30 Jahre Grüne Die Protest-Beamten

Er begann in linken Buchhandlungen, WGs und Bioläden - und führte direkt in die politische Mitte: Niemand symbolisiert den Weg der Grünen von der Protest- zur Funktionärspartei besser als Joschka Fischer und Claudia Roth. Nur weil sie sich aus ihren Milieus lösten, hatten sie Erfolg.

Von Franz Walter


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30 Jahre Grüne: Bärte, Blumen, Turnschuh-Eid
Mit ihm fing alles an: Baldur Springmann. Am Anfang standen nicht Fischer, nicht Trittin, nicht Künast. Sondern der Biobauer aus Schleswig-Holstein. Er verkörperte den Typus deutscher Lebensreform, die seit jeher an der Urbanität litt, die Technisierung ablehnte, der Zivilisation trotzte, das Kosmopolitische verachtete. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gehörte Springmann, der schon auf die 70 zuging, zu den Pionieren grüner Gruppen und Listen. Groß geworden als Sohn eines westfälischen Fabrikanten hatte er das Abitur abgelegt. Doch er wollte Bauer werden.

Wie etliche andere seiner Generation, Herkunft und Gesinnung engagierte er sich in den Weimarer Jahren in bündischen Organisationen des rechten Nationalismus. Er kämpfte in den illegalen paramilitärischen Einheiten der "Schwarzen Reichswehr" gegen die "Feinde Deutschlands". Nach 1933 sah man ihn als Jugendleiter im Reichsnährstand und als Reiter in den Staffeln der SS. Auf die Frage eines Reporters der "Zeit", ob er denn auch in die NSDAP eingetreten sei, antwortete der grüne Baldur Springmann 1979: "Das weiß ich nicht."

Nach 1945 ging es in dieser biografischen Linie weiter. Springmann musste aus der sowjetisch besetzten Zone fliehen. Sein neues Zuhause wurde der Hof Springe im schleswig-holsteinischen Geschendorf. Dort betrieb er auf rund 30 Hektar Land eine Art Ökolandwirtschaft. Er knüpfte weltanschaulich an den jugendbündischen Rechtsaktivismus der Weimarer Jahre an und setzte ihn fort.

Heimat bedeute ihm "Geborgenheit in konzentrischen Kreisen. Ganz innen mein Häuschen, dann unsere Felder, das Dorf, die Region, das Vaterland". In der Musik liebt er Volkslieder, literarisch war sein Favorit Knut Hamsun und dessen Roman "Segen der Erde". Auf seinem Hof praktizierte Springmann einen biologisch-dynamischen Landanbau. Spritzgifte, Kunstdünger und Saatbeizen waren tabu. Es sollte alles wieder so werden wie in den Zeiten der "Urproduktion".

Verdrängung der Wertkonservativen

Doch bald lief die Zeit Springmanns bei den Grünen ab. Nun drangen die jungen Linken in der Ökopartei immer weiter nach vorn und drängten dabei die sich selbst "Wertkonservative" nennenden sukzessive zurück. Ihr Waterloo erlebten die bürgerlich-konservativen Lebensreformer auf der Dortmunder Bundesversammlung der Grünen Mitte Juni 1980. Nicht einer der ihren, der frühere CDU-Politiker Herbert Gruhl, wurde Bundesvorsitzender, sondern ein Vertreter der Linken.

Springmann verließ die grüne Partei, landete in den nächsten Jahrzehnten bei allerlei rechten Konventikeln, wie andere aus der Pioniergeneration der organisierten Ökologiebewegung jener Endsiebzigerjahre. Ökologisch - völkisch - alternativ - nationalistisch: Auch dieser Entwicklungspfand war im Frühstadium der Grünen in Deutschland angelegt.

