Nachbar Frankreich: "Arbeit für jeden, der auf Deutsch bis zehn zählen kann"

Von Mathieu von Rohr, Paris

Emmendingens OB Schlatterer (r.), Sélestats Bürgermeister Bauer: Wirtschaftliche Trennlinie Zur Großansicht
Eric Vazzoler / DER SPIEGEL

Emmendingens OB Schlatterer (r.), Sélestats Bürgermeister Bauer: Wirtschaftliche Trennlinie

Mit viel Pomp wird in Berlin der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags gefeiert. Doch an der deutsch-französischen Grenze geht es unter den Nachbarn längst nicht mehr um die alte Feindschaft und Versöhnung. Die Menschen im Elsass und in Baden-Württemberg plagen ganz andere Sorgen.

Dem deutsch-französischen Verhältnis geht es bestens. Auf der einen Seite gibt es den besseren Wein, auf der anderen die billigeren Supermärkte, einen Schlagbaum gibt's schon lange nicht mehr. Und irgendwo dazwischen verwittern die Überreste der Maginot-Linie.

Die Rede ist nicht von Paris und Berlin, die sind weit weg, sondern von Emmendingen in Baden-Württemberg und Sélestat im Elsass. Die beiden Städte liegen rund 30 Kilometer auseinander, auf halbem Weg verläuft der Rhein als Grenze.

An dieser Grenze lässt sich nicht nur die Banalität eines freundschaftlichen Verhältnisses besichtigen, das alle längst für selbstverständlich halten. Es zeigt sich auch eine neue Trennlinie, diesmal eine wirtschaftliche: In Emmendingen liegt die Arbeitslosigkeit bei drei Prozent, Facharbeiter werden dringend gesucht. In Sélestat beträgt sie neun Prozent, von den Jugendlichen hat ein Viertel keinen Job.

"Bei uns findet jeder Arbeit, der bis zehn zählen kann", sagt der Emmendinger Oberbürgermeister Stefan Schlatterer, "er muss es nur auf Deutsch tun." Das können aber nur noch wenige junge Elsässer, deshalb war die Suche der örtlichen Firmen auf der anderen Seite der Grenze bisher wenig erfolgreich.

"Wir sehen doch, dass die drüben etwas besser machen", sagt Marcel Bauer, Bürgermeister von Sélestat. Gerade musste die Firma Albany, eines der letzten verbliebenen Industrieunternehmen im Ort, die Hälfte seiner 250 Mitarbeiter entlassen. Bauer erlebt jeden Tag das wirtschaftliche Ungleichgewicht, das auch das Verhältnis zwischen Paris und Berlin seit langem verändert hat.

Die Versöhner sind alt geworden

Am Dienstag wird mit großem Pomp das 50. Jubiläum des Elysée-Vertrags begangen, den Konrad Adenauer und General de Gaulle am 22. Januar 1963 unterzeichneten und mit dem sie den Grundstein für die Annäherung der beiden Länder nach dem Krieg legten. Es wird viele Reden geben, im Bundestag und anderswo, viel Beschwörung des Erreichten wird dabei sein, verdientes Preisen der historischen Annäherung, natürlich auch Heuchelei. Die deutsch-französische Beziehung verdient zweifellos eine große Feier, auch wenn das Jubiläum beiden Seiten ein wenig ungelegen kommt.

Denn es fällt in eine Zeit, in der die Krise das Verhältnis politisch strapaziert hat, in der Deutsche und Franzosen gegensätzliche Ideen zu ihrer Lösung verfolgen und in der in Paris Sorge herrscht über die Dominanz Berlins in Europa. Seit der Sozialist François Hollande Präsident ist, sind die Beziehungen zur konservativen Regierung Angela Merkels noch schwieriger geworden.

Für viele Nachgeborene ist die Feier des jahrzehntealten Vertrags wenig mehr als eine staubige Geschichtsstunde. Die Erinnerung an den Krieg ist verblasst, etwas anderes als Frieden in Europa kaum vorstellbar, die Versöhner sind alt geworden. Die beiden Staaten, die einst ihre Feindschaft überwinden mussten und später von Freundschaft sprachen, sehen einander nüchterner als einst.

Auch das lässt sich an der badisch-elsässischen Grenze beobachten. Keine Gegend hat mehr unter der historischen Feindschaft gelitten als das Elsass. Viermal wechselte es zwischen 1871 und 1945 die Staatszugehörigkeit. "Es gab viele hier, die im Lauf ihres Lebens ein paar Uniformen trugen", sagt Marcel Bauer, der Bürgermeister von Sélestat, ein großer, massiger Mann, in seinem Büro, neben ihm die Trikolore.

