Von Simon Book, Hoyerswerda
Wenn Olaf Dominick, 48, von Hoyerswerda erzählt, dann spricht er von einer Stadt, die sich gegen das Vergessen stemmt. Hoyerswerda, das sei eine "ganz normale Stadt, mit ganz normalen Problemen", sagt Dominick. Wegzug, Überalterung, Leerstand - das sind die drängenden Themen für den Leiter des Büros von CDU-Oberbürgermeister Stefan Skora.
Dominick erzählt, wie sich die Bevölkerung der Stadt innerhalb von zwanzig Jahren dezimiert habe, von fast 70.000 auf nur noch 37.000 Menschen. Wie die "Schlafstadt" des Kombinats "Schwarze Pumpe" nach der Wende von der Vollbeschäftigung zu mehr als zehn Prozent Arbeitslosen kam. Wie die Unternehmen ausblieben, auch, weil die Stadt im Ruf stand, ein Hort für Neonazis zu sein.
Wenn Toni Schmidt (Name von der Redaktion geändert), 23, von Hoyerswerda erzählt, dann spricht er von einer Stadt, die alles tut, um zu vergessen. Und von Politikern, die die Verhältnisse schön redeten und die Opfer außen vor ließen. Oberbürgermeister Stefan Skora hält dagegen. Man könne und wolle nicht vergessen, was geschehen sei. Die Ereignisse von 1991 gehörten nunmal zur Stadtgeschichte, sagt er. Doch die Stadt sei eine andere geworden.
Seinen richtigen Namen will Toni Schmidt nicht nennen, aus Angst vor den Neonazis, wie er sagt. "Wir können jungen Menschen nur empfehlen wegzuziehen", sagt Schmidt. Er ist Mitglied von der Initiative "Pogrom '91", einer linken Gruppierung, die für eine andere Erinnerungskultur in der Stadt kämpft. Schmidt berichtet von Partys, auf die man nicht mehr gehen könne, ohne mit einem Nazi feiern zu müssen. Von Einkaufszentren und Märkten, die von Rechten dominiert seien und von Politikern, die Tourismus und Investoren in die Stadt locken wollten und deshalb das Thema bewusst klein hielten.
Hoyerswerda - dieser Name bewegte im September 1991 die ganze Nation. Von der "Jagdzeit in Sachsen" sprach der SPIEGEL (40/1991) und beschrieb in "Lieber sterben als nach Sachsen" eine Serie rechter Gewalt in ganz Deutschland, mit der "Schlacht von Hoyerswerda" als trauriger Höhepunkt. Seitdem verbindet ein ganzes Land mit der Stadt in der Oberlausitz Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz und Rechtsextremismus.
Der Staat kapitulierte vor dem braunen Mob
Mehrere Nächte lang, vom 17. bis zum 23. September, wurde Jagd auf Ausländer gemacht. Angefangen hatte alles mit acht Skinheads, die vietnamesische Markthändler beschimpften. Am Ende flogen Stahlkugeln und Brandflaschen rechter Randalierer auf eine Asylbewerberunterkunft und ein Gastarbeiterquartier. Ein Mob von bis zu 500 Menschen belagerte die Gebäude. Die Polizei zeigte sich machtlos, schließlich ließ das Land die Ausländer mit Bussen wegbringen. Der Staat kapitulierte vor dem braunen Mob, die Anwohner klatschten Beifall, johlten und schmissen ihnen Steine hinterher. Die gerade wiedervereinigte Bundesrepublik blickte voller Abscheu und Fassungslosigkeit nach Hoyerswerda. Über 30 Menschen wurden verletzt.
Seitdem ist Hoyerswerda eine Stadt auf Bewährung. Viel Positives ist passiert. Es gibt ein neues evangelisches Gymnasium, es gibt den christlichen Verein junger Menschen, der Jugendbegegnungen in der Stadt ermöglicht. Es gibt eine "Initiative Zivilcourage" und die Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen.
