20 Jahre Hauptstadt Berlin Wie die Bonn-Fans bekehrt wurden

Berlin als Hauptstadt? Die Entscheidung vor 20 Jahren löste heftigen Streit aus, nicht nur in Bonn regte sich Widerstand gegen einen Umzug von Regierung und Parlament. SPIEGEL ONLINE zeigt die Gegner von einst - und wie sie heute zur Hauptstadt stehen.

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Berlin - Norbert Lammert kommt aus Nordrhein-Westfalen, Bonn war ihm ans Herz gewachsen. Als vor 20 Jahren die Debatte begann, ob Legislative und Exekutive vom Rhein an die Spree verlagert werden sollte, gehörte er zu den entschiedenen Gegnern.

"Ich teilte die Sorge, dass Berlin als Hauptstadt im Ausland ein historisches Bild deutscher Großmachtträume bedienen könnte", sagt Bundestagspräsident Lammert heute im Rückblick.

Am 31. August 1990 war Berlin im Einheitsvertrag als Hauptstadt des vereinten Deutschland bestimmt worden. Der Satz in Artikel 2 allerdings barg politischen Sprengstoff für die nahe Zukunft: "Die Frage des Sitzes von Parlament und Regierung wird nach der Herstellung der Einheit Deutschlands entschieden."

Heftig wurde in den darauffolgenden Monaten gerungen. Es war ein Mix aus höchst unterschiedlichen Motiven, das die Berlin-Gegner antrieb.

  • Der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose, jetzt Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, sagt: "Ich hatte ein bisschen Angst vor einem wiedererwachenden Nationalbewusstein."
  • Der Liberale Werner Hoyer, heute Staatsminister im Auswärtigen Amt, sagt: "Wie keine andere Stadt verkörperte Bonn das demokratisch verfasste Nachkriegsdeutschland."
  • Sozialdemokrat Joachim Poß befürchtete "ökonomisch gesehen negative Folgen" für Bonn.
  • Andere, wie den CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis, trieben auch profane Gründe um. "Einmal liegt mein Heimatort Kleinkahl bei Aschaffenburg viel näher an Bonn als an Berlin. Mit dem Auto benötige ich etwa zwei Stunden, um von Haustür zu Haustür zu gelangen. Dies ist natürlich jetzt mit Berlin etwas schwieriger geworden", sagt er.

Sehr knapper Sieg der Berlin-Fans - dank der PDS

Quer durch die Parteien gingen die Fronten. Am 20. Juni 1991 fasste der Bundestag in Bonn einen historischen Beschluss: Das Parlament, das Kanzleramt und der weitaus größte Teil der Ministerien sollten nach Berlin umziehen. Vorangegangen war eine zehnstündige turbulente Debatte.

Die Ironie der Geschichte wollte es, dass am Ende die Abgeordneten der damaligen PDS, der SED-Nachfolgerin, den Ausschlag gaben - sie stimmten fast geschlossen für Berlin und sicherten so die knappe Mehrheit von 338 zu 320 Stimmen. Wäre es nach der Mehrheit der westdeutschen Abgeordneten gegangen - Berlin wäre nur Hauptstadt, ohne Regierung, ohne Parlament, eine funktionslose Hülle. Als Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth das Ergebnis zur Nachtstunde damals verkündete, ging es im Jubel fast unter.

Die Nerven vieler waren angespannt, es flossen Tränen - auf beiden Seiten.

"Vollendung der Einheit Deutschlands" - so lautete der Titel des siegreichen Antrags. Eigentlich aber war er ein klassischer Kompromiss. Denn vollendet wurde nur ein Teil - bis heute arbeiten noch immer mehr Bundesbeamte in Bonn als in Berlin, 9000 gegenüber 8000. Die Stadt am Rhein erhielt erhebliche Kompensationen für den Bedeutungsverlust. Berlin dagegen laboriert - trotz Tourismus-Booms und vielversprechender Entwicklungen - noch immer an den Folgen der dramatischen Deindustrialisierung nach der Einheit.

Forderungen nach endgültiger Verlagerung

Im 20. Jahr der Einheit wäre es Zeit für eine neue Debatte über den Unsinn der Zweiteilung. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat es diese Woche im SPIEGEL-Interview klar ausgedrückt: "Es ist doch ein Aberwitz, wie viel da bis heute gependelt wird. Damit muss nun Schluss sein. Wir müssen den Rest der Regierung endlich nach Berlin holen."

Selbst einstige Gegner des Umzugs haben sich mit der neuen Hauptstadt versöhnt, wie eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE unter Abgeordneten des Bundestags ergab, die einst 1991 gegen Berlin und für den Verbleib in Bonn votierten. "Berlin ist eine faszinierende Metropole, die nicht nur mich, sondern auch die zahlreichen Besuchergruppen aus meinem Wahlkreis in ihren Bann zieht", sagt der frühere Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU).

