2010-Bilanz Sarrazin vergleicht Merkels Kritik mit Heiliger Inquisition

Er fühlt sich missverstanden, nicht richtig gelesen, verfolgt. Mit seinen Thesen brachte er es zum umstrittensten Mann des Jahres - nun zieht Thilo Sarrazin Bilanz: Er habe gegenüber manchen Kritikern tiefe Verachtung entwickelt, schreibt er in der "FAZ" und greift Kanzlerin Merkel und Präsident Wulff an.

Autor Sarrazin: Merkel habe sich verhalten "wie früher die Heilige Inquisition"
dapd

Autor Sarrazin: Merkel habe sich verhalten "wie früher die Heilige Inquisition"


Eine rote Weihnachtsmannmütze hat Thilo Sarrazin auf dem Kopf. Er lugt hinter schneebedeckten Tannenbäumen hervor, blickt von der Seite in die Kamera. Halb hat er sich schon einer Hütte zugewandt, über deren Eingangstür ein Schild Glühwein verspricht.

Das Foto steht in der Weihnachtsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die dem umstrittenen Autor von "Deutschland schafft sich ab" ihre Feuilleton-Titelseite freigeräumt hat. Im zugehörigen Text zieht Sarrazin Bilanz über sein 2010, verkündet, 1,2 Millionen Exemplare seines Buches verkauft zu haben - und schreibt von tiefer Verachtung gegenüber seinen Kritikern.

"Lektionen eines Jahres", steht im Vorspann des "FAZ"-Artikels. Im August war Sarrazins Buch erschienen, es entzündete eine hitzige Diskussion über Integrationspolitik und über den Autor selbst - unter anderem wegen seiner Thesen über Muslime, Türken und die Erblichkeit von Intelligenz. Er musste als Vorstand der Bundesbank zurücktreten, und die SPD-Führung arbeitet daran, ihn aus der Partei auszuschließen. Was also hat Sarrazin aus 2010 gelernt?

Er gibt sich gewohnt selbstbewusst als einer, der Unbequemes ausspricht: "Ich habe etwas gesagt, das man aus der Sicht der Einen keinesfalls denken geschweige denn sagen darf, und eben der Umstand, dass ich dies gesagt habe, löst die Begeisterung der Anderen aus", schreibt Sarrazin.

"Eher weniger Zivilcourage als in der Weimarer Republik"

Merkel habe sein Buch mit der Äußerung, es sei nicht hilfreich, auf den Index gesetzt - "so wie es früher die Heilige Inquisition tat", schreibt Sarrazin und behauptet, er habe niemanden beleidigt. Nach der scharfen Kritik an seinem Buch sei er immer wieder Passagen im Buch daraufhin durchgegangen, "ob Fakten tendenziös dargestellt waren oder die Sprache kränkend war", sagt der ehemalige Vorstand der Bundesbank. "Ich fand aber nichts." Dem haben allerdings Experten wie die Psychologin Elisabeth Stern widersprochen, auf die sich Sarrazin stützt.

Sarrazin greift außer Merkel auch Bundespräsident Christian Wulff an und wiederholt dabei seine Kritik am Islam. Er zitiert Goethe, der "von der totalitären Gefahr" des Islam mehr verstanden habe "als heute die Redenschreiber unseres Bundespräsidenten".

Der Autor fühlt sich missverstanden - ein öffentliches Urteil sei gefallen, "ohne dass das Buch wirklich bekannt war". Es sei kommentiert, aber nicht gelesen worden. Vor denjenigen, "die verurteilten, ohne gelesen zu haben", habe er eine tiefe Verachtung entwickelt. Mehr aber auch nicht: "Zornig war ich nur kurze Zeit." Erst mit der wachsenden Zahl der Leser sei ein "Gegengewicht in der öffentlichen Meinung" entstanden. In Politik und Medien sieht er heute "eher weniger Zivilcourage und wirklich unabhängiges Denken als in der Weimarer Republik oder in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik".

Sarrazin beschreibt auf fast rührselige Art auch Begegnungen mit Menschen auf der Straße: "Die junge Frau indischer Herkunft", "der türkische Taxifahrer" etwa oder "der Hauptschullehrer aus Mainz" - sie alle hätten ihm die Hand geschüttelt, gedankt, Recht gegeben. Ob sie sein Buch gelesen haben, schreibt er nicht.

bim



insgesamt 619 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolf_68, 24.12.2010
1. :)
Zitat von sysopEr fühlt sich missverstanden, nicht richtig gelesen, verfolgt. Mit seinen Thesen brachte er es zum umstrittensten Mann des Jahres - nun*zieht Thilo Sarrazin Bilanz: Er habe gegenüber manchen Kritikern "tiefe Verachtung" entwickelt, schreibt er in der "FAZ" und greift Kanzlerin Merkel und Präsident Wulff an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736526,00.html
Hier der einleitende Wortlaut aus der FAZ, bevor die Terrier wieder zubeissen: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können Soeben teilt mir der Verlag mit, dass sich mein Buch "Deutschland schafft sich ab" 1,2 Millionen Mal verkauft hat. Noch ist Zeit, es der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten unter den Weihnachtsbaum zu legen. Christian Wulff sollte man auch Goethes "West-östlichen Divan" schenken, damit er nicht mehr verharmlosend daraus zitiert. Goethe wusste vor zweihundert Jahren mehr vom Islam als unser Bundespräsident. Lektionen eines Jahres.Von Thilo Sarrazin Oft werde ich gefragt, wie ich mich fühle als Autor eines gleichermaßen gefeierten wie geschmähten Sachbuchs, das in kurzer Zeit alle Verkaufsrekorde seit Erfindung der Verkaufsstatistik gebrochen hat.
Marvel Master 24.12.2010
2. kein titel
Na ja, dass bekannte Politiker solche Aussagen kritisieren müssen sie ja auch. Immerhin wird man sonst von der Presse als Nazi dargestellt, wenn man den Aussagen zustimmen würde. Nach dem Lesen des Buches bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Sarrazin zu 80% Recht hat. Bis auf seine Aussagen bezüglich dem Genetik Quatsch. Keine Ahnung was er sich dabei gedacht hat. Völliger Schwachsinn. Und das ist auch einer der Hauptangriffspunkte. Damit hat er sich echt keinen Gefallen getan. Den restlichen 80% vom Buch kann man aber so zustimmen. VG Marvel
dklausing, 24.12.2010
3. Sarrazin
Wer solche Standpunkte wie Herr S. vertritt, sollte damit rechnen, dass er Widerspruch und derbe Kritik auslöst und sich nicht darüber beklagen. Aber so wie er es jetzt macht, nämlich provozieren durch teilweise hanebüchene und nachgewiesen falsche Aussagen und dann losweinen, das geht gar nicht. Schade, dass so viele sein Buch gekauft haben.
p6606 24.12.2010
4. Armer schwarzer Kater
Früher sagte man, wer austeilt, der muss auch einstecken können. Theo konnte und kann bis heute aber nur das Erste. Das aber nicht besonders oder geschickt.
diskus1723 24.12.2010
5. Meine Güte...
Müssen Sie Herrn S. und seinen Thesen sowie seinen viele deutschen Fans denn auch noch am 24.12 ein Sprachrohr bieten?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.