Helmut Schmidt und die SPIEGEL-Affäre "Dann gehe ich mit auf die Barrikaden"

Helmut Schmidt ist einer der wenigen noch lebenden Protagonisten der SPIEGEL-Affäre. Im Zeitzeugen-Gespräch in Hamburg erinnert sich der Ex-Bundeskanzler an seine Erlebnisse 1962 - und berichtet, wie er damals selbst von der Justiz verfolgt wurde.

Jeannette Corbeau

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Hamburg - Helmut Schmidt ist 93 Jahre alt. Doch er ist präsenter als viele aktive Politiker. Millionen hören ihm zu, wenn er im Fernsehen über den Euro spricht. Er wird in Interviews zu den aktuellen Weltkrisen befragt, seine Bücher - etwa jene über die Zukunft Chinas - erreichen ein großes Publikum.

Schmidt, der Welterklärer, das ist die Rolle, in der er sich wohlfühlt. Viel zu selten aber kommt Helmut Schmidt als Zeitzeuge zu Wort, als Mann also, der viel Geschichte erlebt hat und viele Geschichten erzählen kann.

Im Verlagshaus des SPIEGEL in Hamburg war dies am Wochenende einmal anders. Das Nachrichtenmagazin lud zu einer zweitägigen Experten-Konferenz unter dem Titel "50 Jahre SPIEGEL-Affäre". Es ging um die Aufbereitung der Ereignisse der damaligen Zeit (mehr zum Thema und zur Konferenz hier). Schmidt war gleichsam als besonderer Gast gekommen.

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Konferenz in Hamburg: Helmut Schmidt, Zeitzeuge der SPIEGEL-Affäre
Er ist wohl einer der letzten seiner Art. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein, Redakteur Conrad "Conny" Ahlers, Franz-Josef Strauß und viele andere Protagonisten der SPIEGEL-Affäre von 1962 sind tot. Nur Schmidt ist noch da - und sein Erinnerungsvermögen scheint fast ungetrübt.

Aschenbecher und Kaffee standen griffbereit und so konnte Schmidt im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo ausführlich über seine Erlebnisse berichten. Die Besetzung der Redaktionsräume, die Verhaftung von Redakteuren des Magazins im Oktober 1962, das alles sei schon damals nach seinem Eindruck eine "rechtswidrige Aktion" gewesen, so Schmidt. Er habe deshalb gut verstehen können, dass viele Menschen diesen Angriff der Staatsmacht gegen den SPIEGEL empörend fanden und dagegen demonstrierten.

SPD-Mann Schmidt war damals Hamburger Innensenator und verhinderte, dass eine Demonstration junger Studenten in offene Gewalt umschlug. Er setzte sich in ein Polizeiauto und rief die Menge per Lautsprecher dazu auf, ins Audimax der Universität zu gehen. Dort habe er dann zwei Stunden lang friedlich mit den jungen Leuten diskutiert, sagte Schmidt.

Jahrelang ermittelte die Bundesanwaltschaft auch gegen Schmidt wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat, die Ermittlungen gegen ihn liefen sogar länger als gegen SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein. Schmidt erinnerte sich, wie sich die Dinge damals aus seiner Sicht abgespielt hatten.

Er war in den Fokus der Behörden geraten, weil er von den Plänen des SPIEGEL wusste, eine große Geschichte über den Zustand und die Atompläne der Bundeswehr zu veröffentlichen. Er habe einen der Autoren der Geschichte, Conrad Ahlers, gut gekannt, so Schmidt.

Schmidt war damals schon Fachmann für Militärstrategie

Der junge aufstrebende Politiker Schmidt war damals nicht nur Innensenator, sondern außerdem ein Fachmann für Militärstrategie. Eines Tages, kurz vor Veröffentlichung des Stücks, habe sich Ahlers bei ihm gemeldet und Rat gesucht. Es sei spät in der Nacht zu einem kurzen Treffen gekommen, bei dem Ahlers Schmidt das Manuskript des SPIEGEL-Textes zum Lesen gegeben habe.