Offen bekennt auch Sozialdemokrat Klose, er habe einst die "falsche Entscheidung getroffen". Er sei heute ein "richtiger Berlin-Fan". Joachim Poß, nach der Nierenspende von Frank-Walter Steinmeier derzeit Fraktionschef der SPD, bekennt offenherzig, er sei "im Nachhinein froh darüber", dass er überstimmt worden sei. Und auch der FDP-Fraktiongeschäftsführer Jörg van Essen sagt: "Ich würde heute keine Sekunde zögern, für Berlin zu stimmen."

Auch wenn die Sympathien für die neue Hauptstadt mit den Jahren gewachsen sind, am Bonn-Berlin-Gesetz von 1994 will so mancher nicht rütteln. Bundestagspräsident Lammert meint: Das Gesetz habe eine faire Aufgabenteilung beider Städte geschaffen - "und alle Beteiligten haben nun Anspruch auf Verlässlichkeit bei einmal getroffenen Entscheidungen".

Das sieht der CSU-Politiker Hinsken anders: Die endgültige Aufteilung zwischen Bonn und Berlin warte immer noch auf eine Klärung - "damit das Hin- und Herpendeln der zahlreichen Beamten entfällt".

Die Vollendung der Einheit, sie steht immer noch aus.

insgesamt 1085 Beiträge
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Seite 1
rotte, 31.08.2010
1.
Zitat von sysopDeutschland, was hast Du nur für eine Hauptstadt! Aufregend, kreativ, glanzvoll, arm, hässlich, brutal - geteilt, aber anders als früher. Eine Weltstadt, schon 20 Jahre lang im Werden. Wie sehen Sie Berlin - als eine aufregende Hauptstadt oder nur als Möchtegern-Metropole?
Berlin wird künstlich hoch gejubelt. Melztiegel. Keine ruhigen Nächte. Habe keine guten Erinnerungen.
Wallenstein, 31.08.2010
2. Berliner Luft .... stinkt
Zitat von sysopDeutschland, was hast Du nur für eine Hauptstadt! Aufregend, kreativ, glanzvoll, arm, hässlich, brutal - geteilt, aber anders als früher. Eine Weltstadt, schon 20 Jahre lang im Werden. Wie sehen Sie Berlin - als eine aufregende Hauptstadt oder nur als Möchtegern-Metropole?
Meine Erfahrungen in Berlin. Viele Stellen an den uriniert wird. Da stinkts. Ist das die berüchtigte Berliner Luft, Luft, Luft??? Die ähnelt der, wenn man in Frankfurt vor die Tür geht. Es gibt in Berlin nichts, was es man auch woanders haben kann. Musicals, Theater in Hamburg, Bochum, Köln, Stuttgart, München. Discotheken habe ich auch woanders zu hauf. In anderen Städten ist die Kneipendichte größer. Da dürfen sich die Berliner gar nix einbilden. Ich musste nirgendswo so weit bis zu nächsten Kneipe laufen wie in Berlin. Da holte man sich fast schon Blasen an die Füße. Die Arroganz vorallem der West-Berliner, alles um sie herum sei Provinz, kann man nur müde belächeln. Die Ostberliner waren mir symphatischer. Die waren nicht so arrogant.
CAJ, 31.08.2010
3. Andersherum
Zitat von sysopDeutschland, was hast Du nur für eine Hauptstadt! Aufregend, kreativ, glanzvoll, arm, hässlich, brutal - geteilt, aber anders als früher. Eine Weltstadt, schon 20 Jahre lang im Werden. Wie sehen Sie Berlin - als eine aufregende Hauptstadt oder nur als Möchtegern-Metropole?
Berlin ist eine Hauptstadt über die man sich immer mehr "aufregen" muß.
Wallenstein, 31.08.2010
4. Hoch gejubelt
Zitat von rotteBerlin wird künstlich hoch gejubelt. Melztiegel. Keine ruhigen Nächte. Habe keine guten Erinnerungen.
Ja aufgrund des Kalten Krieges. Diese Propaganda in den Unterhaltungsshows im Fernsehen vor der Wende, immer der Extra-Gruß nach Berlin. Dieses Gejuble. Einfach affig. Verbrausen unser Geld.
kdshp 31.08.2010
5.
Zitat von sysopDeutschland, was hast Du nur für eine Hauptstadt! Aufregend, kreativ, glanzvoll, arm, hässlich, brutal - geteilt, aber anders als früher. Eine Weltstadt, schon 20 Jahre lang im Werden. Wie sehen Sie Berlin - als eine aufregende Hauptstadt oder nur als Möchtegern-Metropole?
Hallo, ganz klar als Möchtegern-Metropole! Wenn die bundespolitik nicht dort wäre würde von berlin nix übrig bleiben außer das da mal ne mauer stand. Ach doch ja das die stadt pleite ist und da war mal was mit politik und banken.
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