Sein Vater wurde 1909 als Deutscher geboren, er selbst 1949 als Franzose, doch anders als die meisten Jüngeren spricht er noch Elsässerdeutsch und Hochdeutsch. Drei seiner Geschwister starben vor seiner Geburt. Sie traten im April 1945 beim Spielen auf ein Minenfeld. Drei seiner Onkel kamen nicht von der Ostfront zurück, zu der sie von den Nazis zwangsweise eingezogen worden waren. Trotzdem, sagt er, habe er als Kind nie Hass auf die Deutschen verspürt. Er ist aufgewachsen in den Jahren der Versöhnung nach dem Krieg, er erinnert sich an Fahrradfahrten in die deutsche Partnerstadt auf der anderen Seite des Rheins.

Zu viele Strukturen und zu wenig Konkretes

Das war in den sechziger Jahren, die Sport- und Skivereine von beiden Seiten des Rheins trafen einander regelmäßig, und die alten Kriegsgegner gingen zusammen auf dem Hartmannswillerkopf wandern, einem felsigen Berg in den Vogesen, der im Ersten Weltkrieg Schauplatz grausamer Schlachten gewesen war. Es begann die Zeit der Austauschprogramme, die viele junge Deutsche und Franzosen zusammenbrachten und die für das gegenseitige Kennenlernen nach dem Krieg eine entscheidende Rolle spielten.

Davon sei nicht mehr viel übrig, sagt Stefan Schlatterer, Oberbürgermeister von Emmendingen, 45, ein gutgelaunter Mann mit kurzgeschorenen Haaren. Einen Schüleraustausch mit der französischen Partnerstadt hätten sie hier schon lange nicht mehr gehabt. "Die Erklärung ist einfach: Wir sind in der Normalität angekommen." Man finde in Emmendingen ja nun auch wirklich niemanden, der daran denken würde, in Frankreich einzumarschieren. Er lacht schallend. "Was für ein lächerlicher Gedanke!"

Seit den frühen Jahren der deutsch-französischen Verständigung sind zahlreiche Strukturen entstanden, die deutsche und französische Politiker zusammenbringen sollen: Es gibt den Oberrheinrat, den deutsch-französischen Zirkel, den "Eurodistrict" für grenzüberschreitende Projekte und vieles mehr. Schlatterer sagt, es gebe zu viele Strukturen und zu wenig Konkretes. Es gehe doch längst nicht mehr darum, einander kennenzulernen. Das Problem sei: Wenn man eine grenzüberschreitende Buslinie planen wolle, scheitere sie an der Bürokratie.

In Emmendingen haben sie das Jubiläum des Elysée-Vertrags schon vorvergangene Woche gefeiert. Die Gemeinden aus dem Landkreis, die eine französische Partnerstadt haben, veranstalteten im Landratsamt eine Ausstellung. Marcel Bauer und Stefan Schlatterer waren auch da. Das Interesse der Bevölkerung habe sich in Grenzen gehalten, sagt Schlatterer. Sein Eindruck sei, die Franzosen interessierten sich mehr für das Jubiläum als die Deutschen. Die hätten ohnehin eine größere Neigung, solche Anlässe mit ein wenig Pomp zu begehen.

Im Elysée glaubt man nicht an die deutschen Rezepte

In Berlin reagierten viele ähnlich wie Schlatterer, als François Hollande im Februar 2011 als Präsidentschaftskandidat in seinem Wahlkampfprogramm zur Feier des Jubiläums gleich einen "neuen Elysée-Vertrag" ankündigte: Die Franzosen neigten halt zum Symbolismus, hieß es. Was er am bestehenden Vertrag ändern wollte, konnte Hollande nie begründen. Er kämpfte damals gegen den Vorwurf Sarkozys, er mache Front gegen Deutschland, und wollte wohl zeigen, dass ihm die Beziehung wichtig ist.

Nach der Wahl wurde die Idee schnell beerdigt, stattdessen wird nun der bestehende Vertrag gefeiert. Auch Angela Merkel und François Hollande werden bei dieser Gelegenheit aufeinandertreffen, und auch diesmal wird ihr kompliziertes Verhältnis wie ein Schatten über dem Anlass liegen.

