42 Jahre Mauerbau Der antifaschistische Schutzwall - ein Weltkulturerbe?

Vierzehn Jahre nach ihrem Fall erinnert nur noch wenig an das Symbol der deutschen Teilung und deren Opfer. Jetzt entbrennt eine seltsame Debatte um ein mögliches „Weltkulturerbe Berliner Mauer“ und den Umgang mit den Gedenkstätten des SED-Regimes.

Von Matthias Lohre


Gedenken an Maueropfer auf dem Potsdamer Platz: 80 statt 1000 Menschen
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Gedenken an Maueropfer auf dem Potsdamer Platz: 80 statt 1000 Menschen

Berlin - Die Polizei wollte die Veranstaltung am Potsdamer Platz schon entnervt auflösen. Statt der angekündigten tausend Menschen waren am Jahrestag des Mauerbaus nur ein paar dutzend Freiwillige dem Aufruf des Polit-Aktionisten Anatol Wiecki gefolgt, sich zehn Minuten lang schweigend auf die Kreuzung zu legen, als stumme Erinnerung an die tausend Mauer-Opfer des DDR-Grenz-Regimes. Doch der Einzelkämpfer wurde in seinem Eifer, an das DDR-Unrecht zu erinnern, bitter enttäuscht. Nur 80 Freiwillige legten sich auf den heißen Asphalt. Die genervten Autofahrer, die in der Sommerhitze schmorten, hupten wütend. Nach zehn Minuten war die Veranstaltung vorüber, die Verkehrs-Ordnung wieder hergestellt.

Einstmals 45 Kilometer lange Grenzanlagen

Während die DDR in Kino-Filmen wie "Good Bye, Lenin" aufersteht und Ausstellungen die "Kunst in der DDR" beleuchten, ist das Interesse am wohl berühmtesten Relikt des Kalten Krieges gering. Von den einstmals 45 Kilometer langen Grenzanlagen zwischen Ost- und West-Berlin sind nur wenige Teilstücke geblieben.

Jetzt sorgt der Vorschlag eines Professors für Aufsehen. Der Lehrstuhl-Inhaber für Denkmalpflege an der Technischen Universität Cottbus, Leo Schmidt, hat im Auftrag des Berliner Senats eine Dokumentation über die denkmalgerechte Konservierung der Grenzanlagen zusammengestellt. Seine Anregung: Wie wäre es mit einem Eintrag der Berliner Mauer auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes?

Die ehemalige "Schandmauer" auf einer Liste mit dem Taj Mahal oder dem Kölner Dom? Die Kritik folgt prompt: Am Rande einer Gedenkveranstaltung zum Mauerbau vor 42 Jahren sprach sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Mittwoch gegen den Vorschlag aus. Ein Kommentator der "Berliner Zeitung" erkannte angesichts der jüngsten Überlegung sogar Zynismus am Werk: "Nach der Logik der Denkmalsbefürworter würde das nächste Weltkulturerbe gerade gebaut. In Palästina." Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sieht die UNESCO-Kriterien nicht erfüllt: "Für uns ist die Mauer ein politisches Mahnmal, kein Kulturerbe im engeren Sinn", sagte eine Senatssprecherin.

"Einzigartiger künstlerischer Wert"?

Die Aufnahme-Kriterien der UNESCO sind vage. Viele Vorgaben könnte das Symbol des Kalten Krieges erfüllen. So muss das zu schützende Objekt starken kulturellen Einfluss auf eine Region oder Epoche haben und von großem Seltenheitswert oder besonders alt sein. Bei anderen Punkten wird es schwieriger. So soll es bedeutungsvoll im Zusammenhang mit herausragenden Ideen oder historischen Gestalten sein sowie von "einzigartigem künstlerischen Wert". Hinzu kommen Beispielhaftigkeit für eine bestimmte künstlerische oder architektonische Epoche. Darüber hinaus muss das schützenswerte Erbe bedeutungsvoll im Zusammenhang mit herausragenden Ideen oder historischen Gestalten sein.

Unterstützung für den Professoren-Vorschlag kommt von der Berliner CDU. "Die Mauerreste sollten für die Nachwelt als steinerne Mahnung erhalten werden", sagte der Parlamentarische Fraktions-Geschäftsführer, Frank Henkel. Derweil nutzt der CDU-Bundestags-Abgeordnete Günter Nooke die Debatte zu einem eigenen Vorschlag. Gemeinsam mit einigen Fraktions-Kollegen hat er ein Konzept für die "Gedenkstätten beider deutschen Diktaturen" vorgelegt. Aus Nookes Sicht gibt es ein "Missverhältnis" zwischen Erinnerungs-Orten für die NS-Zeit und jenen für die DDR. Für die Erinnerung an die Nazi-Opfer und die Erhaltung von Lagergedenkstätten ist der Bund verantwortlich. Gleiches soll nach Meinung der CDU-Parlamentarier auch für Orte gelten, an denen Opfer der SED gelitten haben - beispielsweise die berüchtigte Haftanstalt Hohenschönhausen oder die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße.

Entwurf eines Gedenkstättengesetzes

Damit melden sich Akteure zu Wort, die im Windschatten der Diskussion um ein "Weltkulturerbe Berliner Mauer" ihre Sicht der DDR zu verbreiten suchen: Nazi- und SED-Regime als einander ebenbürtige Diktaturen darzustellen. Über einen Antrag für ein "Gedenkstättengesetz" soll der Bundestag im Herbst beraten.

Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße: Eines von wenigen Teilstücken
AP

Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße: Eines von wenigen Teilstücken

Zur selben Zeit erschöpfen sich die Gedenk-Veranstaltungen zum Mauer-Bau in Ritualen. Während die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sehr allgemein von der "Mahnung" sprach, "Freiheit und Demokratie zu bewahren", sagte Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit am Mittwoch: "Wir müssen aufpassen, dass die DDR nicht Kult wird." Die Menschen hätten die Tendenz, sich in der Rückschau nur an das Positive zu erinnern. Dagegen helfe nur Aufklärung.

Dazu gehören auch Erinnerungs-Orte wie die fast vollständig verschwundene Berliner Mauer. Doch mittlerweile scheint selbst den Veranstaltern der Demonstration auf dem Potsdamer Platz das Gedenken allzu mühsam zu werden. "Und", fragte ein Journalist den Organisator Anatol Wiecki, als sich die kleine Gruppe der Waagerechten wieder verlief, "wollen Sie im nächsten Jahr noch einmal versuchen, tausend Menschen zusammen zu bekommen?" Wiecki seufzte: "Erstmal fahre ich jetzt zwei Wochen in Urlaub."



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