Und es gibt die Ausstellung über die Ereignisse im September 1991. Sie ist untergebracht in einem sieben mal sieben Meter großen, zweistöckigen Kasten, idyllisch nahe dem Fluß Schwarze Elster. Normalerweise ist hier eine Ausstellung zur Stadtgeschichte zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung entschuldigte sich Bürgermeister Stefan Skora als erstes Stadtoberhaupt bei den Opfern der Übergriffe.
Die Bürger von Hoyerswerda können nun in der unteren Etage der Box, einem dunklen, kalten Raum, Polizeiberichte, Presseausrisse und Fotos der Woche ansehen, in der sich der Hass Bahn brach.
Eine Etage darüber, lichtdurchflutet und einladend, geht es um das Hoyerswerda von heute. Die Stadt will zeigen, wie offen sie gegenüber fremden Kulturen geworden ist. Von allen vier Seiten des Raumes lächeln übergroße Gesichter von Einwohnern: "Ich lebe gern in Hoyerswerda, weil die Hoyerswerdaer so freundlich sind", verkündet Hoan Pham Ngoc. "Ich lebe gern in Hoyerswerda, weil ich die Ruhe in Hoyerswerda genieße und meine Kinder hier aus Gymnasium gehen", steht neben dem Bild von Geso Sharif.
Es ist der Versuch der Stadt, sich ein weltoffenes, multikulturelles Image zu geben. Aber fest steht auch: Nur 1,2 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer, und rechte Gedanken gibt es auch hier noch immer. Als vor kurzem zwei der damals Vertriebenen mit einem Kamerateam nach Hoyerswerda zurückkamen, zum Gastarbeiter-Wohnheim in die Albert-Schweitzer-Straße 21, wurden sie von einer Gruppe Neonazis beschimpft und angegriffen. "Mach die Kamera aus", riefen sie, "Bimbofotze".
NPD-Aufkleber pappen an den Häuserwänden
Dort, wo früher die DDR-Gastarbeiter zu viert in einem Zimmer geschlafen haben, leben heute häufig die Menschen, deren tägliche Beschäftigung darin besteht, mit einem Kissen auf der Fensterbank zu lehnen und die Kinder beim Spielen zu beobachten. Deren Auskommen vom Staat abhängt, die angewiesen sind auf niedrige Mieten und auch empfänglich für dumpfe Nazi-Parolen. NPD-Aufkleber pappen an den Häuserwänden der elf Stockwerke hohen, grauen DDR-Platte, die sich über zehn Hausnummern zieht. Im Volksmund wird sie nur die "Mauer" genannt. An die Wände der Durchgänge sind SS-Runen geschmiert, auf den Bänken sitzen Frauen mit "Thor Steinar"-Kapuzenpullis, einer in der Szene beliebten Marke.
An die Ereignisse von 1991 erinnert hier nichts mehr. Dort, wo früher das Asylbewerberheim stand, findet sich keine Gedenkstätte. Stattdessen eine grüne Wiese.
Für Toni Schmidt ist das bezeichnend. Mit "Pogrom '91" kämpft er für ein Mahnmal. "Die Stadt will das Thema beerdigen", kritisiert er. "Die wollen das Stigma der rechten Hochburg loswerden und sich nicht mit Extremismus auseinandersetzen." Er selbst habe mit Opfern von damals gesprochen. Auch sie wünschten sich eine Erinnerungstafel, um ihren Kindern zeigen zu können, was hier einmal passierte. Auch Jens-Uwe Röhl, Mitglied in der Initiative Zivilcourage und Vorstand der örtlichen Kulturfabrik sagt: "Ich bin enttäuscht von der Politik der Stadt zu dem Thema - sowohl in der Form, als auch in der Quantität." Die Stadt versicherte jüngst, dass man einem Denkmal offen gegenüber stehe.
Für Friedhart Vogel, 70, der damals Pfarrer in Hoyerswerda war, ist die Diskussion über ein Denkmal dagegen müßig. Wichtiger sei es doch, Zeit und Geld in konkrete Projekte zu stecken, findet er. Jetzt habe man ja die Ausstellung. Bei einer Gedenkstätte bestehe auch die Gefahr, "dass es beschmiert wird. Das gäbe wieder negative Schlagzeilen".
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