Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die Gruppenarbeit wurde früher in Unternehmen als basisdemokratische Quatschidee der 68er angesehen, doch das hat sich verändert. In immer mehr Unternehmen bilden sich immer mehr Arbeitsgruppen, irgendetwas daran scheint zielführend zu sein - so empfinden das offenbar besonders die deutschen Autobauer. Sie gründeten nicht nur Arbeitsgruppen innerhalb ihrer eigenen Unternehmen, sondern tatsächlich 60 konzernübergreifende Arbeitsgruppen für mehr als 200 Mitarbeiter, deren Treffen sie allerdings aus guten Gründen geheim gehalten haben, bis meine Kollegen Frank Dohmen und Dietmar Hawranek ihnen auf die Spur gekommen sind.

Titelbild
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Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

Seit fast zwei Jahren recherchieren meine Kollegen im Abgasskandal, immer wieder waren sie auf Hinweise gestoßen, dass die Hersteller sich untereinander abgesprochen haben über ihre Strategie. Für die Titelgeschichte im neuen SPIEGEL konnten die Kollegen Einblick in die Selbstanzeige von VW nehmen, die beim Bundeskartellamt und der EU-Kommission vorliegt: "Mehrere Hundert Seiten. In Juristendeutsch verfasst, trocken, staubtrocken, aber explosiv", sagt Hawranek.

Aus dem Schriftsatz geht hervor, dass alle großen deutschen Autobauer beteiligt waren: VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler. Die Unternehmen bildeten ein Kartell - möglicherweise eines der größten der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Über die Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge gab es natürlich auch Absprachen und zwar bei zahllosen Treffen. Die Autohersteller verständigten sich auf kleine Tanks. Und so kam es nun zum Dieselskandal: Denn die in den Tanks enthaltene Menge AdBlue - ein Harnstoffgemisch mit dessen Hilfe Stickoxide in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff aufgespalten werden - reichte später nicht mehr aus, um die Abgase zu reinigen.

Inzwischen hat Gruppenarbeit auch in Schulen Einzug gehalten, Gruppenleistungen werden insgesamt benotet.

Arbeitsgruppe Autobauer: Setzen! Sechs!

Wie funktionierte das Auto-Kartell? SPIEGEL-Redakteur Dietmar Hawranek hat gemeinsam mit dem Kollegen Frank Dohmen die heimlichen Absprachen der deutschen Autobauer enthüllt. Im Video erzählt er, wie das System funktioniert - und was ihn am meisten verblüfft hat.

Körper und Politik I.

Wie wirkt sich der enorme körperliche Stress auf Politiker aus? Darüber redet der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen in einem SPIEGEL-Gespräch im neuen Heft. Er möchte Politiker zum Arzt schicken: "Jeder Pilot muss regelmäßig nachweisen, dass er die Sicherheit von Hunderten Personen gewährleisten kann. Politiker müssen nie nachweisen, dass sie für die Führung von 82 Millionen Menschen geeignet sind. Das ist doch seltsam, oder?" Er könne sich so etwas wie eine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" vorstellen: "Keine Ahnung, ob so ein Verfahren jemanden wie Trump verhindert hätte."

Körper und Politik II.

Spitzenpolitik erfordert Höchstleistungen, ich habe jedes Verständnis, wenn sich jemand nach einem 15-Stundentag nicht noch auf den Trimm-Dich-Pfad begeben will. Sahra Wagenknecht von der Linkspartei aber ist in einem so umfassenden Sinne Leistungsethikerin, dass sie mit ihrem Mann Oskar regelmäßig Fahrrad-Torturen unternimmt. Das beschreibt Marc Hujer in einem Porträt. Damit das Porträt zustande kommen konnte, ist Oskar Lafontaine zu Hause geblieben, Marc Hujer durfte mitfahren - für ihn war es auch eine Selbsterfahrung: Die Frau hat ihn radelnd fertiggemacht. Im neuen SPIEGEL können Sie lesen, wie er das währenddessen und im Nachhinein verkraftet hat.

Wagenknecht mit SPIEGEL-Autor Hujer
Dennis Williamson / DER SPIEGEL

Wagenknecht mit SPIEGEL-Autor Hujer

Außerdem im neuen SPIEGEL: Acht Demonstranten berichten über die Erlebnisse in den Tagen des G20-Gipfels. Eine Reportage über einen irakischen Bibliothekar, der in den Ruinen Mossuls nach gut erhaltenen Büchern sucht. Ein Spaziergang über die verkorkste Documenta.

Die Gewinner des Tages...

...stehen für mich seit Tagen fest, woran Sie sehen können, dass ich hier ein wenig mogele. Ich war so begeistert von einem Auftritt, dass ich Ihnen unbedingt davon erzählen wollte. Meine Kollegin Susanne Koelbl, Auslandsreporterin beim SPIEGEL, hat mit jungen Flüchtlingen aus Afghanistan und Iran das sogenannte Poetry Project gegründet, hat mit ihnen Gedichte erarbeitet, in denen die Jugendlichen Flucht, Fremdsein, Heimweh beschreiben, auch ihre erste Liebe.

DPA

Am Dienstag traten die 14- bis 18-Jährigen gemeinsam mit Herbert Grönemeyer in Clärchens Ballhaus in Berlin auf bei unserer Veranstaltungsreihe "Der SPIEGEL live im Spiegelsaal". Die Jungs gingen nacheinander ans Mikrofon, sie trugen in ihrer Sprache ihre Gedichte vor, ihre Stimmen waren hoch und leise, ihre Haare waren sorgfältig frisiert - typisch Jungs, so dachte ich. Und dann kam Grönemeyer und trug die Gedichte auf Deutsch vor, einfühlsam und schlicht, Grönemeyer ist eben nicht nur Sänger mit einem guten Verständnis für Texte, sondern auch Schauspieler. Plötzlich war gar nichts mehr typisch an diesen Jungs. Die Gedichte stammen von Menschen, die viel zu viel erlebt haben.

Lesen Sie selbst:

Existenz

Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.
Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.
Es gab einen Vater.
Er war nie da.
Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.
Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.
Ich liebte die Mutter.
Sie starb.
Ich wollte gehen
und ich blieb.
Ich wollte bleiben
und ich ging.
Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.
Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.

Mohamad Mashghdost, 18 Jahre alt

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Herzlich,

Ihre Susanne Beyer

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insgesamt 2 Beiträge
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Badischer Revoluzzer 22.07.2017
1. Zum Kartell kann ich nur sagen,
daß von den Bossen keiner den Hals voll genug bekommt. Wer solche Gehälter kassiert und so abgehoben ist, dem sind auch Gesetze egal.
goldziegel 23.07.2017
2. Kartellverdacht und Abgasskandal
Zitat von Badischer Revoluzzerdaß von den Bossen keiner den Hals voll genug bekommt. Wer solche Gehälter kassiert und so abgehoben ist, dem sind auch Gesetze egal.
Warum kommt dies erst jetzt ans Licht, wo doch die Anzeige schon aus dem letzten Jahr stammt? Richtig, die Bosse bekommen den Hals nicht voll. Aber was ist mit der Politik. Dieselskandal Land auf und Land ab. Das Engagement von Dobrindt & Co hält sich in Grenzen. Das erinnert mich an: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Schöner Rechtsstaat. Auch ich habe mich über den kleinen AdBlue Tank gewundert, der nach 10.000 km aufzufüllen war - 90,00 € mit Arbeitszeit. Als Kunde fühle ich mich betrogen.
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