sehr vage. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,720986,00.html
Sie war angesichts der sozialen Spannungen im Land sogar ganz gut. Man stelle sich vor, ein Gauck hätte hier Öl ins Feuer giessen dürfen. Wulffs zentraler Satz hätte auch von der Linkspartei kommen können: "Wer sich zur Elite zählt, ... und sich seinerseits in eine eigene abgehobene Parallelwelt verabschiedet auch der wendet sich von dieser Gesellschaft ab. Leider haben wir genau dieses in der Finanzkrise erlebt. Niemand sollte vergessen, was er auch dem Zufall seiner Geburt ... zu verdanken hat" Immerhin, und das tut gut, hebt sich Wulff hier ab von der Neoliberalen Regierung, die nur auf Spaltung aus ist.
boam2001, 03.10.2010
5. Gäääääähhhhhn !
Wulffs Rede ( und auch die anderen bleiernen Reden ) zur Einheit interessiert mich nicht die Bohne. Alles nur staatstragendes und zugleich wirklichkeitsfremdes Gerede - eben an den Problemen der Menschen auf der Straße vorbei. Die Politik ist halt eben eine Parallelgesellschaft (wie viele andere auch), eine Gesellschaft, die sich von den wirklichen Problemen im Lande abkoppelt und ab und zu - wenn die Gelegenheit sich bietet - irgendetwas Verbales absondert, welches die Menschen auf der Straße eh´nicht interessiert.
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