9. November 1938 Aufruf zum Kampf gegen Rechtsextremismus

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hat zum 66. Jahrestag der Reichspogromnacht seine Forderung nach einem Runden Tisch gegen Rechtsextremismus bekräftigt. "Es ist fünf vor zwölf", sagte Paul Spiegel. Er verwies auf den Einzug der rechtsextremistischen NPD und DVU in die Landtage von Sachsen und Brandenburg.


Paul Spiegel: "Wo ist der Aufschrei?"
DPA

Paul Spiegel: "Wo ist der Aufschrei?"

Berlin - Die Schändung jüdischer Friedhöfe und der Zuspruch rechter Parteien sei mittlerweile Alltag geworden, kritisierte Spiegel heute im Deutschlandradio Berlin. Er bedauerte, dass seinem Aufruf nach einem Runden Tisch, bestehend aus Experten und Politikern aus allen demokratischen Parteien, bisher keine Reaktion gefolgt sei. Zugleich verwies er auf das positive Beispiel der OSZE-Konferenz zum Antisemitismus in Europa. Allerdings vermisse er Konsequenzen. "Man darf uns Juden nicht wieder allein lassen im Kampf gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus", forderte der Zentralratsvorsitzende.

"Ein Aufstand der Anständigen" sei notwendig, verlangte Spiegel und fügte hinzu: "Es wird immer noch so getan, als wenn die Angriffe auf Juden, die Angriffe auf andere Minderheiten, als ein Angriff tatsächlich nur auf diese Minderheiten angesehen werden und nicht als ein Angriff auf die Mehrheit in diesem Lande, nämlich auf die demokratisch denkenden Menschen." So sei es vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen, einen militanten Neonazi in den Bundesvorstand der NPD zu wählen. "Wo ist der Aufschrei?", fragte der oberste Repräsentant der Juden in Deutschland. Allerdings räumte Spiegel ein, dass sich das Problembewusstsein in der Bevölkerung langsam wieder schärfe. Dies müsse aber auch durch Aufklärung, zum Beispiel an Schulen, unterstützt werden.

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten die Judenpogrome organisiert, die wenige Jahre später in den technisierten Massenmord mündeten. Die Ermordung eines deutschen Botschaftssekretärs in Paris durch einen 17-jährigen Juden wurde 1938 zum Anlass genommen für das, was auch verharmlosend "Reichskristallnacht" genannt wurde: Über 200 Synagogen, Friedhöfe und tausende Wohn- und Geschäftshäuser von Juden wurden zerstört, 30.000 Menschen verhaftet, mindestens 91 allein in jener Nacht umgebracht. Zu allem Überfluss wurden die Juden mit einer Sondersteuer in Höhe von 1,1 Milliarden Reichsmark zur Beseitigung der Schäden belegt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.