Zwar verstehen sich Merkel und Hollande nach Angaben ihrer Mitarbeiter persönlich gut. Schließlich sind sie sich ähnlicher als Merkel und Sarkozy.

Politisch sind sie allerdings kaum je einer Meinung. In Paris verstehen sie nicht, warum die Deutschen in der Euro-Krise immer bremsen, warum Merkel alle Vorschläge ablehnt, einen Teil der Schulden zu vergemeinschaften, und stattdessen immer neue gesamteuropäische Budgetkontrollen einführen will. Im Elysée glaubt man nicht an die deutschen Rezepte: den Gürtel enger schnallen, die Lohnkosten senken.

Auch zwischen Emmendingen und Sélestat gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten. Nicht wegen des Euros, auch nicht wegen Reformen, denn Bauer, der Bürgermeister von Sélestat, findet durchaus, dass man sich von den deutschen Arbeitsmarktliberalisierungen etwas abschauen sollte. Auf der anderen Seite findet der Emmendinger Oberbürgermeister Schlatterer, dass sich Deutschland die hohe französische Geburtenrate zum Vorbild nehmen sollte. Und seit es der deutschen Wirtschaft so viel bessergeht, wollen immer mehr Eltern in Sélestat, dass ihre Kinder wieder Deutsch lernen.

Der Streit dreht sich um ein ganz anderes Thema - eines, das die unterschiedliche Mentalität auf beiden Seiten zeigt: Die meisten deutschen Gemeinden in der Gegend kämpfen dafür, dass Frankreich endlich sein ältestes Atomkraftwerk stilllegt, in Fessenheim, rund 20 Kilometer südlich von Sélestat und Emmendingen.

Auf der französischen Seite versteht der Großteil das nicht, auch Bürgermeister Marcel Bauer ist dagegen. Sie sind von den Arbeitsplätzen und Steuern der Anlage abhängig, aber vor allem sehen viele die Atomkraft als alternativlos.

Die Deutschen machen sich Hoffnung, dass der Streit bald in ihrem Sinn gelöst wird: François Hollande hat im Wahlkampf versprochen, Fessenheim zu schließen. Neulich hat Stefan Schlatterer ihm einen Brief geschrieben, wie es denn nun damit stehe, und der französische Präsident hat geantwortet: Es werde bald soweit sein.

Schlatterer ist mit dem Verlauf der deutsch-französischen Beziehungen sehr zufrieden.

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1.
marthaimschnee 22.01.2013
Zitat von sysopIm Elysée glaubt man nicht an die deutschen Rezepte
Kein Wunder! Für jeden, der halbwegs über den deutschen Tellerrand schauen kann, entpuppen sich diese Rezepte nicht als Zaubertrank, sonder als ganz üble Giftmischung!
2. Hypokrisie
Helotie 22.01.2013
Freundschaft kann man nicht befehlen. Sie ist da oder eben nicht. Aber nur zwischen individuellen Menschen! Ich mag die Jubelmeldungen. Erinnert alles an die deutsch-sowjetische Freundschaft. Und da frage man mal unsere Neubundesrepublikaner.
3. Wartet ab...
PARANRW 22.01.2013
...bis Deutschland wieder eine Rot-Grüne Regierung hat, dann werden sich die Arbeitslosenzahlen und die Staatsverschuldung wieder schlagartig den französischen, roten Verhältnissen anpassen, keine Sorge.
4. optional
zitzschenkind 22.01.2013
Es leben die Atomkraftwerke in Frankreich und die dummen Deutschen.
5. Mmh, ich kann
eisbaerchen 22.01.2013
Zitat von sysopMit viel Pomp wird in Berlin der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags gefeiert. Doch an der deutsch-französischen Grenze geht es unter den Nachbarn längst nicht mehr um die alte Feindschaft und Versöhnung. Die Menschen im Elsass und Baden-Württemberg plagen ganz andere Sorgen. 50 Jahre Elysée-Vertrag in Emmendingen und Sélestat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/50-jahre-elysee-vertrag-in-emmendingen-und-selestat-a-878842.html)
sogar flüssig bis tausend zählen (bin Deutscher)...kann auch ich dort einen Job bekommen..;-)...? Wahrscheinlich mal wieder einer dieser markigen Politikersprüche ohne jeden Realitätsbezug...ansonsten, eine grosse Tat von den beiden alten Herren 1963 (bin mit der Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft aufgewachsen, heute mein favorisiertes Urlaubsland..).
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