Aber der ökologische Protest der siebziger Jahre ging einen anderen Weg. Das alternative Milieu jener Jahre und schließlich die Grünen selbst rekrutierten sich hauptsächlich aus den Jahrgängen 1954 bis 1963, aus dem Babyboom der Republik. Das waren die jungen Leute der Bildungsexpansion. Aber es waren auch die jungen Absolventen des Gymnasiums, die mit den frisch erworbenen Bildungszertifikaten plötzlich nicht mehr vorankamen. Alle Wege nach vorn und oben schienen blockiert. Zehntausende der anfangs blockierten Generation hatten auf Lehramt studiert, doch kaum einer kam unmittelbar in den Schuldienst. Die Zugänge zu den öffentlichen Diensten waren vorerst verstopft.

Eine frustrierte Generation wendet sich von der SPD ab

Die geburtenstarken Jahrgänge, die mit großen Verheißungen auf die Bildungsreise geschickt worden waren, kamen Anfang der achtziger Jahre in einem sozialliberalen Land der Massenarbeitslosigkeit an. Es war diese neue, unvorbereitet eingetretene Kluft von Erwartung und Enttäuschung, die den spezifischen Radikalismus dieser grünen Gründerjahrgänge produzierte. Sie waren enttäuscht von der regierenden SPD, hatten dort auch gegen die alles dominierende Generation der Schröders und Lafontaines keine Karrierechancen.

Sie gründeten folglich ihre eigene Partei, eben die grüne Partei.

Über Begabungen dafür verfügten sie reichlich. Keine anderen Jahrgänge hatten in der Geschichte der Bundesrepublik in ihrer Jugend so viele Kampagnen, Kundgebungen, Demonstrationen durchgeführt wie sie; keine zweite Kohorte hat sich so sehr in wüsten Fraktionskämpfen und Redeschlachten geübt, aber auch aufgerieben wie diese. Dadurch ist sie zu einer wirklichen Erfahrungsgeneration geworden - mit außergewöhnlich stabilen politischen und kulturellen Grundorientierungen. Deshalb überstand die Partei in den Achtzigern alle Flügelstreitigkeiten, Zerwürfnisse und Krisen. Diese Generation ertrug chaotische Parteitage, politische Phantastereien, abenteuerliche Beschlüsse. Das gab den Grünen die Konstanz, zunächst auch ihren besonderen Flair, die Aura der unangepassten, eigenwilligen exzentrischen Partei.

Schon bald allerdings war von den grünen Milieus aus Schlabberlook und Zottelhaaren, mit den Gegenorganisationen von roten Buchläden, Kinderhorten, Wohngemeinschaften, selbstverwalteten Handwerksbetrieben, Bioläden und Vollkornbäckereien gesellschaftlich nicht viel übrig geblieben. Als die Zugehörigen des alternativen Milieus, die Aktivisten der Ökologie-, Frauen- und Friedensbewegung in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auf das 30. Lebensjahr zugingen, löste sich der Milieuzusammenhang rasch auf.

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Seite 1
Alka Wumm 11.01.2010
1.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Genau da wo Sie angefangen haben: als belächelte Gutmenschen, die gerade mal als Mehrheitsbeschaffer taugen.
yogtze 11.01.2010
2.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Mehr und mehr im sog. "bürgerlichen Lager"!
saul7 11.01.2010
3. Eine
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Partei, die zu Beginn eher dem linken Lager zuzuordnen war, hat sich in drei Jahrzehnten zu einer Partei der bürgerlichen Mitte entwickelt. Viele der ehemaligen Wähler der Grünen, die damals die "Protestpartei" wählten gehören heute ebenso zum "Establishment" wie die Spitzenpolitiker der Grünen auch. Inhaltlich sind die Grünen kaum noch von den anderen Parteien zu unterscheiden. Die Partei muß sich allerdings auch fragen lassen, ob es sinnvoll ist, eine so genannte Doppelspitze als Parteivorsitz weiterhin zu beschäftigen. Die eher farblose aber schrille Claudia Roth sollte endlich zurücktreten oder schnellstens abgelöst werden!!
kdshp 11.01.2010
4.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Hallo, keine ahnung !
grauer kater 11.01.2010
5.
Im Abseits, wo sonst! Kein Profil, keine ökologisch tragbaren Ideen, außer überall noch mehr Steuern zu fordern und keinerlei honorige Führungskräfte! Eine überflüssige Partei, die sich besser auflösen sollte!
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