"Ich habe es überflogen", so Schmidt. Und dann habe er mit einem Bleistift einige Stellen angestrichen. Und er habe den Rat gegeben, einige Dinge sollten nochmals überprüft werden. Es könne sein, dass darin der "Geheimbereich" berührt werde. Ahlers und die SPIEGEL-Redaktion nahmen die Einwände Schmidts ernst und fragten beim Bundesnachrichtendienst nach, wie es um die Geheimhaltungspflicht für die betreffenden Stellen bestellt sei: Die Bundesbehörde gab grünes Licht. Danach erschien der Artikel, der die SPIEGEL-Affäre auslöste: "Bedingt abwehrbereit."

Kurz darauf wurden Augstein, Ahlers und andere SPIEGEL-Mitarbeiter wegen des Verdachts des Landesverrats verhaftet. Zum Teil saßen sie mehrere Monate in Untersuchungshaft. Treibende Kraft hinter diesem beispiellosen Schlag der Staatsmacht gegen die Pressefreiheit war der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß.

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SPIEGEL-Affäre: Hohlmeier, Augstein und die alten Rivalitäten
Bei ihren Ermittlungen stießen die Fahnder auch auf das Manuskript mit Schmidts Anmerkungen. Schmidt wurde zum Verdächtigen. Aus seiner Sicht seien die Vorwürfe absolut lächerlich erschienen, so Schmidt. "Ich habe das ganze Zeug nicht ernst genommen." Dies habe er dem Ermittlungsrichter auch auf den Kopf zugesagt. Jedenfalls, so Schmidt lapidar, habe der Vorgang sein Misstrauen gegenüber "bestimmten Behörden des Bundes auf die Bundesanwaltschaft ausgeweitet".

"Ich stehe zu dieser Fahne"

Er sei von dem Ermittlungsrichter mehrmals zur Sache vernommen worden, erinnerte sich der Altkanzler. Die Befragungen hätten stets in seinem Hamburger Büro in der Innenbehörde stattgefunden. "Wenn der Richter gewollt hätte, dass ich zu ihm komme, hätte er mich verhaften müssen." In dem Büro habe eine Deutschland-Fahne an der Wand gehangen. Schmidt beschied dem Richter knapp: "Ich stehe zu dieser Fahne."

Die Sache war für Schmidt damit aber noch nicht ausgestanden. Erst Ende der sechziger Jahre, lange nachdem sich das Vorgehen der Staatsmacht gegen den SPIEGEL für alle Augen sichtbar als Farce entpuppt habe, sei das Verfahren gegen ihn eingestellt worden.

Für Schmidt ist klar, dass die SPIEGEL-Affäre eine der wichtigen politischen Wegmarken in der Geschichte der Bundesrepublik war. Aus seiner Sicht trug sie mit dazu bei, dass sich das demokratische Bewusstsein in Deutschland gefestigt habe. In die demokratische Gesinnung der Deutschen habe er auch heute noch großes Grundvertrauen, so Schmidt. Allein die europäische Gesinnung der Deutschen bereite ihm Sorge. Eindringlich warnte Schmidt vor einer nationalistischen Politik. Das Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank, ja, auch die Bundeskanzlerin, hätten Deutschland zum Zentrum Europas gemacht, kritisierte der Altkanzler. "Das beunruhigt mich."

Ob er sich vorstellen könne, dass sich so etwas wie die SPIEGEL-Affäre in Deutschland nochmals ereignen könnte, will zum Abschluss SPIEGEL-Chefredakteur Mascolo von Schmidt wissen. Die klare Antwort des Altkanzlers: "Wenn es noch mal passiert und wenn ich dann noch lebe, gehe ich mit auf die Barrikaden."

