Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

90. Todestag von Luxemburg und Liebknecht: Platte Parolen statt stillen Gedenkens

Von Reinhard Mohr

Bizarrer Volksauflauf: Mit markigen Parolen gegen Imperialismus und Kapitalismus zogen am Sonntag Zehntausende durch Berlin, um der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu gedenken. Dabei wird das Andenken an die Sozialisten durch die platten Pöbeleien verhöhnt.

Berlin - Ausgerechnet Sahra Wagenknecht, führender Kopf der "Kommunistischen Plattform", Vorstandsmitglied der "Linken" und Abgeordnete des Europäischen Parlaments, kam zu spät zur traditionellen "LL-Demo", wie es im linken Jargon heißt. Im eleganten langen dunklen Mantel, die Hände in roten Wollhandschuhen geborgen, lief sie heute Morgen gegen halb elf eiligen Schritts dem Demonstrationszug zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinterher. Der hatte sich trotz der eisigen Temperaturen fast pünktlich in Bewegung gesetzt. Erst nach Minuten konnte sie, wie es sich gehört, die erste Reihe des Zuges vervollständigen.

Dort blieb sie allerdings die einzige prominente Vertreterin ihrer Partei. Weder Lothar Bisky noch Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine ließen sich auf dem eineinhalbstündigen Marsch vom Frankfurter Tor zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde blicken, wo die vor 90 Jahren von antirevolutionären Freikorps-Soldaten brutal ermordeten KPD-Gründer Liebknecht und Luxemburg ihre letzte Ruhestätte fanden. Sie hatten lediglich ihren Kranz an der Gedenkstätte am Morgen abgelegt und das stille Gedenken dort eröffnet.

Was zu DDR-Zeiten noch eine offizielle Manifestation der Staats- und Parteispitze war – bei der Einweihung der "Gedenkstätte der Sozialisten" am 14. Januar 1951 waren die SED-Größen Wilhelm Pieck und Erich Honecker zugegen – hat sich zu einem trotzig-melancholischen Ritual der historisch geschlagenen versprengten Linken entwickelt.

Wie ein Basar des Linksradikalismus, ein grell-buntes Patchwork der (bis auf die "Linke") radikalen außerparlamentarischen Opposition präsentiert sich dieser eigentümlich postrevolutionäre Volksauflauf, an dem auch diesmal wieder knapp zehntausend Menschen aus allen Teilen der Republik und aus dem Ausland teilgenommen haben.

Wer den überwiegend in tiefes Fahnenrot getauchten Aufzug entlang der Karl-Marx-Allee, der einstigen Panzer-Paradezeile der DDR, an sich vorüberziehen ließ – sah die bewegte Theaterkulisse einer anderen Epoche, einer Zeit, in der Marx und Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong tatsächlich noch die millionenfache Hoffnung auf eine bessere Zukunft verkörperten.

Auch akustisch ergab sich ein historisierendes polyphones Potpourri, das an eklektizistische Cluster-Experimente in der Neuen Musik erinnerte: Hier sang der unvergessene Ernst Busch mit rollendem R "Vorwärts und nicht vergessen!", dort röhrte Rio Reiser mit "Ton Steine Scherben", und ein paar Meter weiter schon wetteiferten revolutionäre Marschklänge mit der guten alten Melodie von "Bella Ciao". Dazwischen immer wieder harte Rockrhythmen, bewährte Stimmungsaufheller bei Demonstrationen, die sich über Stunden hinziehen.

Die "FDJ" ("Freie Deutsche Jugend"), einst mächtige Jugendorganisation der SED, hat die Wende geistig unbeschadet überstanden und zum Demoauftakt ein regelrechtes Plakatschildlager mit fehlerfrei formulierten Parolen und stabilen Holzgriffen aufgebaut, aus dem sich jeder bedienen kann. Zum Beispiel: "Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt Imperialismus". Genau wie früher, nur mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man bis 1990 noch "in der BRD" geschrieben hätte. Nun sitzt man mit in der Patsche.

Ein Flugblatt des "Zentralrats" der "FDJ" warnt gar vor der Aufstellung neuer "Freikorps" durch die Bundeswehr. Und so wird denn auch im offiziellen Aufruf zur Luxemburg-Liebknecht-Demonstration die beinah hundert Jahre zurückliegende Vergangenheit umstandslos mit der Gegenwart von 2009 verknüpft:

"Vor neunzig Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umgebracht. Die Morde waren skrupellos geplant und wurden bestialisch vollzogen. Luxemburg und Liebknecht hatten die Systemfrage gestellt und das System antwortete.1915, inmitten des verheerenden Krieges, charakterisierte Rosa Luxemburg das kapitalistische System mit den Worten: 'Geschändet, entehrt, im Blute watend, vor Schmutz triefend - so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie.' Die Ideen, für die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kämpften und für die sie von der Reaktion umgebracht wurden, sind aktueller denn je. Sie ehrend demonstrieren wir gegen imperialistische Kriege."

