20 Jahre Mauerfall Rendezvous mit der Revolution

Die Welt zu Gast in Berlin: Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls feiern Präsidenten und Premiers, Honoratioren und Nobelpreisträger das neue Deutschland und Europa. Angela Merkel genießt ihre Rolle als Tochter der Einheit, und der Regen wäscht der Stadt den Geschichtsstaub aus den Kleidern.

Von Claus Christian Malzahn


Berlin - Früher war alles besser, auch das Wetter. In jener Nacht 1989, nach der nichts mehr so sein sollte wie vorher auf der Welt, leuchteten die Sterne über der Stadt. Und am nächsten Tag tanzten Zehntausende unter einem strahlendblauen Novemberhimmel auf den Zinnen der Mauer. Sieht man ja auf jedem Foto.

Heute dagegen: Nieselregen, fünf Grad. Die Kanzlerin braucht einen Regenschirm, ihre Begleiter auch. Und so verschwinden die Helden und Honoratioren des 9. November 1989 unter bleichem Synthetikstoff, sie marschieren über frischen schwarzen Asphalt, eingerahmt von blankgewaschenen Stahlträgern, die sich mit der Bornholmer Brücke in den Himmel heben.

Aber was Berlin an Idylle fehlt, hat die Stadt noch immer mit Mythen wieder wettgemacht. Und so huldigen Kanzlerin Angela Merkel, der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und der einstige polnische Arbeiterführer Lech Walesa an historischer Stelle dem Epochenwandel, der hier vor 20 Jahren an der Berliner S-Bahn-Trasse zwischen Wedding und Prenzlauer Berg begann.

"Bevor das Glück der Freiheit kam, haben viele auch gelitten", sagt die Kanzlerin, und ein paar ältere Zuhörer nicken. Ein paar tausend Menschen säumen die Brücke, ein paar Dutzend rufen "Gorbi! Gorbi!", denn er steht ebenfalls auf der Bornholmer Brücke. "Wallennnsa! Wallennnsa!", schreit ein aufgeregter Bürger immerzu, aber Walesa und Gorbatschow genügen sich an diesem Tag im Begleitprogramm. Was sie zu sagen hatten, ist ja auch schon lange gesagt.

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Feiern zum Mauerfall: Blumen, Domino und eine Bronzebüste

Ein "Feiertag für ganz Europa" sei dieser 9. November - so fasst die Kanzlerin die Quintessenz dieses Brückenspaziergangs zusammen. Viele Bürgerrechtler von damals sind in ihrer Nähe, ihre Namen kennt man heute kaum noch: Erhard Neubert, Roland Jahn. Irgendwann wird man Spielfilme über diese Leute und ihre abenteuerlichen Geschichten drehen. Heute wird sich nur mit Worten erinnert. Dann spricht Merkel, unsichtbar fürs Volk am Brückenbürgersteig, noch ein paar Worte in die Kameras und eilt zum nächsten Termin.

Der 9. November ist Merkels politischer Geburtstag

Merkel wurde an einem 17. Juli geboren, aber der 9. November 1989 ist ihr politischer Geburtstag. Helmut Kohl mag der Vater der Einheit sein, Angela Merkel ist wie keine andere deutsche Politikerin ihre Tochter. Vor 20 Jahren hat sie um die Ecke in der Schönhauser Allee gewohnt, zehn Minuten von der Bornholmer Brücke entfernt. Sie ist nachts noch los, kurz Dönerbuden und Eckkneipen gucken im rauen Wedding, aber keine Safari zum leuchtenden Ku'damm. Am nächsten Morgen saß sie brav am ihrem Schreibtisch im Institut für physikalische Chemie in Adlershof.

20 Jahre später tourt sie in schwarzen Limousinen durch die Stadt und empfängt die Großen von Heute und Gestern. Gorbatschow und Walesa gehören quasi zum Stammprogramm des Mauerfalls, aber in diesen Tagen platzt die Stadt vor Prominenz. US-Außenministerin Hillary Clinton hat am Sonntagabend schon im Hotel Adlon gesprochen und mit ihrem legendären Vorgänger Henry Kissinger geflirtet. An diesem Abend des 9. November läuft die Kanzlerin mit Clinton sowie Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder durchs Brandenburger Tor, bevor sie dann dort über die "wahrhaft glückliche Stunde der Deutschen" spricht und ebenfalls eher salbungsvollen Reden der Kollegen zuhört - bis hin zu Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der auf Deutsch verkündet: "Wir sind Berlin."

Worte zur Wende

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Merkel hat neben dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew Friedensnobelpreisträger wie Südafrikas Ikone Nelson Mandela und Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan geherzt und dem diplomatischen Korps die Hände geschüttelt, bis es schmerzte. Nur Barack Obama fehlt an diesem Jubeltag, weil ihn seine Berater auf Symbol-Diät gesetzt haben. Der US-Präsident muss jetzt Politik machen.

Berlin befindet sich also in fürsorglicher Belagerung. Wer irgend kann und darf, möchte teilhaben am historischen Glanz, den die novembergraue Stadt ausstrahlt. Eine Konferenz jagt die nächste; jedes Tagungsmotto steht im Zeichen des Mauerfalls, die Themenpalette kann gar nicht breit genug sein.

"Jede Lösung geht einher mit der Eintrittskarte für neue Schwierigkeiten"

Der zehnte Weltgipfel der Friedensnobelpreisträger diskutiert - natürlich unter Gorbatschows Vorsitz - über den Weltfrieden, Gewaltfreiheit und soziale Missstände. Eine wissenschaftliche Konferenz vis-à-vis vom Ostbahnhof beschäftigt sich unter anderem mit der Bekämpfung von kindlicher Fettsucht, 3-D-Fernsehen von morgen und bioenergetischen Robotern. Auch MTV hat seine Preise diesmal natürlich in Berlin präsentiert, und wenn es auch keine musikalischen Überraschungen gab, hatte Beyoncé zur Freude der ganzen Welt immerhin ein ziemlich freizügiges Kleid an.

Freiheit. Die Vokabel fehlt in keiner Rede, keinem Grußwort, doch je öfter die Präsidenten und Honoratioren Frau Libertas bemühen, desto matter hallt es nach.

Nur manchmal fallen auf den gestanzten Konferenzen noch Sätze, die in der Hitze des eiligen Redeprogramms nicht gleich wieder verdampfen. Am 9.11.1989 war der Kalte Krieg zwar so gut wie zu Ende, murmelt ein weiser Henry Kissinger am Sonntagabend im Hotel Adlon am Brandenburger Tor. "Aber jede Lösung für ein Problem geht einher mit einer Eintrittskarte für neue Schwierigkeiten." So spricht der Staatsmann und fügt dann strahlend hinzu: " I like Hillary!" Und die erwidert bester Laune: "I like you too, Henry."

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Chronik: Der Tag, an dem die Mauer fiel
So werden im Schatten des Mauergedenkens ganz nebenbei noch ein paar Tomahawks begraben im preußischen Sand. Und dann parliert Deutschlands neuer Außenminister Guido Westerwelle zehn Minuten lang vor der transatlantischen Entourage auf Englisch - ohne Manuskript, ohne große Fehler. So leistet eben jeder seinen Beitrag zur Erinnerungskultur, so gut er eben kann.

Altkanzler Helmut Kohl, ein paar Jahre jünger als Kissinger, ist kaum noch zu verstehen, wenn er spricht. Zwei Drittel seiner Reden, die er im Rollstuhl hält, gehen unter. Er hört sich meistens nur noch selbst, aber manchmal blitzt es noch. "Ich hatte nichts Besseres, stolz zu sein, als die Einheit", sagt Kohl im Friedrichstadtpalast, eingerahmt zwischen Ex-US-Präsident George Bush Senior und Gorbatschow auf einer der vielen international besetzten Rückblicksrunden. Kohls Satz klang klein und bescheiden. Doch wer genau hinhörte, vernahm die Worte eines großen Europäers, den seine Gegner stets zum tumben Pfälzer stempelten.

"Der Mauerfall zeigt, was jeder einzelne bewegen kann"

Angela Merkel saß im Publikum, und weil auch Bundespräsident Horst Köhler auf dieser Konferenz gesprochen hatte, blieb die Kanzlerin stumm, so wollte es das Protokoll. Ein paar Termine später aber greift Merkel Kohls Sentenz zu Stolz und Einheit auf und sagt am Montagmittag auf der "Falling Wall Conference 2009": "Mir fällt nichts Besseres ein als die Europäische Union."

Den europäischen Staatsoberhäuptern, die heute mit ihr durchs Brandenburger Tor laufen, sicher auch nicht.

Das Wetter ist zwar noch bescheidener als am Nachmittag auf der Bornholmer Brücke. Gleich fallen die bunt bemalten Quader um, die den alten Grenzverlauf markieren. Es reicht schon ein kleiner Stoß. So einfach war es damals zwar nicht, aber, sagt Merkel, "der Mauerfall zeigt, das jeder Einzelne etwas bewegen kann!"

Es gießt in Strömen, der Regen wäscht den Berlinern einmal mehr den Geschichtsstaub aus den Kleidern. Keiner redet an diesem 9. November von der "kommoden Diktatur" wie weiland Günter Grass, keiner verwandelt die DDR rückblickend in ein harmloses Ampelmännchen-Regime. "Das ist heute ein schöner Tag für uns!", ruft Merkel den Berlinern auf der Brücke zu - und zwischen zwei Tempotüchern hagelt es Applaus.

Happy Birthday, Kanzlerin.

Happy Birthday, neues Deutschland.

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derweise 31.10.2009
1. Außenpolitisch
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
c++ 31.10.2009
2. ritualisierter Vergangenheitsbewältigung
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner Geschichte ...", "Aufgrund des historischen Erbes...". Und da wollen die Genossen schon nach 20 Jahren aus ihrer historischen Schuld entlassen werden. Nein, Genossen, noch über 40 Jahre muss das Gedenken an den DDR-Sozialismus in Deutschland allgegenwärtig sein. Da darf es nicht zu Verharmlosungen und Relativierungen kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit begann 1968, 23 Jahre nach dem Zusammenbruch. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur müsste jetzt mal langsam beginnen. Ansonsten hat Platzeck natürlich Recht. Wer die DDR als Irrweg sieht, sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennt, warum sollte man da Barrieren errichten? Allerdings wirklich nur dann, wenn es keine DDR-Nostalgiker sind. Und die gibt es noch in der Linken. Noch ist die Einsicht in das Unrecht nicht ausgelöscht, der Schoß ist fruchtbar noch.
goethestrasse 31.10.2009
3.
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
mursilli 31.10.2009
4. Mit oder ohne Hoffnungen
Zitat von sysopZwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer darf Bilanz gezogen werden. Nach großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen bleiben für viele Deutsche die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Welche Hoffnungnen weckte der Mauerfall, welche konnten Ihrer Meinung nach erfüllt werden?
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
ArbeitsloserMathematiker 31.10.2009
5.
Zitat von derweiseAußenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
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