Forum - Wäre ein Ereignis wie die SPIEGEL-Affäre auch heute noch denkbar?
insgesamt 60 Beiträge
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rabenkrähe 15.09.2012
1. jaja
Zitat von sysopDurchsuchungen, Haftbefehle, Angriff auf die Pressefreiheit: Die Affäre um die Berichterstattung des SPIEGEL zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr erregte 1962 die ganze Nation und setzte enorme Diskussionen in Gang. Natürlich erscheinen radikale Maßnahmen wie damals heute eher historisch, doch die Ereignisse um das Magazin "Cicero" 2005 weckten lebhafte Erinnerungen. Wäre ein Ereignis wie die SPIEGEL-Affäre auch heute noch denkbar?
....... Heimlich, still und leise findet die heute alltäglich statt. Nicht nur bei den Medien, sondern erst recht in der Politik und in der Wirtschaft. Sie heißt: Juristerei! Nicht ein Satz der Leitmedien verläßt heute eine Verlagshaus ohne juristische Prüfung. Die Dinge sind kompliziert geworden und die leichteste Anfechtbarkeit kann teuer und lästig werden. Der beste und mutigste Journalist muß sich dieser Zensur unterwerfen, sonst erscheint seine Arbeit nicht. In der Politik bestimmen Juristen schon lange, wo es langgeht und bei der Wirtschaft besteht nur in einem Bereich eine Beschäftigungsgarantie, bei den Juristen. Die auch und gerade die Aufgabe haben, der ungeliebten Konkurrenz eins auszuwischen, siehe Samsung oder das hiesige Wettbewerbs"recht". Was das mit der Spiegel-Affäre zu tun hat? Sehr viel, denn seinerzeit versuchten Strauß & Co mit juristischen Mitteln und hergeholten Anklagen ungeliebte Kritiker mundtot zu machen, heute sind alle gedämpft und verbreiten nur, was Juristen zuvor abgesegnet haben. Der Skandal ist also alltäglich: Die geistige Freiheit hat sich den Formaljuristen untergeordnet! rabenkrähe
toskana2 16.09.2012
2. stickige Luft
Zitat von sysopDurchsuchungen, Haftbefehle, Angriff auf die Pressefreiheit: Die Affäre um die Berichterstattung des SPIEGEL zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr erregte 1962 die ganze Nation und setzte enorme Diskussionen in Gang. Natürlich erscheinen radikale Maßnahmen wie damals heute eher historisch, doch die Ereignisse um das Magazin "Cicero" 2005 weckten lebhafte Erinnerungen. Wäre ein Ereignis wie die SPIEGEL-Affäre auch heute noch denkbar?
Ja, SPIEGEL-Leute, das waren Zeiten! Hab ich erlebt. Damals war Journalismus fast lebensgefährlich. Heute gebt ihr euch mit Bettinas Innenleben zufrieden - huch, was für ein Wandel der Gezeiten! Eine SPIEGEL-Affäre heute noch "denkbar"? Ja, wie denn?! Heute ist euer Sparachgehege eingezäunt. Euch hat man den Zahn gezogen ... obwohl es in der Republik, außer Trivialem, eine Menge zu "berichten" gäbe. Seid mir nicht bös: Ihr seid satt und bequem geworden, während die Republik durch dicke Luft zu ersticken droht.
W. Robert 16.09.2012
3. Glaubwürdigkeitskrise?
Eine ähnliche Affäre wie die „Spiegel-Affäre“ kann man durchaus bei „Wikileaks“ sehen. Auch hier wurden irgendwelche „Geheimnisse“ der untersten Geheimhaltungsstufe publiziert, woraufhin ein ziemlicher Rummel entstanden ist. Meiner Ansicht nach sind bei der „Spiegel-Affäre“ einfach zwei gewaltige Egos aufeinandergeprallt, eben Strauss und Augstein. Ich glaube nicht, dass es der Popularität der beiden Streithähne ernsthaft geschadet hat, im Gegenteil. So lang die derzeitige Konzernpresse nicht an den Fundamenten der offiziellen Geschichtsschreibung rüttelt, passiert auch nichts, keine Sorge. Heute wird nur noch das aufgedeckt, was in eine klare Agenda der Weltpolitik passt. Es berichtet auch keiner einfach so über Verfehlungen der Politiker, falls diese nicht zum Abschuss freigegeben werden. Was nicht passt, das gilt heutzutage als „Verschwörung“ und dient obskuren Bauernfängern zur Profilierung ihrer jeweiligen Ansichten. Deswegen stecken die „Mainstreammedien“ aber auch in einer massiven Glaubwürdigkeitskrise. BDZV: Schaubilder (http://www.bdzv.de/markttrends-und-daten/wirtschaftliche-lage/schaubilder/artikel/-8937743f67/3650/)
Der Pragmatist 16.09.2012
4. Die Wende des SPIEGEL
Zitat von sysopDurchsuchungen, Haftbefehle, Angriff auf die Pressefreiheit: Die Affäre um die Berichterstattung des SPIEGEL zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr erregte 1962 die ganze Nation und setzte enorme Diskussionen in Gang. Natürlich erscheinen radikale Maßnahmen wie damals heute eher historisch, doch die Ereignisse um das Magazin "Cicero" 2005 weckten lebhafte Erinnerungen. Wäre ein Ereignis wie die SPIEGEL-Affäre auch heute noch denkbar?
Waehrend meiner Studienzeit in Hamburg im Jahre 1962 bin ich noch hoechstpersoenlich mit der grossen Demo zum UG marschiert, um Herrn Augstein herauszurufen. Damals war DER SPIEGEL fuer mich die beste und wichtigste Informationsquelle. Ich habe immer gesagt, dass, wenn es den SPIEGEL nicht gaebe, muesste er erfunden werden. Damals stand auf der Titelseite immer "Der SPIEGEL - das deutsche Nachrichtenmagazin". Viel hat sich seitdem und besonders nach dem Tode von Herrn Augstein geaendert. Es sind nicht nur Unwahrheiten oder Verdrehungen, die man taeglich im SPIEGEL sieht, sondern oft reine Luegen und so etwas gehoert sich nicht fuer ein rennomiertes Magazin wie DER SPIEGEL. Einige Luegen sind so krass, dass ich mich schlussendlich gezwungen sah, einmal einen Brief an Herrn Mascolo, den Chefredakteur des SPIEGEL, zu schreiben, um ihn zu beten, doch bitte einmal zum guten Journalismus der Vergangenheit zureuckzukehren. Bisher hat Herr Mascolo nicht auf meinen Brief geantwortet. Bewusste Luegen waren das Wahrzeiten des NEUEN DEUTSCHLAND, sie gehoeren nicht in den SPIEGEL. Soetwas schadet nicht nur dem SPIEGEL, sondern den gesamten Medien. Pragmatist
urgestein43 17.09.2012
5. natürlich wäre auch...
Zitat von sysopDurchsuchungen, Haftbefehle, Angriff auf die Pressefreiheit: Die Affäre um die Berichterstattung des SPIEGEL zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr erregte 1962 die ganze Nation und setzte enorme Diskussionen in Gang. Natürlich erscheinen radikale Maßnahmen wie damals heute eher historisch, doch die Ereignisse um das Magazin "Cicero" 2005 weckten lebhafte Erinnerungen. Wäre ein Ereignis wie die SPIEGEL-Affäre auch heute noch denkbar?
...heute noch ein Ereignis wie die Spiegel-Affäre denkbar nur, anstatt an Auflagen oder sich an den Vorgaben der herrschenden Kaste und Politiker zu orientieren, müßten Redakteure vom Schlage eines Rudolf Augstein eine Wiederauferstehung erleben. Darauf allerdings zu hoffen wäre in der Tat ein vollkommen sinnloses Untefangen. Wie in diesem Land inzwischen die Meinungsfreiheit, die Presse und der der Wille des Bürgers untergraben oder "weichgespült" wird, dazu braucht man z.B. nur die letzten Nachrichten z.B. auf Spiegel-Online lesen - Political correctness heisst das "neudeutsche Schlagwort, mutige journalitische Arbeit, wie Rudolf Augstein sie betrieben hat, scheint ganz offensichtlich ausgedient zu haben...
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