Kein Wunder, dass sich da auch die "Antifaschistische Aktion" vollinhaltlich anschließen kann:

"Heute zeigt sich einmal mehr, dass der Kapitalismus eine verkommene Gesellschaftsordnung ist. Denn das Ziel kapitalistischer ökonomischer Produktion ist nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen, sondern der Profit des Kapitals, um im Kampf der Konkurrenz bestehen zu können. Der Drang, neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte zu erobern, treibt das Kapital immer weiter voran und hinterlässt eine Spur der Gewalt und Verwüstung."

Konsequenterweise fiel der Hinweis auf das sechzigjährige Gründungsjubiläum der Bundesrepublik (1949-2009) mehr als ungnädig aus. Die Parole im - überschaubaren - "Antifa"- und Autonomen-Block lautete: "Revolution statt Deutschland! Nie wieder Deutschland! Fuck off!"

Ganz so umgangssprachlich wollten es andere Gruppen nicht ausdrücken, aber sie meinten weithin das Gleiche: "Sozialismus statt Barbarei!" Am besten überall. "Der Sozialismus wird die Welt befreien", teilte die "KGO" mit, freilich nicht mit der "MLPD", der "TKP/ML", der "DKP" oder gar der "MLKP" ("Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei – Türkei/Nordkurdistan") zu verwechseln, während die "SDAJ", auch bekannt unter "Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend", besonderen Wert auf die Feststellung legte: "Kein Frieden mit der Nato!" Ein offenkundiger Einzelkämpfer fiel mit einem großformatigen Emblem auf, das nicht nur Hammer und Sichel, die traditionellen Symbole des Kommunismus, zeigte, sondern auch ein Gewehr. Zur Beruhigung: Es war nicht Christian Klar.

Die zahlreich vertretenen palästinensischen Gruppen forderten im Gegenzug ausdrücklich "Frieden in Gaza", "Israel raus aus Gaza!" oder einfach nur "Palästina, Palästina!", der eine oder andere unter ihnen wurde aber auch deutlicher: "Gegen die zionistische Mörderbande!" stand auf einem Plakat. Etwas dialogbereiter nahm sich ein anderer Appell aus: "Massaker sind keine Selbstverteidigung, Frau Merkel!

Nachdem sich einige jüngere Genossen an der letzten Aral-Tankstelle vor dem Ziel noch ein paar stärkende Biere besorgt hatten, erreichte die Spitze des Zuges die Gedenkstätte, deren ursprüngliche, 1933 zerstörte Form 1926 von Ludwig Mies van der Rohe entworfen worden war.

Wer das alles im Jahr 2009 zum ersten Mal sieht, staunt ein wenig. Den Weg zu Rosa und Karl säumen allerlei Buden und Büdchen samt Büchertischen und einer zünftigen Schwenkbraterei fürs hungrige Volk. Eine ganze Parade großer Lautsprecher sorgt für revolutionäre Beschallung auch noch auf den letzten Metern, während die Massen von links in das gemauerte Halbrund der sozialistischen Totenehre strömen, unter ihnen viele Gesichter, die zu vielen alt gewordenen Ex-Funktionären der DDR und ihrer Einheitspartei passen könnten.

Fast alle haben eine rote Nelke in der Hand, und so türmen sich schon am frühen Mittag tausende Blumen unter der Gedenkstele für die beiden ermordeten Revolutionäre des spätwilhelminischen Deutschland.

Golo Mann, der Sohn von Thomas Mann, ein brillanter, liberal-konservativer Historiker, war gewiss kein Freund von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Doch auch er beklagte in seiner "Deutschen Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts", dass "nicht demokratische Gewalt, sondern die Gewalt roher Söldner, welche mit der neuen Republik (1918/19) nichts zu tun hatten", gegen die beiden angewendet wurde. So habe "die Geschichte der ersten deutschen Republik im Zeichen blutiger, gemeiner Taten" begonnen.

Und tatsächlich, wenn man für eine kurze Minute ganz vorne am Mahnmal steht und all die aufgetürmten roten Nelken betrachtet, entsteht plötzlich so etwas wie ein ganz persönlicher Augenblick der Nachdenklichkeit, eine Erinnerung an Tragik und Dramatik der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Mit dem pseudorevolutionären Mummenschanz der Demonstration hat das allerdings nichts zu tun.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Erinnerungsfeier: Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: